Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich wieder auf den Weg zu machen. Vermutlich und hoffentlich mit Proviant für ein paar Tage. Ihre unverheiratete Mutter konnte einfach nicht mehr entbehren. Und keine Umarmung, auch diesmal absolut nichts dergleichen. Sich die Hand zu geben war eine Berührung, die zur damaligen Zeit nicht wenig gefühlsbetont war. In historischen Filmen und Fernsehserien umarmt man sich links und rechts, doch im Allgemeinen war das undenkbar, zumal zwischen den Geschlechtern, ganz besondere Umstände ausgenommen. Kleidung, Gesten und Bewegungen waren zurückhaltend, Haut entblößte man nicht ohne Not, möglichst nicht einmal das Haar, und man berührte einander nicht, nur in äußerst ernsten Situationen. Mit Ausnahme der Kinder, Gott sei Dank. Doch sobald es die geringste Möglichkeit gab, behandelte man auch sie mit entsprechender Distanz. Alles fing damit an, dass man sie von den Schultern bis zu den Füßen wickelte, die erste Zeit saßen sie wie in einer Zwangsjacke fest.
Wie wirkte sich eine solche Behandlung wohl auf einen aus? Immerhin überlebte man. Oder auch nicht. Der Tod war vollkommen alltäglich, er war die ganze Zeit anwesend, konnte jeden Beliebigen treffen.
Vielleicht durfte sie eine Nacht oder zwei dort bleiben, danach hieß es in der eigenen Spur zurückzuwandern. Um den Ort ihrer neuen Anstellung, von der sie noch nichts ahnte, erreichen zu können, musste sie an der Erdhöhle vorüber, die derart intensive Gefühle weckte, vorbei an den Menschen, denen sie, obwohl nur eine Dienstmagd, so nahe gewesen war.
Sie ging nicht bis hin, auch wenn sie sich nach den Kleinen sehnte. Lieber schlief sie im Wald, als sich bemerkbar zu machen. Sie ließ ihre Kindheit hinter sich und wanderte ostwärts, diesmal, um ihrer Tante Hildur zu folgen und vielleicht erneut mit ihr zusammenzukommen.
Dass Eli in Østby landete, deutet eventuell darauf hin, dass sie nach Schweden unterwegs war. Hatte sie geglaubt, dort ein reicheres Leben vorzufinden? In diesem Fall hatte sie jedoch den völlig falschen Weg gewählt. Denn wäre sie noch weiter in Richtung Osten gewandert, hätte sie die reine Bergwelt erreicht und eine erbärmliche Sennhütte, die sich heutzutage erheblich ausgedehnt hat und Sälen heißt.
Stattdessen nehme ich an, dass Østby Endstation für sie war, sie hoffte und wusste vielleicht sogar, dass es dort auch für eine Kleinmagd wie sie Platz gab.
Sie bereitete sich auf die gleiche Weise vor wie ein heutiger Schauspieler des Dramatischen Theaters, verbarg sich hinter einer frisch ausgeschlagenen Eberesche und studierte ihre Rolle ein.
Dann kam sie hervor und ging mit resoluten Schritten direkt zu jener Tür. Sie hatte sich in Ordnung gebracht, Gesicht und Hände waren sauber, kein einziges Haar sah unter dem Kopftuch vor.
Als die Frau des Hauses öffnete, knickste Eli brav, aber nicht untertänig, sie lächelte, sah der Frau in die Augen, sagte ihren Namen und woher sie kam.
Das mit den Haaren lässt sich heute nur schwer verstehen. Manche Einwanderergruppen stehen am Pranger, weil wir eine solche Unterdrückung der Frau nicht tolerieren können.
Aber mein Vater, der 1989 gestorben ist, hat von seiner Großmutter, also der Mutter meines Großvaters, hier aus dem Nachbardorf erzählt. Sie trug immer ein breites weißes Band unterm Kopftuch. Dieses Band verhinderte, dass ihr Haar sichtbar wurde. Niemand hat je Ulv Kerstis Haar gesehen, außer Stor Tros Ola natürlich, ihrem Gatten. Doch das hieß nicht, dass er so viel mehr von ihrer Schönheit erblickt hatte, trotz der sechs Kinder, deren Ursprung die beiden erwiesenermaßen waren. Einmal, als meine Urgroßmutter als alte Frau in ein Moorloch geraten war und Großmutter sie hinterher hatte entkleiden müssen, sagte sie, so viel habe sonst keiner zu Gesicht bekommen: Man stelle sich vor, du hast ja sogar Muschi und Hintern gesehen.
