Nun, Alice, sagte Clayton, als er zu seiner Frau zurückkehrte, wenn ich meinen Atem gespart hätte, so hätte ich mir auch ein wenig Ärger erspart. Der Kerl zeigte sich sehr undankbar. Er fiel mich an wie ein toller Hund. Er mag mit seinem alten Schiff zum Henker gehen! Was liegt mir daran. Und bis wir glücklich hier loskommen, werde ich nur noch auf unser eigenes Wohl bedacht sein. Und ich denke, dass der erste Schritt auf diesem Wege der sein wird, nach unserer Kajüte zu gehen und nach meinem Revolver zu sehen. Ich bedauere jetzt, dass ich die größeren Gewehre und die Munition ganz unten in die Koffer gepackt habe.
Sie fanden ihre Kabine in einem üblen Zustand. Kleider aus ihren offenen Koffern lagen in dem kleinen Raum umhergestreut und selbst die Betten waren auseinandergerissen.
Da hat offenbar einer sich mehr für unser Eigentum interessiert als wir selbst, sagte Clayton. Ich möchte aber wissen, was der freche Kerl gesucht hat. Lass uns doch einmal nachsehen, Alice, ob etwas fehlt.
Nach gründlichem Suchen stellte sich heraus, dass nichts weiter gestohlen worden war, als die zwei Revolver und etwas Munition, die dabei lag.
Das sind gerade die zwei Dinge, auf die ich am meisten Wert gelegt hätte, sagte Clayton. Und die Tatsache, dass sie nur diese mit fortgenommen haben, ist das Schlimmste von allem, was wir bis jetzt auf diesem erbärmlichen Kasten erfahren haben.
Was sollen wir nun tun, John? fragte seine Frau. Ich werde dich nicht mehr drängen, nochmals zum Kapitän zu gehen, denn ich möchte dich nicht noch einmal einer Beschimpfung aussetzen. Vielleicht liegt unsere beste Aussicht auf Rettung in einem neutralen Verhalten. Wenn die Offiziere imstande sind, eine Meuterei zu verhindern, so haben wir nichts zu befürchten, während, wenn die Meuterer siegen, unsere einzige schwache Hoffnung darin liegt, nicht versucht zu haben, ihre Pläne zu durchkreuzen oder zu bekämpfen.
Du hast recht, Alice. Halten wir den goldenen Mittelweg ein.
Als sie sich anschickten, ihre Kabine in Ordnung zu bringen, bemerkten Clayton und seine Frau, dass ein Stück Papier unter der Tür hereingeschoben wurde. Als Clayton sich danach bückte, war er verwundert, dass es sich weiter bewegte, und er erkannte, dass es jemand von außen hereinschob. Schnell und lautlos näherte er sich der Tür, aber als er diese aufreißen wollte, fasste seine Frau ihn beim Handgelenk.
Nein, John, flüsterte sie, sie wollen nicht gesehen werden, und deshalb wollen wir sie auch nicht überraschen. Vergiss nicht, dass wir den goldenen Mittelweg gehen wollen. Clayton zog seine Hand zurück. So standen sie da und beobachteten das kleine Stück weiße Papier, bis es vollständig diesseits der Tür war.
Dann hob Clayton es auf. Es war ein schmutziges Blatt, das unordentlich zusammengefaltet war. Beim Öffnen lasen sie darauf einige Zeilen in einer Schrift, die offenbar von einer des Schreibens nicht gewohnten Hand herrührte.
Dem Inhalt nach war es eine Warnung an die Claytons, sich bei Todesstrafe einer Meldung über das Abhandenkommen der Revolver oder einer Mitteilung über das, was der alte Matrose gesagt hatte, zu enthalten.
Ich glaube, es geht gut, sagte Clayton mit traurigem Lächeln. Alles, was wir tun können, ist uns ruhig zu verhalten und abzuwarten, was auch kommen mag.
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Lord Greystoke und seine Gemahlin brauchten nicht lange warten, denn am nächsten Morgen, als er auf Deck gehen wollte, um seinen gewohnten Spaziergang vor dem Frühstück zu machen, fiel ein Schuss und dann ein zweiter und ein dritter.
Der Anblick, der sich ihm bot, bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen. Der kleinen Gruppe von Offizieren stand die ganze bunte Schiffsmannschaft der »Fuwalda« gegenüber, der schwarze Michel an der Spitze.
Nach der ersten Salve der Offiziere eilten die Matrosen in Deckung und feuerten hinter Mastbäumen, Ruderhaus und Kombüse heraus auf die fünf Männer, die die verhasste Autorität des Schiffes darstellten.
Zwei Matrosen waren schon unter den Kugeln des Kapitäns gefallen. Sie lagen noch, wie sie gefallen waren, zwischen den Kämpfenden.
Jetzt stürzte der erste Steuermann vornüber aufs Gesicht, und auf einen Befehl des schwarzen Michels feuerten die wütenden Gesellen auf die vier überlebenden. Die Mannschaft hatte nur sechs Feuerwaffen auftreiben können; deshalb war sie mit Bootshaken, Äxten, Beilen und Brecheisen bewaffnet.
Der Kapitän hatte seinen Revolver abgeschossen und war im Begriff, ihn wieder zu laden. Des zweiten Steuermannes Gewehr hatte versagt, und so waren nur noch zwei Waffen den Meuterern gegenüber, als diese sich rasch den jetzt zurückweichenden Offizieren näherten. Auf beiden Seiten wurde fürchterlich geflucht; dazu kam das Knallen der Feuerwaffen und das Schreien und Stöhnen der Verwundeten, sodass es auf dem Verdeck der »Fuwalda« wild genug aussah.
Noch ehe die Offiziere ein Dutzend Schritte nach rückwärts gemacht hatten, fielen die Leute über sie her. Ein dicker Neger spaltete dem Kapitän den Kopf, und einen Augenblick später waren auch die anderen niedergeschlagen, teils tot, teils durch Dutzende von Schlägen und Schüssen verwundet.
Kurz und grausig war das Werk der Meuterer auf der »Fuwalda«, und bei all diesen Vorgängen stand John Clayton unbekümmert an die Schiffstreppe angelehnt, rauchte nachdenklich seine Pfeife, als ob er einer gleichgültigen Kricketpartie zusähe.
Als der letzte Offizier gefallen war, dachte er daran, dass es Zeit sei, zu seiner Frau zurückzugehen, da sonst einer von der Mannschaft sie allein finden könnte.
Obgleich äußerlich ruhig und gleichgültig, war Clayton doch ängstlich und erregt, denn er fürchtete für die Sicherheit seiner Frau in der Nähe dieser Entmenschten, in deren Hände das Schicksal sie so unbarmherzig geworfen hatte.
Als er sich umdrehte, um die Treppe hinunterzusteigen, sah er zu seiner Überraschung seine Frau auf den Stufen stehen.
Seit wann bist du hier, Alice?
Von Anfang an, antwortete sie. Wie schrecklich, John! O, wie schrecklich! Das können wir aus den Händen solcher Menschen erwarten?
Ein Frühstück, hoffe ich, antwortete er, tapfer lächelnd, um ihre Furcht zu zerstreuen.
Ich will sie wenigstens fragen, fügte er hinzu. Komm mit mir, Alice. Wir dürfen sie nicht glauben lassen, dass wir etwas anderes als eine höfliche Behandlung von ihnen erwarten.
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