Emil Planck musste nun so schnell wie möglich erfahren, dass sie jetzt endlich zu ihm aufbrechen konnten. Sie hatte sich lange genug Zeit gelassen. Glücklicherweise war er nicht aufdringlich gewesen, hatte weder angerufen noch gemailt, um sie unter Druck zu setzen. Sie schätzte seine umsichtige Art und war deshalb umso mehr bestrebt, ihm die guten Nachrichten zu verkünden. Das Geld war auf dem Konto. Sie rief ihn an. Planck ging nicht an den Apparat. Sie wartete geduldig die Ansage ab.
»Hej, hier ist Diana McManus von Serve Earth. Es ist alles arrangiert, wir können lossegeln. Natürlich nicht sofort, aber so in drei Wochen, denke ich. Dann sind wir in etwa fünf Wochen in Spitzbergen. Das wird aufregend, ich rufe an, sobald ich Genaueres weiß. Bis dann, alles Gute.«
Der nächste Anruf ging an die Frau, die mittlerweile alleine das mikroskopisch kleine Büro ihrer Organisation leitete.
»Ich bin’s. Es ist vollbracht. Das Geld müsste im Laufe des Tages aufs Konto eingezahlt werden. Ein Haufen Kohle ist das. Nicht, dass du glaubst, es sei ein Fehler, und alles wieder zurücküberweist ... Wie bitte? ... Nein, ich glaube nicht, dass an der Sache was faul ist. Es gibt noch gute Menschen mit zu viel Geld, so kompliziert ist es gar nicht.«
Aber eigentlich war es das eben doch, dachte Diana, einen Hauch komplizierter. Sie beendete das Gespräch.
Die Pforte zu dem kleinen Park neben der Kirche stand offen. Im Schatten der alten Backsteinmauer saßen Leute und picknickten, drei Bänke waren noch frei. Diana wählte die unter einer Weide, vor der der Boden mit dünnen Zweigen bedeckt war. Hier würde sie bestimmt eine Weile in Ruhe sitzen können.
Zuerst die Werft. Sie holte einen dicken Stapel Papier mit lauter Eselsohren hervor, die Kostenvoranschläge und die E-Mail-Korrespondenz. Der Werftbesitzer klang genervt, als er Dianas Namen hörte, beruhigte sich aber schnell wieder.
»Meinetwegen können die Reparaturarbeiten schon morgen beginnen. Geld? Ja, das haben wir. Ganz sicher, auf dem Konto! ... natürlich kann ich Ihnen einen Kontoauszug mitbringen, aber vielleicht wäre ein Vorschuss besser ... Heute noch, versprochen, ich bringe den Einzahlungsbeleg mit ... Die Reserveteile liegen doch seit unserer letzten Abmachung bereit, oder ... auf einem sauberen Stapel? Ja, ich weiß, das war ein wildes Hin und Her, entschuldigen Sie bitte. Aber das Geld ist bald auf Ihrem Konto. Wir sehen uns dann morgen ... Wie bitte? Nein, ich werde den Einzahlungsbeleg bestimmt nicht vergessen.«
Der Nächste war Peter. Sie holte den frankierten Umschlag mit dem Arbeitsvertrag hervor und legte ihn sich auf die Knie, der dicke Papierstapel diente als Unterlage. Sorgfältig trug sie seinen Namen in den Vertrag ein, ungewöhnlich deutlich, ohne zu zittern. Peter Larrington war ein professioneller Skipper, ein ausgebildeter Ocean Yachtmaster, mit Sextant und allem Drum und Dran. Vor kurzem war er noch als Steuermann auf einer 110-Fuß-Segelyacht im Mittelmeer gefahren. Er schien ein sehr zuverlässiger und angenehmer Kerl zu sein, und sie freute sich darauf, ihm von dem unterschriftsreifen Vertrag erzählen zu können. Ihre Nachricht auf seinem Anrufbeantworter beendete Diana mit den Worten, dass sie sich auf die Zusammenarbeit freue und er in den nächsten drei Wochen anheuern könne.
Diana hatte sich für Peter vor allem wegen seiner fachlichen Kompetenz entschieden, weniger wegen seiner politischen Ansichten. Sie war vorgegangen wie eine Regierung bei der Kabinettsbildung, die sich eher für einen politikfernen Justizminister entscheidet. Hin und wieder war die Zusammenarbeit mit einer qualifizierten Person von Vorteil, die ihre Aufgabe mit professionellen Augen betrachtete und frei von ideologischen Überlegungen agierte.
Zuletzt wählte sie die Nummer von Klaus Höltzenbein. Er meldete sich auf Deutsch, wechselte ins Englische und stotterte anfangs ein wenig herum. Im Hintergrund hörte Diana Lärm und Geschrei und ein leises Surren, so als hätte Klaus seine Kamera geschultert, während sie miteinander sprachen.
