»Ah, wie schön! Dann genießt du den letzten Tag in Freiheit?«
Während unseres Gesprächs habe ich ganz vergessen, weswegen ich eigentlich hier bin. Jetzt kommt der Gedanke an die Cruising Area mit einem Schlag zurück. Wieder glühen meine Ohren und ich bin heilfroh, dass meine Mutter es nicht sehen kann. »Äh, ja.«
»Sehr schön. Ich will dich auch gar nicht weiter stören.«
»Okay. Geht es dir und Papa gut?«
»Ja, natürlich. Aber du musst uns bald mal wieder besuchen. Wir haben dich schon ewig nicht mehr gesehen. Und wir wollen deinen Hund so bald wie möglich kennenlernen!«
Ich lächle. »Geht klar. Ich schaue, was sich machen lässt.«
»Sehr schön. Bis bald, Lukas! Hab noch einen schönen Abend!«
»Tschüss, Mama! Du auch. Und grüß Papa!«
»Mache ich. Tschüss!«
Ich lege auf und lasse meinen Blick über die Liegewiese schweifen. Inzwischen hat sie sich deutlich geleert. Die Sonne ist bereits hinter den Hügeln in meinem Rücken verschwunden, Abendstimmung macht sich breit. Nur noch wenige Leute sind im Wasser. Wo niemand schwimmt, ist die Oberfläche des Sees spiegelglatt und wunderschön.
Das Naturschauspiel droht, mich wieder melancholisch zu machen. Ich wünschte, ich hätte jemanden, mit dem ich solche Momente teilen kann. Um mich nicht wieder in diesen Gedanken zu verlieren, öffne ich die Leseapp auf meinem Handy und rufe den Krimi auf, den ich letztens zu lesen begonnen habe. Solange es noch hell ist, wird sich auf der Lichtung nichts tun, das weiß ich. Es macht keinen Sinn, zu früh in den Wald zu stapfen. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, dass selbst nach Einbruch der Dunkelheit niemand auftauchen wird. Ein Teil von mir hofft vielleicht sogar, dass dem so sein wird.
Obwohl er spannend ist, kann ich mich nicht so recht auf meinen Krimi konzentrieren. Zu der Nervosität ist inzwischen eine unterschwellige Erregung hinzugekommen. Ich bin so verdammt aufgeregt.
Als ich nach einiger Zeit aufsehe und um mich herum kaum noch etwas erkennen kann, nehme ich das als Zeichen, um aufzubrechen. Ich ziehe meine lange Hose über die inzwischen getrocknete Badehose und schlüpfe in mein Shirt. Dann gehe ich zurück zu meinem Auto und verstaue mein Badetuch.
Jetzt ist es also so weit. Ich atme tief durch. Das Herz klopft mir bis zum Hals, als ich zurück an den See gehe. Je näher ich ihm komme, desto lauter wird das Quaken der Frösche und das Surren von Grillen im Gras. Geräusche, die ich kenne und die ich mag, die mir jetzt aber unheimlich sind. Inzwischen ist ein leichter Wind aufgekommen und mich fröstelt auf meinen bloßen Armen. Wahrscheinlich liegt das aber vor allem an meinen Nerven.
Ich schlage einen anderen Weg ein als den zur Liegewiese, gehe stattdessen zum FKK-Bereich und dann, dahinter, in den Wald. Man sollte meinen, es wäre still, doch das ist es nicht. Immer wieder raschelt es und dann und wann singt ein Vogel. Eine Nachtigall? Ich habe keine Ahnung von Vogelstimmen.
Mit meinem Handy als Taschenlampe folge ich einem halb von Brombeerranken zugewucherten Waldweg. Gerade bin ich wirklich froh um meine lange Hose, die ich mittags im Büro noch wegen der Hitze verflucht habe. Aber ob ich hier wirklich richtig bin?
Ich bin drauf und dran, wieder umzukehren, als der Weg breiter wird und mich schließlich auf eine Lichtung führt. Sofort wird es heller und ich stecke mein Handy weg. Ein paar Sterne stehen schon am Himmel, doch der Mond überstrahlt sie. Er ist riesig heute Nacht. Riesig, voll und rot. Blutmond, denke ich und dieses Mal erschauere ich bei dem Wort.
Die Lichtung muss mein Ziel sein. Laut der Beschreibungen im Internet soll diese Lichtung das Herzstück der Cruising Area sein. Noch sehe ich allerdings niemanden.
Ich bin allein.
Dieser Gedanke verursacht mir ein ungutes Gefühl. Mitten in der Nacht allein im Wald, um mit jemand Wildfremden Sex zu haben – eigentlich ist das ganz schön dämlich. Und auch nicht ungefährlich.
