Kimi zögerte mit der Antwort, während einer der Mitarbeiter kurz über die Flugverbindungen informierte. Als die erhobene Hand des Premierministers diese Ausführungen abrupt unterbrach, sah er sich jedoch gezwungen, etwas zu sagen.
»Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung, wo er sich befindet.« Kimi sah, dass der Premier dies zur Kenntnis nahm, während sich die drei Journalisten weiter hinten im Hörsaal eifrig Notizen machten. Kimi wagte einen neuen Versuch.
»Lassen Sie uns nun kurz das Experiment ansehen, um das es geht! Ziel ist die Messung des Fluormethangehalts in der Stratosphäre. Sie haben richtig gehört, Fluormethan , eines der sechs Treibhausgase, deren Emission laut Forderung des Kyoto-Protokolls reduziert werden soll. Ein äußerst schädliches Gas. Sechstausend Mal schlimmer als das gewöhnliche Kohlendioxid.« Bei diesen Worten zeigte er auf die Sechstausend, die er mit dem Filzstift in die obere Ecke der Folie geschrieben hatte. Durch das Zittern seiner Hand verwischte die Zahl, die Spitze des Stiftes hüpfte unruhig über die Folie. »Die Versuchsanordnung sieht vor, mithilfe eines Forschungsballons Luftproben in circa zwanzig Kilometern Höhe zu nehmen. Niemand hat das bisher so weit im Norden versucht. Ein einzigartiges Vorhaben. Mit dem Ballon werden zwei Stahlflaschen aufsteigen. Wenn er die richtige Höhe erreicht hat, öffnet sich ein Ventil, Luft wird eingesogen, und das Ventil schließt sich wieder. Damit ist die Luftprobe gesichert. Etwas später, in noch größerer Höhe, geschieht dasselbe mit der zweiten Flasche. Danach werden beide abgeworfen.« Kimi zeigte mit dem Stift auf seine naive Zeichnung, auf der die Stahlflaschen wie zwei Bomben vom Korb des kugelrunden Ballons auf ein darunter stehendes Strichmännchen fielen.
»Es wird noch ungefähr eine Woche dauern, bevor wir den Ballon tatsächlich steigen lassen können, möglicherweise auch zwei oder drei. Wir müssen abwarten, bis sich die Jetströme gelegt haben und ihre Richtung ändern. Dann, und nur dann, kann der Ballon gestartet werden. Wir wissen noch nicht genau, wann das sein wird.«
»Und was geschieht danach mit ihm? Also, mit dem Ballon?« Eine Frau mit randloser Brille erhob sich, während sie ihre Frage stellte.
»Er wird davongetrieben ... Unser Interesse gilt selbstverständlich den Flaschen, sie haben Fallschirme, das hatte ich vergessen einzuzeichnen.« Und dann verlor Kimi sich in einer wortreichen Erläuterung darüber, wie das Forscherteam die wertvollen Proben in der Eiswüste aufspüren würde. Nach außen wirkte er ruhig und gelassen, während seine Zunge nervös hinter seinen makellosen weißen Zähnen hin und her fuhr. Er sah, wie die Journalisten ihre Stifte aufs Papier senkten, als sein Bericht den Höhepunkt erreichte: wie die Proben mithilfe einer besonderen Apparatur eingelesen werden würden.
»Ich meine, vorhin die Frage gehört zu haben, wie hoch das zu erwartende Messergebnis sein wird. Wahrscheinlich wird es sich im Bereich von achtzig ppt bewegen. Was ppt ist? Der billionste Teil. Richtig, das ist nicht besonders viel, aber vergessen Sie bitte nicht: Es handelt sich dabei um ein sehr schädliches Gas. Es ist zweifellos eine Herausforderung, eine solche Messung überhaupt vorzunehmen, aber die Ausrüstung hier in Ny-Ålesund ist absolute Weltklasse.«
Hier warf der Forschungsdirektor ein, dass sich das vortreffliche Instrument im Labor der Zeppelinstation befände, und schielte verstohlen zur Uhr.
Fragen zu den Kosten wehrte Kimi ab, indem er lauter kleine Einzelposten aufzählte und es wie eine Antwort klingen ließ, auch wenn es keine war. Als er gefragt wurde, wer die zu quantifizierenden Verursacher der Fluormethanemission seien, antwortete er: »Aluminiumschmelzöfen – die Produktion von Rohaluminium ist die Quelle von bis zu neunzig Prozent des gesamten Fluormethans. Einigen Schmelzofenbetreibern ist es bereits gelungen, ihren CF 4-Ausstoß zu reduzieren, anderen nicht. Unabhängig davon, oder fast unabhängig davon, steigt der CF 4-Gehalt in der Atmosphäre kontinuierlich an. Natürlich wäre es hinsichtlich des Treibhauseffekts besser, wenn sich der CF 4-Gehalt verringerte, denn dieses Gas hält sich eine Ewigkeit in der Atmosphäre, mindestens fünftausend Jahre. Folglich wird der Gehalt, solange wir leben, stetig ansteigen.« Kimi lächelte verlegen.
