Trivial, Gusin erhob sich, das kann man wohl laut sagen. Er verließ seinen Platz und spürte augenblicklich den Temperaturanstieg. Sobald das Dach keinen Schatten mehr spendete, übermannte ihn die Hitze, aber er ließ sich nicht beirren und lief den Kiesweg des Hotelgartens entlang, der von Büschen gesäumt war. Bestimmt gab es Menschen, die den Winter mochten, der sich wie ein eisiges Gespenst bis weit in den Juni hinein im Nacken festkrallte. Oder diese Dunkelheit, die schon im Oktober schwer auf Körper und Seele drückte und dann fünf lange Monate herrschte. Oder die Mückenplage ... Warum gab es überhaupt Verrückte, die das Leben dort liebten?, fragte er sich und strich vorsichtig mit der Hand über die harten Blätter der Büsche. Ein paar Schmetterlinge wurden durch die Bewegung des Zweiges aufgeschreckt und flatterten davon. Er wusste genau, was er wollte. Und was Lilja wollte. Was sie verdiente.
Lilja, meine Lilja, du bist nicht geschaffen für die eisige Tundra. Unter deinen Zehen solltest du Grashalme spüren, umgeben von Rosenduft und Geißblättern solltest du sein. Du hast es verdient, bei offenem Fenster zu schlafen und von den Gesängen der Nachtigall und Amsel geweckt zu werden. Anders, als es jetzt ist. Du wohnst an einem Ort, wo das Thermometer kaum eine Plusskala benötigt, wo man nichts anpflanzen kann und wo kaum einer weiß, was eine Parkbank ist, wo niemand in einer Hängematte liegen kann, die zwischen uralten Eichen hin und her schaukelt.
Gusin betrachtete die riesigen Palmen.
Zwergbirken! Was sind das überhaupt für Bäume? Missgebilde sind das, und wenn wir nicht bald nach Süden ziehen, sehen wir auch bald so knorrig und verkrüppelt aus. Unsere Kinder ertrinken in Spielsachen, aber sie haben noch nie einen Schmetterling gesehen, dachte Gusin traurig, als die zwei Falter, die er aufgeschreckt hatte, wieder an ihm vorbeiflatterten. Sie waren orange mit einer schwarzen Umrandung. Unsere Kinder haben noch nie Schmetterlinge gesehen!
»Das muss sich ändern!«, rief Michail Alexandrowitsch Gusin und verließ den kleinen Garten, um eine Handvoll jener Investoren zu treffen, die ihm diese Veränderung ermöglichen sollten.
In fünfundzwanzig Kilometern Höhe fegte der Wind unverändert mit achtzig Stundenkilometern Richtung Nordost durch die Atmosphäre, teilte der Meteorologe aus Oslo in seinem täglichen Faxbericht mit. Es war ungewiss, wann der Jetstrom abnehmen und schließlich seine Richtung ändern würde. Ebenso ungewiss war, wann der Wetterballon aufsteigen konnte. In einer Woche, in zwei, vielleicht auch früher.
Das Fax hing am Schwarzen Brett in der Sverdrupsbase, der norwegischen Forschungsstation von Ny-Ålesund. Von den etwa zwei Dutzend Holzhäusern unterschiedlicher Baujahre war es eines der neueren Gebäude. Zwei kleine zusätzliche Experimente sollte Plancks Ballon mit in die Atmosphäre nehmen: Das eine bezog sich auf die ultraviolette Strahlung, das andere konnte Kimi nicht zuordnen. Er sah nur, dass es offenbar die Befestigung von langen Antennen erforderlich machte, die wie Stacheln aus dem Korb herausragten. Wahrscheinlich hatte der für das Antennenprojekt zuständige Forscher, Professor Legernes, das Fax ans Brett gehängt. Er war es auch, der Kimi indirekt dazu veranlasst hatte, die Station aufzusuchen, um das Telefon zu benutzen.
Der Blick, mit dem ihn Legernes während seines Vortrags gemustert hatte, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Es war keine große Geste, wirkte noch nicht einmal künstlich herablassend, lediglich eine Augenbraue hatte er gehoben. Die Skepsis und das Mitleid der Welt gefangen in einer einzigen Sekunde. Kimi machte den Umweg über die Station, um eben diesem Blick nicht erneut begegnen zu müssen. Er hatte ihm bedeutet, dass seine Anstrengungen, Emil Planck aufzuspüren, bei weitem nicht ausreichten.
Ein kurzbeiniges Spitzbergen-Rentier hatte sich zwischen den Gebäuden verlaufen und glotzte blöde durch das Fenster, als er die Nummer der Universität Uppsala wählte. Kennet Wilhelmsson war einer von Plancks engeren Kollegen, und als Verantwortlicher für die fünf Forscher der Atmosphärendynamikgruppe musste er auch etwas mit Plancks Klimaveränderungsgruppe zu tun haben. Na ja, Gruppe war hier nicht gleich Gruppe, Plancks Einheit wurde auf der Website so bezeichnet, allerdings war Emil Planck deren einziges Mitglied.
