Natürlich hatte sie gewaltige Angst, doch der Schreck ließ das schon heiße Gefühl nur noch heißer werden. Sie wollte ihre Haut an die seine pressen, sie wollte den ganzen Mann haben, in ihrer Hand und überall. Das war doch vollkommen wahnsinnig. Sie erlitt alle Qualen des Himmelreichs, aber sie war gelähmt von dieser Kraft, auf die sie nicht gefasst war.
Hinterher erfolgte der Rückzug überstürzt. Sie verstand so wenig, plötzlich war das Ganze zu Ende, als hätte man eine Kerze ausgeblasen. Er stand hastig auf, sah sie nicht an, flüsterte irgendwas, fast knurrig, und verschwand durch die Tür.
In der Einsamkeit dann schämte sie sich entsetzlich. Es war dieses Fladenbrot gewesen.
Sie wollte den Gedanken nicht zu Ende denken, was das für eine Transaktion gewesen war.
Doch schon nach ein paar Tagen war er wieder zurück. Er hatte Proviant dabei. Und Eli war auf jede Art und Weise ausgehungert, nicht zuletzt durch die Einsamkeit. Er rettete sie, öffnete die Tore des Himmelreiches, und er liebte sie wirklich. Jedes Wort war wahr.
Im Februar stapft Eli durch eine schöne Winterlandschaft, auf dem Rücken das Ränzel mit ihrer irdischen Habe. Sie lässt den Blick nicht schweifen, folgt nur beharrlich dem deutlich begangenen Pfad, ein Glück in dieser dünnbesiedelten Gegend.
Naturszenarien sind nichts für sie, ebenso wenig wie seelische, sie hält sich an den Weg und das Konkrete, denkt die ganze Zeit nur daran, einen Fuß vor den anderen zu setzen, einfach weiterzuwandern, anzukommen, bevor es dunkel wird.
Wenn sie etwas gelernt hatte, dann dies, dass der morgige Tag für sich selber sorgt, und auch der nächste Augenblick kann anders sein als alles bisher, doch darum muss man sich erst kümmern, wenn es so weit ist. Diese hausgemachte Üherlebensstrategie ersparte ihr viele Tränen. Die Leute machten sich Sorgen, wie töricht, dann kam doch alles gleich zweimal über einen, erst diese Angst und dann die Qual selbst. Nein, nichts anderes nützte, als hier und jetzt zu leben. Und dieses Hier und Jetzt war tatsächlich erträglich, meist jedenfalls. Hier und jetzt gab es diesen Pfad, und es war ein leicht begehbarer Pfad, von vielen Füßen ausgetreten.
Sie vermied jeden Gedanken. Wusste nur, wohin sie unterwegs war und warum, doch auch das analysierte sie nicht besonders, lief einfach nur immer weiter.
Fort war der letzte Sommer, fort war der tiefe Liebesschmerz, der sie von jetzt an für mehr als zehn Jahre auf alles Derartige verzichten ließ. Sie grübelte auch nicht über den Treuebruch nach, warum er es akzeptiert hatte, dass man ihn zur Arbeit an einen Flößkanal oben in Støja schickte. Sie hatte keine Möglichkeit gehabt, mit ihm zu reden.
Er wusste sicher Bescheid. Aber er wusste auch, dass es niemals gehen würde, sie beide würden nie zusammenkommen, und er war viel zu schwach, um den Kampf aufzunehmen.
Einmal hatte sie seine Mutter auf der Landstraße getroffen. Nicht ein Wort war gefallen, aber der Blick der Mutter sprach Bände. Es war geradezu, als stellte Eli eine tödliche Bedrohung dar, nichts Versöhnliches war zu erkennen. Nur Kälte und Hass.
Mit diesem Blick ging die letzte Hoffnung unter, Eli stürzte in den Brunnen der Verzweiflung. Eine höllische Nacht lang lag sie in einem Schuppen, damit sie niemand hörte, weinte, bis sie völlig ermattet war und gänzlich leer, als ihr die Einsicht kam, dass sie mutterseelenallein dastand. Und jetzt war es schlimmer als je zuvor.
Ihre Bauersleute sahen schließlich, wie es um sie stand. Die Bäuerin redete mit ihr, erklärte, dass sie unmöglich könnten. Eli unterbrach sie eilig, sagte, das wisse sie sehr wohl, und sie brauchten auch nicht. Sie war dankbar, dass man sie nicht schalt und schlug. Auch verlangten die Leute nicht, dass sie sofort ging. Sie mochten sie, Eli spürte es und war gerührt. Und wartete deshalb viel zu lange.
Doch jetzt dachte sie an nichts, sondern trabte nur entschlossen vorwärts, sie musste einfach nur gehen und das Tempo halten, damit ihr nicht zu kalt wurde, sie aber auch nicht schwitzte.
