Adolf Schmitthenner - Das deutsche Herz

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Ein historischer Roman, der zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges spielt: Friedrich von Hirschhorn ist zwar Lutheraner, spricht sich aber dennoch vehement für religiöse Toleranz und gegen die Religionskriege aus. Doch sein idealistischer und nach Ruhm strebender Sohn lässt sich davon nicht beirren und zieht in den Krieg…-

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Am Abend desselben Tages sprengte ein Reiter von der Landstraße her in die Wolfsschlucht hinein, ließ sein Pferd den steilen Pfad hinaufklettern, bis sich die Fenster der Kemenate in seinen Augen spiegelten, und rief zur Burg Zwingenberg hinauf: „Ursula! Ursula!“ Das Pferd strauchelte. Der Reiter sprang ab und führte es den Abhang hinunter.

Ursula öffnete oben das Fenster, winkte mit ihrem Tuch und rief: „Grüß dich Gott, Liebster!“

„Die Kutsche kommt!“ rief Friedrich rasch hinauf und schaute wieder auf den Boden. Er faßte den Fuchs knapper am Zügel und redete ihm begütigend zu. Dann hob er noch einmal den Kopf, sah über die Schulter zum Schloß hinauf und rief: „Geh ihr entgegen zum oberen Tor hinaus!“

Ursula sah schweigend zu, bis das Pferd wieder auf ebenem Grunde war, dann rief sie ein fröhliches „Hei!“ und war vom Fenster verschwunden.

Derweilen rollte die Kutsche langsam und majestätisch unter dem Schlosse hin, von einer großen Kinderschar begleitet. Die Lindacher Schule war gerade aus gewesen, als das Wunderwerk am Schulhaus vorbeistolzierte. Einen Augenblick standen die Buben und Mädchen in stummem Staunen, dann machten sie sich auf und sprangen hinter dem vierrädrigen Riesenvogel her, der, halb Kauter, halb Pfau, in würdevoller Unbeholfenheit dahinschwankte. In Zwingenberg verdoppelte sich das Ehrengeleite. Auch die Alten ließen ihr Nachtessen stehen und gingen langsam der entschwebenden Wundererscheinung nach.

Ursula stand schon lange auf der äußeren Brücke. Friedrich hatte im Hof sein Pferd abgegeben und war zu seiner Gattin getreten, da zeigte sich endlich das Verdeck, die Stirn, der Bauch und endlich das Wundergeschöpf in seiner ganzen Größe. Es kam den Schloßberg herauf, wie ein Maikäfer an einem Globus hinaufklettert. Jetzt war es oben, setzte sich in gelinden Trab und fuhr auf seine Herrin zu. Aber anstatt sich ihr huldigend zu Füßen zu legen oder stolz an ihr vorüber zu paradieren, blieb es zwischen den beiden Prellsteinen am Eingang der Brücke stecken. Der Genter Meister hatte beim Aufbau dieses fliegenden Palastes zwar gewissenhaft alle Hirschhorner Maße, berücksichtigt, aber von den Zwiftgenberger Engen und Weiten wußte er nichts. Es war kein Zweifel, die Kutsche konnte nicht in die Burg hinein.

Nachdem die Pferde ausgespannt und der schöne Fremdling aus seinem Gefängnis befreit war, wurde er mühsam umgedreht, so daß die Deichsel bergabwärts ragte. Zwei Zwingenberger Bürger mußten die Nacht hindurch bei der Kutsche wachen. Sie bekamen dafür einen Batzen, den Abendimbiß, die Morgensuppe und um Mitternacht je zwei Apfelkrapfen.

Nicht allein der Junker, auch noch andre besorgte Gemüter wachten in der Nacht mehrmals auf und lauschten, ob es nicht regne. Das Wetter hielt. Am frühen Morgen wurden die Pferde angeschirrt. Ursula verließ lachenden Herzens die Burg und stieg in ihr Wandelhaus. Ein Planwagen stand reisefertig im Hof. Darinnen waren Kisten und Kasten mit allerhand Inhalt. Auf einem Bänklein hinter dem Kutscher saßen zwei Mägde. Die eine davon hatte ein Kind auf dem Arm. Es war Ursa, das Mädchen, das vor dem Schlosse im ersten Häuschen gewohnt hatte, bis die Herrin die Verwahrloste unter ihre Dienerinnen nahm, um sie zu erziehen. Der Säugling war wohl gediehen; es war ein herziges Kindchen.

Als alles in Ordnung war, rief Friedrich: „Los!“ Die Kutsche setzte sich in Bewegung und gondelte prachtvoll die Schloßstraße hinab. Der Planwagen rasselte hinterher. Friedrich gab noch einige Aufträge, dann sprengte er den beiden Fuhrwerken nach und ritt neben seiner Frau auf der Landstraße, den fröhlichen Neckar zur Linken, das schwebende Gehäuse und den grünen Bergwald zur Rechten, gen Hirschhorn.

