1 ...8 9 10 12 13 14 ...18 »Einen?« entgegnet Lapinsky. »Das Betriebsklima in diesem Verlag ist so miserabel, daß man bei den Mitarbeitern nur anzutippen braucht, und die Informationen purzeln vom Baum wie wurmstichige Äpfel.«
»Also tippen Sie an«, fordert der Sonderbeauftragte.
Lapinsky nickt und steuert den Wagen geschickt durch den Verkehrsstrom. Er reiht sich auf der rechten Straßenseite ein, um an der nächsten Telefonzelle halten zu können. »Moment mal«, entschuldigt er sich, hält den Wagen an. Sein Gespräch dauert nicht einmal eine Minute. »Okay«, erklärt er, als er wieder in den Wagen einsteigt. »Die Leute, die Sie sprechen wollen, treffen wir zufällig nach Dienstschluß in ihrer Stammkneipe – also bereits in eineinhalb Stunden. Ich lade die Lektoren öfter ein, so daß dieses Treffen nicht weiter auffällt. Ich werde Sie dabei als meinen neuen Mitarbeiter einführen.«
Es klappt vorzüglich. Nach der dritten Runde Bier mit Schnaps beginnen die Versammelten – fünf Lektoren und drei Sekretärinnen – von selbst mit einer Schimpf- und Schmähkanonade auf die Kronweins.
»In der vergangenen Woche hat dieser feine Konsul 50 000 Mark an seine frühere Sekretärin bezahlen müssen«, tratscht einer. »Und wißt ihr, warum?« Er gibt sich gleich selbst die Antwort: »Er zwang während La Carotas Abwesenheit die Dame Melber jeweils am Morgen, die Tür abzusperren und ihm die Post splitternackt zu servieren. Dabei spielte er dann ›Hasch mich‹ mit ihr um den Schreibtisch herum – bis es ihr zu dumm wurde und sie einen Anwalt aufsuchte. Damit die Sache nicht über das Arbeitsgericht publik wird, mußte Kronwein Schweigegeld bezahlen.«
Sie sind nicht bösartig, aber frustriert. Dank ihrer Arbeitsleistung ist es den Kronweins möglich, unter südlicher Sonne zu sitzen und sie von dort aus telefonisch nach Laune zu kujonieren. Sie geizen dabei nicht mit Beschimpfungen und Drohungen. Selbst ein so tüchtiger Mann wie Cheflektor Doppelschmidt muß es sich gefallen lassen, von den Kronweins in aller Öffentlichkeit als ›Deppenschmidt‹ beleidigt zu werden.
Die beiden Zuhörer erfahren von den Schluckspechten Amüsantes und Interessantes, nicht aber das, was sie hören wollen. Der Kamossa-Pressechef gibt Schmeißer nach Tisch ein Zeichen, und gemeinsam ziehen sie den Cheflektor in eine Ecke. Er ist ein zurückhaltender, verläßlicher Mann, ein Könner, der im Kronwein-Verlag weit unter seinem Wert arbeitet.
»Haben wir nicht immer prima zusammen gewirkt, Herr Doppelschmidt?« beginnt Lapinsky mit der Massage. »Waren wir nicht gut Freund miteinander?«
»Das kann man ohne Übertreibung sagen«, bestätigt der Mann mit dem schmalen Kopf, dem linksgescheitelten Haar und der Halbglas-Lesebrille, deren Absetzen er meistens vergißt.
»War ich je kleinlich zu euch? Hab ich getratscht oder euch gar in die Bredouille gebracht? Hab ich euch nicht manchmal sogar aus der Klemme geholfen?«
»Das stimmt alles …« Doppelschmidt begreift offensichtlich nicht, worauf sein Gastgeber hinauswill. Schmeißer verfolgt, wie geschickt Lapinsky es anstellt, und läßt ihm freie Hand.
»Warum verschweigen Sie mir dann etwas, das mich brennend interessieren muß?«
»Ich weiß wirklich nicht, was Sie meinen«, erwidert der Angegriffene.
»Was soll ich schon meinen? Ich spreche vom Kamossa-Manuskript.«
»Kamossa?« fragt der Cheflektor betroffen. »Woher wissen Sie etwas darüber?«
»Dreimal dürfen Sie raten«, erwidert der Inquisitor.
»Da außer mir niemand im Hause etwas erfuhr, kann diese – diese Durchstecherei doch nur vom Verleger selbst kommen …«
»So sehen wir das auch«, antwortet Lapinsky. »Aber so wie wir miteinander auskommen, hätten Sie mich sofort benachrichtigen müssen, was uns da ins Haus steht. Im vergangenen Jahr haben wir über eine Viertelmillion in Kronwein-Blättern inseriert«, erinnert ihn der Presse- und Werbeleiter. »Da hätte ich mir schon etwas mehr Entgegenkommen ausgebeten.«
»Das ist doch noch gar nicht spruchreif«, versichert die Nummer eins des Lektorats. »Es steht noch alles offen. Es handelt sich um einen von zwanzig oder dreißig Vorschlägen, die täglich bei uns eingehen und meistens in den Papierkorb fliegen.«
»Alles Vorschläge über Henry Kamossa?« hämt Schmeißer.