»Wilhelmsson!«, rief es am anderen Ende der Leitung. Leider wusste er aber auch nicht, wo Planck sich aufhielt. »Nein, wie soll ich sagen, unsere ›Wechselwirkung‹ zeichnet sich nicht durch eine hohe ›Frequenz‹ aus. Ja, viele Reisen, sogar nach Las Vegas, ich weiß, das klingt immer ein bisschen komisch, aber die Konferenzhotels sind billig da. Nein, meines Wissens betreut er im Augenblick keinen Studenten als Doktorvater. Ich hatte den Eindruck, dass er an vielen internationalen Kooperationen arbeitete. Natürlich werde ich ihn grüßen, wenn ich ihn sehe. Kimmy, war das, oder? Ach so, ja. Hier ist es noch ein bisschen früh am Morgen!«
Das Rentier trottete davon. Ein Paar Seeschwalben attackierten es in Sturzflügen und wirbelten um seine Geweihspitzen herum, als wäre es dabei, ihr Nest zu zertrampeln. Doch das Rentier ließ sich nicht beirren, blieb stehen, scharrte mit dem Huf, rupfte Flechten aus und kaute genüsslich darauf herum.
Die Institutssekretärin war zwar gesprächiger als der Universitätskollege, wusste aber ebenso wenig. »Nein. Keine Ahnung. Leider, leider. Ich weiß nur selten, wo er hinfährt, und – unter uns gesagt – auch nicht, wo er gewesen ist. Dabei mache ich sogar seine Reisekostenabrechnung. Früher konnte man das ja an der Währung erkennen, aber jetzt mit dem Euro ... Es gibt schließlich länderspezifische Aufwandsentschädigungen, nicht wahr! Wenn er zu viel bekommt, gilt das als ein steuerpflichtiges Einkommen, und das betrifft ihn dann ja wohl auch?« Dabei hatte Kimi lediglich gefragt, ob sie wisse, wann Planck zurückkomme ... Einfach zu raten, wo er als Nächstes hinfahren könnte, wäre schließlich auch eine Zumutung ... »Nach Spitzbergen? Hieß das so? Nördlich von Norwegen, Richtung Nordpol, ach so! Herr Professor Planck ist sehr erfolgreich, er wird oft zu Konferenzen eingeladen, auf denen er Vorträge halten soll. Allerdings tauchen die Hotelkosten nie auf einer der Spesenabrechnungen auf, das spricht doch für sich!«
Emil Planck hatte doch bestimmt eine Familie und ein Zuhause. In Schweden gab es ein paar Dutzend mit dem Namen Planck, aber Kimi wusste genau, dass es keinen Sinn hatte, auch nur einen davon anzurufen. Noch bevor er erstmals von den viel gerühmten Artikeln in der Nature gehört hatte, war ihm eine Geschichte über den Dozenten an der Universität Uppsala zu Ohren gekommen, die ihn noch heute staunen ließ: Plancks Schönheits-OP seines Namens. Ein kleines zusätzliches ›c‹ befreite ihn von den Assoziationen ›Sägespäne und Holzkopf‹ und stellte ihn in eine Namenslinie mit dem Erfinder der Quantenmechanik.
Auch er war nicht als Kimi Hoorn auf die Welt gekommen, sondern als Kjell-Åke Sjöström. Er sei ein show-stopper , ein richtiger Knüller, wie ihn sein Agent und Entdecker nannte. Er hatte ihn damals auf Las Palmas am Strand angesprochen, wo er als Student seinen Urlaub verbracht hatte. Kjell-Åke würde keiner aussprechen können, redete ihm sein Agent ein. Kimi hingegen würde androgyn und modern klingen, Hoorn sogar irgendwie adlig, ohne dabei dem echten Adel zu nahe zu treten. Keiner aber hatte sich darüber Gedanken gemacht, wie oft seine Modelkollegen ihn »Kimi’s horny« nennen würden.
Kimi legte den Hörer auf. Während er dem weidenden Rentier zusah, dachte er einen Augenblick lang daran, alle Planks ohne ›c‹ anzurufen. Doch er ließ die Idee sofort wieder fallen. Die Liste wäre zu lang.
Planck und er waren sich nur ein einziges Mal begegnet. Der Forscher aus Uppsala hatte sich anlässlich eines Seminars über Klimaveränderungen in Göteborg aufgehalten, um dort einer Reihe von Vertretern aus Gemeinden und Landtagen Hintergrundwissen zur Umsetzung neuer Richtlinien zu vermitteln. Kimi hatte Planck als einen zurückhaltenden, fast scheuen Menschen wahrgenommen. Seine Kleidung war so dezent gewesen, dass Kimi sich überhaupt nicht mehr daran erinnern konnte. Eine Seltenheit für sein ehemals auf Oberflächlichkeit trainiertes Gedächtnis. Aber an das dünne Haar, das nicht den gesamten Kopf bedeckte, daran konnte er sich sehr gut erinnern, ebenso an die weit auseinander stehenden Augen, die hellblau strahlten, wenn er ein seltenes Mal den Blick hob. Auch Plancks geschmeidigen Gang hatte er noch vor Augen, der ihn sofort an einen Judomeister oder Mönch denken ließ.
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