Ich atme tief durch. Vielleicht sollte ich doch besser wieder umdrehen.
Aus den Augenwinkeln bemerke ich eine Bewegung. Ich wende mich um und plötzlich sehe ich ein grelles Licht. Ich brauche einen Moment, um zu erkennen, dass das das Leuchten eines Handys ist. Eines Handys, das ein Typ in der Hand hält, sodass es ihn beleuchtet. Ich blinzle und beginne, Umrisse im Dunkeln zu sehen. Der Typ lehnt an einem Baum. Seine Augen sind nicht auf das Handy gerichtet, sondern geradewegs auf mich. Und Mann, ist der Typ alt. Alt und schmierig. Das sind nicht mehr charmant angegraute Schläfen, sondern schlohweiße Strähnen, quer über die Glatze drapiert. Er ist sicher jenseits der 70 und dieser Ausdruck in seinen Augen im bläulichen Licht seines Handys ist derartig unheimlich, dass ich automatisch den Kopf schüttle, den Blickkontakt unterbreche und schaue, dass ich davonkomme.
Ich kann nur hoffen, dass er mir nicht folgt.
Mir scheint, das trockene Gras knirscht ohrenbetäubend laut unter meinen Füßen. Alle meine Sinne sind angespannt. Da! War das nicht ein Schritt? Und spüre ich nicht sogar schon den Atem des Alten im Nacken?
Ich werfe einen Blick zurück. Da ist niemand. Und doch rast mein Herz. Meine Erregung ist inzwischen längst verschwunden.
Ich sollte wieder umkehren. Nach Hause fahren. Das hier ist nichts für mich. Das hätte mir eigentlich vorher klar sein müssen. War es vielleicht sogar.
Ein kleiner, jedoch sehr vehementer Teil in mir protestiert, dass ich nicht immer auf meine Ängste hören soll. Schließlich bin ich doch hierhergekommen, um etwas zu wagen. Ich atme tief durch, atme den würzigen Duft des nächtlichen Waldes ein und schließe einen Kompromiss mit mir selbst: Einmal werde ich um die Lichtung herumgehen und dann wieder abhauen, sollte nicht plötzlich jemand Perfektes meinen Weg kreuzen.
Nun, es taucht natürlich niemand Perfektes auf.
Ich stöbere einen weiteren alten Mann mit mehr als dubioser Ausstrahlung auf, vor dem ich gleichfalls die Flucht ergreife, und dann stoße ich auf ein Paar. Ich höre sie, bevor ich sie sehe. Schmatzen und Stöhnen, leise Anfeuerungsrufe.
Ich gehe einen Schritt, einen weiteren, und dann sehe ich sie. Dank des hell strahlenden Mondes kann ich die beiden recht deutlich erkennen. Ein etwas untersetzter Typ lehnt gegen einen Baum. Vor ihm kniet ein breitschultriger Mann, auf dessen Glatze sich das Mondlicht spiegelt. Die eindeutigen Bewegungen seines Kopfes und die schmatzenden Geräusche, die er von sich gibt, lassen keinen Zweifel daran, was er gerade tut.
Höflich will ich mich abwenden – da erkenne ich plötzlich den Mann, der an dem Baum lehnt. Kein Zweifel: Das ist mein Bäcker. Sein Gesicht ist lustverzerrt, die Stirn glänzt von Schweiß so wie sonst, wenn er aus seiner Backstube kommt. Auch wenn er nicht hässlich ist und ich ihn immer ganz nett fand: In diesem Zustand will ich ihn nicht sehen. Im Gegenteil, mir ist die Situation unfassbar peinlich.
Ein Ast knackt unter meinem Fuß, als ich einen Schritt zurück mache. Der Bäcker öffnet die Augen und sieht mich an. Ich nehme an, er erkennt mich, denn er erstarrt. Das irritiert seinen Partner. Immer noch kniend wendet er sich mir zu. Er ist ein gutes Stück jünger als der Bäcker und trägt – getreu der Regel, dass, wenn das Kopfhaar ausfällt, das Barthaar sprießt – Vollbart. Mit einem breiten Grinsen taxiert er mich von oben bis unten, dann macht er eine einladende Handbewegung.
»Komm doch zu uns.« Seine Stimme ist tief und etwas heiser.
Ich bringe ein wackliges Lächeln zustande, schüttle den Kopf – und suche mein Heil in der Flucht.
Die Lichtung lasse ich Lichtung sein, stattdessen schlage ich mich in den Wald. Es dauert eine Weile, bis ich den Weg wiederfinde. Bei meiner Runde um die Lichtung habe ich die Orientierung verloren und auch wenn ich versuche, mich zu beruhigen, fühle ich mich doch unwohl.
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