LesAl dominierte Lesojansk, wie die Marineflotte die Skyline von Murmansk beherrschte. Als direkter Nachfolger einer steil nach unten führenden Hierarchie war er Anführer eines ganzen Gefolges von sowjetischen Schmelzofenchefs und hatte in der Stadt automatisch den Posten, der den größten Respekt einflößte. Zumindest, seitdem eine Bank in das Hauptquartier der Staatspartei eingezogen war. Aber er wusste auch, dass er bei LesAl nicht der unangefochtene Vize war. Er war vielmehr der unwichtige Zweite, ein gekaufter Handlanger, der mit einem Federstrich seinen Schreibtisch, seine Stellung und alles andere verlieren konnte, wenn es der Besitzer so wollte, der Oligarch Witali Tretjakow.
Hätte Tretjakow sein Versprechen gehalten und ihn zum Direktor des Chemiekombinates in Rostow ernannt, wäre die Situation eine vollkommen andere. Die Arbeit wäre besser auf seine Ausbildung zugeschnitten gewesen, das Kombinat war kleiner als LesAl und weniger prominent in der öffentlichen Wahrnehmung. Aber Tretjakow hatte seine Meinung geändert. Das Kombinat war mittlerweile verkauft, und der damalige Direktor war ein vermögender Mann mit Datsche und einem Haus in Kroatien. Lilja schwärmte noch heute von der schönen Lage der Stadt am Schwarzen Meer, von der Möglichkeit, am Wochenende auf die Krim-Halbinsel zu fahren, von den Zwiebeltürmen, den bunten Farben und den Blumen, die in den Beeten wuchsen.
Wenn alles nach Plan verlief, würden Herr und Frau Gusin bald über Tretjakows Nichtberücksichtigung hinweggekommen sein. Das Mittelmeer war außerdem viel wärmer als das Schwarze Meer.
Der Wagen hatte die nordwestliche Ecke der Anlage erreicht, wo die Demontage des alten Wachturms noch in vollem Gange war. Es sei unklug, die alte Flutlichtanlage zu verschrotten, war ihm gesagt worden, und es sei schade um die schönen Plattformen. Vielleicht könnte man die eines Tages wiederverwenden. Man wusste nie. Nein, vielleicht doch lieber nicht. Dafür wusste Gusin aber ganz genau, dass die Investoren für ein modernes, ziviles Aluminiumschmelzwerk ganz andere Summen zahlten als für ein altes Militärlager. Er hatte die Order gegeben, sämtliche Wachtürme abzureißen, die die Mauer des sechs Quadratkilometer großen Werksgeländes an zentralen Stellen krönten. Dieser Turm war der letzte, und die Zeit drängte. An dieser Stelle würden die Investoren und Finanzanalytiker zuerst vorbeikommen, hier würden sie mit ihren Limousinen eintreffen, wenn der Börsengang vermeldet wurde. Genau an dieser Ecke sollte den Besuchern der erste Eindruck von LesAl vermittelt werden, bevor sie es auf Herz und Nieren prüften. Hier durfte dann auf keinen Fall ein Symbol des alten Gulags stehen.
Sie passierten ein frisch gestrichenes Schrankenhäuschen, an dessen geöffnetem Schlagbaum der Wachposten stramm salutierte. Gusin schauderte bei dieser militärischen Geste und bat den Chauffeur, dem Wachmann mitzuteilen, dass er damit ein für alle Mal aufhören solle. Dann rollten sie durch das Haupttor.
Als Gusin an den Glaswänden vor dem alten, marmornen Treppenhaus vorbeilief, sprang seine Sekretärin Jelena von ihrem Schreibtisch auf und stürzte in sein Arbeitszimmer. Mit ihrem Dialekt, der vor zischenden R-Lauten auf der Zungenspitze nur so sprühte, zählte sie die anstehenden Aufgaben auf, die bereits auf seinem Schreibtisch ausgebreitet lagen. Er winkte ein wenig abwehrend mit der Hand, schließlich lagen die Papiere vor ihm, und er konnte lesen. Aber gerne eine Tasse Tee, vielen Dank.
Sein Schreibtisch war modern und bestand aus einer Platte aus gehärtetem Glas, die auf einem Gestell aus glänzendem Stahl lag. Er hatte sich noch nicht so richtig mit der kalten Oberfläche angefreundet. Die übrigen Einrichtungsgegenstände in dem großen Raum, der Konferenztisch und die Sofagruppe, waren erst vor kurzem als Ausbeute einer langen Reise nach Mailand dazugekommen und standen in einem starken Kontrast zu dem frisch geschliffenen sowjetischen Stabparkett aus Birke. Er überflog die Unterlagen, das meiste bezog sich auf Vorbereitungen für das bevorstehende Abteilungsleitermeeting. Ein neuer Großkunde aus Harbin forderte besondere Zahlkonditionen, sollte er das akzeptieren oder es an die Bank weiterdelegieren? Preisdruck aus Kanada, weil ein einheimischer Hersteller die Marktführung für Aluminiumfolie übernehmen wollte, wie lautete LesAls Antwort darauf? Schwere Frostschäden in Gebäude Nr. 5, der ehemaligen Lagerhalle: verstärken oder abreißen? Und so weiter, zwei dicht beschriebene Seiten lang. Das meiste davon würde er im Meeting besprechen und lösen können.
Jelena kam mit dem Tee in einem höchst unpraktischen Glas, das wahrscheinlich bei der Möbellieferung aus Italien dabei gewesen war. In der anderen Hand hielt sie ein Fax. Sie sah besorgt aus.
»Also gestern, als Sie in London waren, rief ein Kriminalbeamter aus Moskau an und wollte mit Ihnen sprechen. Er unterstützt die schwedische Polizei bei der Suche nach einem Professor.«
Sie legte das Fax vor Gusin auf den Tisch. Ein grobkörniges, vergrößertes Passfoto starrte ihn an.
»Das war doch der Mann, der hier zu Besuch war, oder nicht? Ich erkenne ihn wieder, auch wenn das Foto ziemlich alt ist. Ich erinnere mich an seinen Blick. Was soll ich dem Kriminalbeamten sagen, wenn er noch einmal anruft?«
»Sagen Sie ihm, wie es war. Dass er hier war, sich äußerst unfreundlich verhalten hat und dann wieder abgereist ist. Dass wir keine Ahnung haben, warum er überhaupt gekommen ist, und dass er gegangen ist, ohne sich zu verabschieden. Sagen Sie ihm das. Und, danke für den Tee.«
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