Plötzlich öffnete sich das Bild, und die ersten Häuser tauchten zwischen Birkenstämmen auf, und bald ging sie über eine vom Schnee geräumte Dorfstraße. Sie führte vom Berg herab in noch dichter besiedeltes Gebiet. Auf dem Eis des Flusses hatte man Wege freigepflügt und mit Fichtenzweigen markiert, auf beiden Ufern standen Häuser, eine fremde Gegend, in der sie noch nie gewesen war.
Sie fragte sich durch. Entzückte und erschrockene Dorfbewohner zeigten und erklärten in einem fremden Dialekt, aber die Fragen, die sie nicht aussprachen, ließ Eli unbeantwortet. Sie hatte es plötzlich ungemein eilig, ihr Puls hämmerte, und ihr Atem ging keuchend. Dennoch dachte sie an nichts.
Die Tür war von guter Beschaffenheit, war eine Doppeltür mit Rahmen. Das ganze Haus war gediegen.
Der Mann öffnete, sie war überrascht, hatte sich das anders vorgestellt.
Er sah sie fragend an, dann die rasche Diagnose, als er ihren Umfang bemerkte, sie war im neunten Monat, ausgereift, danach seine Distanzierung, der Widerwille vor dem Rätselhaften, auf das sich kein Mann verstand, und das mussten sie auch nicht, es war allzu brutal und schwierig.
Sie sagte, wer sie ist und wen sie sucht. Seine Kleidung war von besserer Art, der Schnurrbart gepflegt, er war rasiert und schien erleichtert, nicht selbst Rede und Antwort stehen zu müssen.
Hildur, jemand fragt nach dir!
Ihr eigener Name hatte ihm nichts gesagt, das konnte sie sehen. Vermutlich glaubte er, sie wolle etwas verkaufen oder betteln. Er schloss vorübergehend die Tür.
Dann stand sie plötzlich da, ihre Hildur, die Schwester ihrer Mutter.
Ja?
Zunächst wurde Eli nicht wiedererkannt. Aber als sich die Blicke der beiden begegneten, kam Hildur allmählich die Erkenntnis. Eli?
Bist du das wirklich, Eli? Was du gewachsen bist … Ja, wie mächtig du doch gewachsen bist!
Nach dieser vieldeutigen Bemerkung ging ihr Blick zu Elis Finger. Obgleich Eli es bemerkte, behielt sie den Handschuh an.
Aha. So steht es also. Ich dachte ja nicht, dass du verheiratet bist, dazu bist du zu jung, aber auf jeden Fall verlobt.
Von einem Satz zum anderen brach alles zusammen, Eli sah in den Augen der Tante, was diese im Inneren dachte.
Laut sagte Hildur: Es geht nicht. Er weiß nichts von dir oder Kari, deiner Mutter, von den ganzen Unannehmlichkeiten in Romedal, all das habe ich ihm erspart, er hat so etwas nie erlebt.
Aber Eli flehte, in dieser Lage blieb ihr nichts anderes übrig, als sich zu erniedrigen und zu sagen, wie es stand: Ich weiß nicht, wohin.
Es gibt ja wohl trotz allem einen Kindsvater?
Nein.
Doch, meine Liebe. Den gibt es, du bist keine Jungfrau Maria. Und den musst du vor Gericht bringen, falls er nicht willig ist zu zahlen.
Das geht nicht. Und außerdem ist er nicht mehr da … Das ist doch nicht dein Ernst, Hildur, wie sollte ich …? Ich hab doch Angst vor dem Gericht.
Die Position der Tante war gefährdet. Zugleich war ihr Herz nicht aus Stein. Was wissen denn wir schon? Vielleicht war das, was sie jetzt tat, in Wahrheit sehr großzügig, auch wenn unser Urteil aus dem Nachhinein misslich ausfällt.
Sie schenkte Eli eine Ziege. Und ließ sie gehen.
Vielleicht war das ja trotzdem großzügig? Obgleich es mitten im Winter war?
Bitte Hildur, ich darf doch wohl wenigstens ins Haus kommen?
Auf keinen Fall, Eli. Wenn du dir das nun mal eingebrockt hast, musst du auch allein damit fertig werden. Und stopp jetzt – keine Tränen! Steh hier nicht heulend rum! Die Leute gucken schon. Komm! Wir gehen hinters Haus, der Stall ist meine Domäne, und die Ziegen gehören auch mir.
Eli bekam sicher die prächtigste Ziege und dass sie Milch gab, das wissen wir. Das Tier wurde ihre Lebensversicherung. Und bestimmt bekam Eli auch zu essen, direkt an Ort und Stelle Kartoffeln, Salz und Butter, doch als Proviant eigneten sich Kartoffeln nicht. Sie würden nur erfrieren, deshalb erhielt sie Brot, das reich an Energie und leicht zu tragen war. Ein Stück Zucker, als Erinnerung an vergangene Tage, bekam sie ebenfalls mit, für Eli war das Liebe.
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