Als sie Eberbach hinter sich gelassen hatten, trieb ihnen der frische Märzwind, der in der Nacht von Osten nach Nordosten umgeschlagen hatte, eine graue Wolke über den Kopf, und aus ihr sprühten Graupenkörner und Regentropfen. Hinter der vordersten Wolke zogen andere herauf, denen man schon von fern den gleichen Schabernack ansah. Friedrich zog den Wolfspelz enger zusammen und freute sich, daß sein Weib so warm und wohlig thronte. Aber er dachte auch an das kleine Kindchen in dem Planwagen. Das war denn freilich übel versorgt. Der Regen schlug von vorn und von der rechten Seite herein, und vom Dache her troff das Wasser aus verschiedenen Spalten und Löchern. Der Junker ließ den Wagen halten und griff nach dem Kindchen. Die Tücher und Kleider waren von außen her ganz durchnäßt. Da dauerte ihn der arme Wurm. Er ließ die Kutsche halten und klopfte seiner Frau an das Fenster. Nach einiger Mühsal brachte sie das kleine Verkehrstürchen auf. Es war gerade groß genug, daß der Ritter zur Not seiner Frau einen Kuß geben konnte. Der Junker beugte sich herunter, volbrachte dieses Werk und sagte sein Anliegen.

„Da muß ich aber die Mutter auch gleich hereinnehmen“, erwiderte Ursula, „denn wir haben noch ein Stunde Fahrzeit; da kann mancherlei vor sich gehen.“

Ursa gab das Kind an ihre Genossin und kletterte vom Wagen. Das Kind wurde ihr heruntergereicht. Der Fuhrmann, der den Planwagen führte, stieg ab und öffnete den Kutschenschlag. Ursa stieg ein und wollte sich neben die Herrin setzten. Friedrich faßte sie am Ellbogen und bedeutete ihr, wohin sie sich zu setzen habe. Der Kutschenschlag wurde geschlossen, und die Fahrt ging weiter.

Ursula war nicht gerade erbaut durch die Anwesenheit ihrer Namensschwester. Mit einem Gemisch von Neugier und Widerwille sah sie die Dirne an, die nicht wußte, wie der Vater ihres Kindes hieß, weil er ihr zu schnell verbrannt war. Die Gesichtszüge stießen sie ab; auch die Art, wie das Mädchen ihr Kind liebkoste, hatte etwas Tierisches. Ursula ließ sich das Töchterchen herüberreichen. Sie wiegte es auf den Armen, und das Herz schwoll ihr bei dem Gedanken, daß sie nun selber bald ein solches Geschöpf ihr eigen nennen dürfe. Sie hob das Kind in das Licht und betrachtete sein Antlitz. Das Muttermal über der linken Braue schien gewachsen zu sein. Wie eine aufzüngelnde Flamme schlug es hinter den Augen empor. Das süße Gesichtchen bekam dadurch etwas Gewaltsames und Zerrissenes. ‚Wenn das Dirnlein zu Jahren kommt, werden sich die einen vor ihm fürchten‘, dachte Ursula, ‚den andern wird es das Herz verbrennen.‘

Und nun sann sie wieder nach über die Ursache des Males. War es der Feuerruf oder war es der Flammenschein? Eine große Angst kam über ihr Herz, denn sie wußte, daß jener Todesschrei, der sie aus den Armen ihres Gatten schleuderte, den innersten Kern ihres Lebens geschlagen hatte. Sie legte die Hand unter ihr Herz und schloß die Augen.

In fürchterlicher Weise wurde sie aus ihrem Sinnen und Träumen geweckt. Ein Schrei wurde ausgestoßen, worinnen sich Grauen und Jubel mischten. Dicht neben ihr. Es war die Dirne. Sie hatte ihr Kind in Ursulas Schoß geworfen und klopfte an die Wagentüre und rüttelte an ihr. Ursula war bis ins Mark erschrocken. ‚Das ist der Tod, der geschrien hat, er verlangt nach meinem Kind‘. So fuhr es ihr durch den Sinn. Mit zitternden Händen umfaßte sie das fremde Kind und sah entsetzt das Gebaren des Mädchens, das außer sich schien vor Lust und Angst.

„Ich will hinaus, ich will hinaus“, schrie sie.

Die Kutsche hielt. Der Kutscher kletterte herunter und öffnete. Friedrich hielt die scheu werdenden Pferde. Kaum hatte sich die Türe ein wenig geöffnet, so stürmte Ursa hinaus mit solcher Gewalt, daß der Knecht in den Graben fiel, und sie lief wie ein Flüchtling, der um sein Leben rennt, den Weg zurück, einem Reiter nach, der an ihnen vorübergeritten war und in scharfem Gang die Straße dahintrabte. Einen Augenblick waren alle dergestalt bestürzt, daß sie sich verwundert anschauten oder der Dahinlaufenden tatenlos nachblickten. Friedrich hatte sich zuerst gefaßt. Er sprengte der Enteilenden nach, holte sie ein, faßte sie am Arm und führte das heulende, sich windende Mädchen zur Kutsche zurück. Der Reiter ritt davon, ohne sich um den Vorgang zu kümmern.

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