» Wunderbar . Klar, kannst du mir den Vertrag schicken. Aber das ist nicht so wichtig. Ich komme auch so mit. St. Katharine Docks, ja. Bei den Towern, okay. Kein Problem. Ich nehme den Zug durch den Eurotunnel, sobald das hier abgedreht ist. Phantastisch!«
Klaus war jung, Kameramann und Autodidakt. Auf den ersten Eindruck vollkommen chaotisch, aber Diana hatten seine Arbeitsproben und die Beiträge im Fernsehen tief beeindruckt. Viele Nahaufnahmen, eine Mischung aus fast ungebührlicher Nähe und Weitwinkel. Eine schöne Tiefe und Schärfe in den Zooms, und er war auch sehr bewandert in der digitalen Nachbearbeitung.
Diana hatte immer von so einem Feldfotografen geträumt. Ohne die richtige visuelle Verpackung existierte keine realistische Chance, den Mediendschungel zu durchdringen. Mit dem richtigen Bildmaterial dagegen stand einem die gesamte Medienwelt offen. Die Leute sahen fern und lasen Illustrierte, das war die Realität. Dort wurde der Kampf entschieden. Andere Umweltorganisationen arbeiteten anders, aber das war deren Sache. Diese großen, schwerfälligen Kolosse mit ihren zähen Versammlungen, unendlichen Abstimmungen und Tausenden von Tagesordnungspunkten. Eine Armada von Angestellten rannte dort herum und war besorgt, dass die Mitglieder die falschen Dinge von sich geben könnten, bevor sie spät am Abend wieder in ihren Zelten verschwanden. Ein begnadeter Kameramann und Fotograf wie Klaus bedeutete mehr als zwei Wahlkreise und einen Bezirk, mehr als zehn Mitgliederzeitschriften.
Die Sonne hatte den Kirchturm umrundet und schien jetzt auf ihre Bank. Serve Earth hat eine klare Einstellung zu seinem Umweltengagement, fasste Diana in Gedanken zusammen. Das und ein gutes Boot. Der hohe Mitstreiterverlust stellte keinen besonders großen Schaden dar, zumindest nicht auf lange Sicht. Zwar war es jedes Mal ein Schlag ins Gesicht, wenn einer der Weggefährten die Gangway verließ und sein Hab und Gut an Land trug, aber mittlerweile berührte sie das nicht mehr so. Die Rekrutierung von Peter und Klaus, einem erfahrenen Skipper und einem hungrigen Fotografen, erfüllte ihre Anforderungen für die Spitzbergen-Kampagne in ausreichendem Maße. Sie betrachtete die Reise als eine Kampagne, trotz der sich aufdrängenden Frage, worauf das eigentlich alles hinauslaufen sollte, trotz der Unsicherheit darüber, ob Serve Earth überhaupt von der Aktion profitieren würde. Von dem Scheck mal abgesehen.
Es war irgendwie merkwürdig, dass Emil Planck nichts hatte von sich hören lassen. Sie waren sich nur ein einziges Mal begegnet. In den guten alten Zeiten. Er war im Rahmen einer Umweltkonferenz in La Spezia bei einem kleinen Ausflug nach Elba mit an Bord gewesen. Diana erinnerte sich sehr genau an seine Art, sich auszudrücken, jede seiner Erklärungen zog sich unendlich in die Länge, da sie hauptsächlich aus langen Pausen bestanden. Derselbe Redestil hatte sie erneut verwirrt, als er sich Jahre später bei ihr meldete und sie und die Organisation zu sich einlud. Er hatte einiges an Informationen preisgeben müssen, ehe Diana sich davon überzeugen ließ, dass Planck mit seinen Messungen auf Spitzbergen einem bedeutenden Treibhausgas auf der Spur war, dem die Wissenschaft bis dahin äußerst wenig Beachtung geschenkt hatte. Er hatte gesagt, dass man etwas Entscheidendes entdecken würde, während Serve Earth vor Ort wäre.
Aber es war dennoch sehr bizarr, dass Planck sich so passiv verhielt. Wäre da nicht dieser Scheck gewesen, den sie gerade eingelöst hatte, hätte sie auch keinen weiteren Gedanken daran verschwendet.
Michail Alexandrowitsch Gusin beugte sich vor und kniff einem kleinen Schimpansen ins Ohr. Es war steif. Und das Fell war rau. Allerdings glänzte es und hatte eine schöne Farbe. Aber Nastja sollte etwas Kuschliges bekommen. Groß und ganz weich. Er ging mit dem Verkäufer im Schlepptau an dem Regal entlang, das vom Boden bis zur Decke mit Löwen, Elefanten und Affen in leuchtenden Farben gefüllt war. Ein Dromedar in Lebensgröße markierte den Übergang zu der eher traditionellen Bärenabteilung. Er drückte einem Braunbären auf die Nase.
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