Eli also, die einen guten Eindruck machen, die eine Chance haben wollte, ins Haus zu kommen, um sich zu empfehlen, hatte ihren Finger mit Speichel befeuchtet und auch die kleinste Strähne des reichen Haarschwalls unter das Tuch gesteckt und sah richtig adrett aus.
Sie durfte eintreten, und nach einigem Sträuben nahm sie am Herd Platz. Ein Mensch, ein Fremder, war fast immer willkommen, und niemand konnte es obendrein tadeln, wenn man ein normales Mädchen für ein Stündchen beherbergte. Das brachte Abwechslung, und man wollte Neues aus der großen weiten Welt erfahren – jede Art von Klatsch und Tratsch wurde in der Zeit vor den Nachrichtensendungen, vor den Zeitungen und dem Internet begehrlich konsumiert.
Sie war trotz allem erst elfeinhalb Jahre alt, auch wenn sich ihr Körper mühte, etwas anderes zu behaupten. Als sie dann ihr Anliegen vorbrachte und sofort auf ihre beruflichen Erfahrungen zu sprechen kam, wirkte es irgendwie rührend, dass dieses zarte Mädchen, das ganz allein eine Stellung suchte, sich als nahezu fertig ausgebildet bezeichnete, wenn es um die Zucht und Pflege von Ziegen, die Zubereitung von Ziegenkäse, das Trocknen von Ziegenfleisch und die Bearbeitung der Häute ging, ja sogar Klauen und Hörner ließen sich verwerten, und Eli wusste, wie man das machte.
Natürlich hatte sie zuvor festgestellt, dass es auf dem Hof Ziegen gab und dazu ein Pferd. Und das fand Eli wunderbar, selbst wenn das Gehöft ansonsten einfach war. Der neu erbaute Hof gleich nebenan, der den Namen Wasserfall trug, sollte später einmal das Zuhause ihrer Tochter Karen werden, aber, wie gesagt, Eli wusste nicht einmal, ob sie selbst bis ins Erwachsenenalter leben würde. Manchmal ist es eine große Gnade, vielleicht die größte, nicht zu wissen, was die Zukunft bringt. Manchmal ist es bedauerlich, dass man die Toten nicht damit trösten kann, dass alles wahrhaftig besser geworden ist, als sie zu hoffen gewagt hatten.
Man muss sich wohl vorstellen, dass die Leute es sich leisten konnten, Eli aufzunehmen, selbst wenn sie nicht mehr als das Essen bekam. Aber was vielleicht den Ausschlag bei der Sache gab, war ihre Geschichte, dass sie Schlimmes heilen könne, indem sie einer Kröte das Blut aussauge.
Das war selbst zur damaligen Zeit äußerst mitleiderregend.
Ein paar starke Jungmädchenarme mit tüchtigen Schwielen an den Händen waren auch nicht zu verachten. Der Sommer stand vor der Tür, und die Ziegen mussten nach Ørmo, zur Sennhütte hoch. Dieses Mädel hier schien aus zähem Holz, konnte man sie vielleicht allein dort lassen? Da wären ja die Ziegen, um die sie sich kümmern müsste, und die Käserei, ja, es gäbe eine Menge zu tun. Sie hätte Ebereschenblätter für den Winter zu pflücken, auch sonst alles Mögliche zu sammeln, was man brauchen konnte, und wenigstens ein Dutzend Handarbeiten der einen oder anderen Sorte anzufertigen – übrigens in Nadelbindung –, da bliebe wohl keine Zeit, um traurig zu sein oder Sehnsucht zu verspüren.
Wieder unentbehrlich, liebe Eli. Doch obwohl die Leute auf diesem Hof nicht vermögend waren, waren sie doch vernünftig und verlässlich. Sie behandelten das Mädchen gut.
Sie blieb dort mehrere Jahre.
Das Mädchen wurde zur Frau. Als das schlimmste Notjahr anbrach, war sie siebzehn, sie stand in ihrer Blüte, obgleich nichts anderes zum Blühen kam. Wollte es denn nie Sommer werden? Das Futter für die Ziegen – wirklich zähe Tiere – hatte nicht ausgereicht, und die Familie musste schon im April eine von ihnen schlachten.
Es wurde nicht viel gesagt, nein, darüber konnte man kaum Worte verlieren, es war nun mal, wie es war. Eine gewisse Kraftlosigkeit hatte die Leute apathisch gemacht.
Sie zog später als je zuvor zur Alm hoch, die Tiere waren sehr mager und schwach, und der eigene Proviant ließ sich leicht tragen, viel zu leicht. Mit knapper Not hatte das Eis den Fluss aus seinem Griff entlassen, die Vegetation war weit zurück, und im Wald war es still, da die Vögel erfroren oder nicht wie sonst zurückgekehrt waren.
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