Der Forschungsdirektor erhob sich mit einem Räuspern.
»Um zum Schluss zu kommen ...«, setzte er an.
Kimi wollte erleichtert aufatmen, als der Direktor vom Premierminister unterbrochen wurde: »Einen Augenblick noch!« Dann wandte er sich an seine Kollegin aus dem Umweltressort. Sie beugte sich eifrig vor, und die beiden unterhielten sich flüsternd.
Kimi blieb abwartend am Rednerpult stehen. Aus dem Getuschel hörte er ein »muss ich fragen« heraus.
Die Angesprochene richtete sich wieder auf, erhob sich dabei fast von ihrem Stuhl und zeigte mit einem teuren Stift in Richtung Podium. »Die vorherrschende Meinung über dieses große Experiment ist – darüber sind wir uns einig –, dass es sich hierbei um das kostspieligste Unterfangen in der Forschungsgeschichte von Ny-Ålesund handelt. Würden Sie uns daher das Vorhaben bitte noch einmal kurz zusammenfassen?«, sagte sie und senkte ihren Stift.
»Wie ich bereits angeführt habe, werden wir Messungen ...«
»Ja doch. Das haben wir schon verstanden. Fluormethan. Stratosphäre. Aber sollten Sie wirklich höhere Werte feststellen, oder gar niedrigere, was würde das bedeuten?«
»Ein niedriger Wert wäre natürlich wesentlich besser ...«
»... als ein höherer, das klingt plausibel. Aber wie lautet Ihre Hypothese? Was ist Ihre wissenschaftliche Annahme?«
»Professor Emil Planck hätte Ihnen da eine konkretere Auskunft geben können ...«
»Geben Sie uns einen Einzeiler, bitte, die Lightversion ist vollkommen ausreichend!«, bat einer der Journalisten aus den hinteren Reihen.
»Die Lightversion ... Ich weiß nicht so recht ...« Kimi tastete nach einem Schlipsknoten, den er nicht hatte.
»Nein, mühen Sie sich nicht mit dem Light ab. Erzählen Sie uns alles so ausführlich wie nötig.« Die Umweltministerin war Professorin in anorganischer Chemie und schreckte offenbar nicht vor ein oder zwei Formeln zurück.
»Ich weiß nicht so genau ... Nein, eigentlich gar nicht. Professor Planck ...«
»... wird in Kürze hier erwartet, damit er die Frage beantworten kann«, der Forschungsdirektor unterbrach Kimi, der sich trotz seines beherrschten Äußeren und seines unverwüstlichen Leinwandlächelns fühlte wie ein Boxer, der die Ringseile touchierte.
»Wir werden mit einer vollständigen Antwort auf Sie zurückkommen, sobald uns dies möglich ist«, fügte der Forschungsdirektor hinzu und bekräftigte seine Worte mit einem Kopfnicken.
Stuhlbeine scharrten über den nagelneuen Linoleumboden, als sich nun die etwa zwei Dutzend Zuhörer erhoben. Viele der Forscherkollegen, die vor Kimi Hoorn am Rednerpult gestanden hatten, diskutierten angeregt, aber gedämpft miteinander, so als würden sie das Gesagte in ihrem kleinen Kreis bewahren wollen. Kimi sah nur ein einheitliches Kopfschütteln, während sie auf den Ausgang zugingen. Einige der Forscher wurden von den Journalisten mit Fragen belagert. Aber offensichtlich sah sich niemand veranlasst, auf ihn zuzukommen, ihn, den Doktoranden von der Universität Göteborg, der nach Ny-Ålesund im Norden von Spitzbergen gereist war, um bei einem epochalen Experiment mitzuwirken, dessen Präsentation allerdings soeben gescheitert war. Verloren stand er da mit seinen verschmierten Folien in der Hand.
Fünfundzwanzig Minuten Vorwarnzeit hatte er gehabt, wovon fünfzehn für den Weg mit der Seilbahn draufgegangen waren.
»Das werden Sie doch mit Bravour meistern!«, hatten seine einzigen Instruktionen gelautet.
Auch schien es bisher keiner ernst genommen zu haben, dass Planck tatsächlich spurlos verschwunden war.
Читать дальше