»Natürlich nicht.« Der Verlagsmann gerät ins Schlittern. »Es handelt sich hier um kein Manuskript, sondern um ein Exposé, eigentlich nur um eine Stoffsammlung für eine – sagen wir mal – Skandal-Biographie.«
»Sind Sie sicher, daß Ihr Verleger dieses Exposé nicht selbst in Auftrag gegeben hat?«
»Absolut.«
»Auch nicht hinter Ihrem Rücken.«
»Das hätte ich erfahren.« Doppelschmidt wirft ein letztes Zögern ab und springt ins kalte Wasser. »Ich will Ihnen mal was sagen: Ich pfeif auf Ihre Werbung. Aber Sie können trotzdem mit mir rechnen. Ich bin nun mal gegen krumme Touren.« Er sieht sich um, stellt fest, daß keiner seiner Kollegen in der Nähe ist und der Lärm, den die Angeheiterten machen, so groß ist, daß sie nicht einmal Wortfetzen aufschnappen können. »Also«, sagt er, »es war vor ein paar Tagen. Ich weiß gar nicht, wie der Kerl an meiner Sekretärin vorbeigekommen ist. Plötzlich stand er im Raum, wedelte mit Manuskriptblättern und sagte: ›Wenn Sie das lesen, werden Sie an die Decke springen. ‹ Der Eindringling hatte ein geradezu unverschämtes Selbstbewußtsein. ›Bringen Sie diese Biographie als Buch heraus, und Sie machen das Geschäft Ihres Lebens. ‹ Der Mann nannte sich Hans-Peter Müller, aber ich hatte gleich den Verdacht, daß es sich dabei um einen fingierten Namen handelte. Irgendwie hatte ich diesen Typ schon mal gesehen, zumindest auf einem Foto. Aber so angestrengt ich auch nachdachte, ich kam zunächst nicht drauf. Der Bursche war hartnäckig, und schließlich schaffte er es, daß ich ihn aufforderte, Platz zu nehmen, und mir sein Angebot ansah. Es war nicht viel zu lesen, an die elf, zwölf Seiten, aber die hatten es in sich. Ich war wie elektrisiert. Gift und Galle. Brandgefährlich, um nicht zu sagen explosiv. Ich kann nicht beurteilen, ob an den Vorwürfen gegen Henry Kamossa etwas dran ist, aber wenn sie stimmen, könnten sie sich katastrophal für ihn auswirken.«
»Nicht, wenn die Anwürfe stimmen«, korrigiert ihn Schmeißer, »sondern wenn sie sich beweisen lassen.«
»Da hab ich allerdings meine Zweifel«, räumt Doppelschmidt ein. »Ich pickte ein paar der vergifteten Rosinen heraus und fragte den Mann, wie er sie rechtlich abstützen könne. Er wußte auf jede Frage eine Antwort, ob sie allerdings stimmte, ist eine andere Sache. Aber das war nicht mein Bier. Ich ließ den ungebetenen Besucher, von meiner Sekretärin bewacht, in meinem Büro sitzen, ging ins Vorzimmer und unterrichtete Kronwein telefonisch in Moscia. Er war sofort Feuer und Flamme. ›Sie müssen dieses Manuskript um jeden Preis erwerben, Doppelschmidt‹, insistierte er mich. »Sehen Sie zu, daß Sie es billig einkaufen können. Ich verlaß mich auf Sie. Wenn Sie’s schaffen, fallen Sie die Treppe hinauf, wenn nicht … ‹ Die Drohung versandete auf halbem Weg. »Halten Sie mich auf dem laufenden. ‹ Seitdem löchert er mich dreimal täglich mit seinen Anrufen.
Ich ging zu diesem Hans-Peter Müller zurück: »Ich kann meinen Verleger im Moment nicht erreichen‹, behauptete ich. ›Aber ich nehme unser Gespräch auf meine Kappe. Das hier ist ja nur ein Entwurf; wann würde das Gesamtmanuskript fertig sein? ‹
›Bald‹, erwiderte er wie das Orakel von Delphi.
›In einem Jahr, in zwei oder überhaupt nicht?‹
›Es ist schon fast abgeschlossen‹, behauptete der Verfasser.
›Und warum haben Sie es dann nicht mitgebracht?‹
›Ich geb meine Munition doch nicht aus der Hand, solange wir keinen Vertrag haben. Und zuerst will ich mal Knete sehen. ‹
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