1 ...6 7 8 10 11 12 ...18 An der Tür im Obergeschoss stand Cybergrooming – Zutritt nur für Autorisierte .
Joe öffnete mit seiner Datenkarte. »Willkommen in den schlimmsten Ecken des Darknet, Hanna.«
Vor mehreren Bildschirmen saßen paarweise ein Mann und eine Frau unter Kopfhörern mit Mikrofon. Einige drehten sich kurz um und nickten freundlich.
Hanna erschrak augenblicklich, als sie über den Schultern zweier Kommissare gezoomte Geschlechtsteile eines Mädchens in endoskopischer Deutlichkeit sah. Ein anderer Bildschirm zeigte die Penetration von einem Jungen an einem Baby. Auf dem Monitor gleich daneben war eine Frau zu sehen, die sich an einem Jungen verging.
Hanna erstarrte angesichts der unfassbaren Widerlichkeiten. Sie wusste, worauf sie sich in diesem Investigativprojekt eingelassen hatte, aber visuelle Details brauchte und wollte sie nicht, sie würde sie nie ertragen können. Sie stoppte. Am liebsten hätte sie den Raum verlassen, doch sie atmete tief durch und zwang sich, ihre Aufmerksamkeit dorthin zu verlagern, wo es gerade noch erträglich war.
Ein Team zoomte auf eine Tapete, dann auf eine Lampe. Offensichtlich waren da Anhaltspunkte für wiederkehrende Taträume. Auf einem anderen Monitor erschien eine Karte mit Kirche. Die Audiospur der Glocken wurden mit der in einem Tatraum verglichen. Bei Übereinstimmung hätte man den Tatort des Grauens. Die Kommissarin schüttelte verneinend den Kopf, wieder Fehlanzeige, wieder falscher Ort. Zahlenreihen flogen über einen weiteren Monitor, Suche nach Zugängen zu einem Portal, in dem Bilder, Videos oder Kinder angeboten wurden. Als Untertext die menschlichen Daten der Ware und die Preise.
Joe sah Hanna an und schwieg. Er wusste, was sie gerade durchmachte, das ging jedem so, auch den Neuankömmlingen in seinem Team. Sie musste sich fühlen wie in einer unwirklichen Welt, die für seine Mitarbeiter im Raum allerdings sehr real waren. Sie suchten Spuren mit dem Ziel, den nächsten Missbrauchsring zu zerschlagen und doch wissend, dass man dem Verbrechen nur hinterherlief. Gefahrenabwehr war in diesem digitalen Geschäft so gut wie nicht möglich. Man war froh, wenn es einmal zu einer Strafverfolgung kam. Selbst dann war die Beweislage schwierig.
»Wer macht das?«, fragte Hanna mit entsetztem Blick auf einen alten Mann, der sich an einem Jungen verging. Sie wandte sich sofort ab. »Sind das Pädophile?«
»Nicht unbedingt. Nicht jeder, der Kinder sexuell missbraucht, ist ein Pädophiler. Mehr als die Hälfte der sexuellen Übergriffe auf Kinder und Jugendliche werden von nicht-pädophilen Menschen begangen.«
»Ich dachte, es wäre die Mehrheit.«
»Nein, Hanna, viele sind ‚Gelegenheitstäter‘, die Kinder keineswegs als einziges Objekt ihrer sexuellen Begierde sehen.
Oftmals geht es diesen nicht-pädophilen Tätern ausschließlich darum, ihr Macht- und Manipulationsbedürfnis zu stillen.«
»Das heißt?«
Sie kannte die Antwort aber wollte sie von einem Polizeibeamten bestätigt wissen.
»Das Kind zu unterdrücken und für die eigenen Bedürfnisse auszubeuten. Die Sexualität kann dabei nachrangig sein, sie gehört dazu, um diese ungeheure Macht an einem wehrlosen Objekt auszuüben.«
Hanna nickte und blickte über die recherchierenden Beamten.
»Wie können deine Leute das nur ertragen?«
»Ausbildung ein halbes Jahr, bereit sein, das Undenkbare zu ertragen, lernen, Pornos im Team zu sehen und dabei die Emotionen erst gar nicht an sich heranzulassen oder sie zu mindestens unter Kontrolle zu halten.«
»Und wenn das nicht gelingt?«
»Wir bieten Supervision an, sie wird vermehrt und mit Erfolg in Anspruch genommen. Darüber hinaus gilt der Grundsatz der Freiwilligkeit, niemand wird zu diesem Dienst gezwungen.«
»Gibt es angesichts der Bilderflut im Netz genügend Beamte für die Auswertung?«
»Klares Nein. Einige Bundesländer weichen bereits auf ehemalige Polizeibeamte oder geschulte Freiwillige aus, anders ist das inzwischen auch nicht mehr zu bewältigen. Aber in diesem Raum geht es nicht nur ums Betrachten und Suchen, Hanna, denn die Gesetzeslage hat sich gerade geändert.« Sie sah ihn fragend an.
»Draußen an der Tür hast du Cybergrooming gelesen. So heißt das, wenn Erwachsene im Internet Kontakt zu Minderjährigen mit dem Ziel des möglichen Missbrauchs aufnehmen.«
Er erläuterte ihr, dass Minderjährige den Kontakt über Chatplattformen wie Knuddels, KIK oder Social-Media-Apps wie Instagram, Likee oder WhatsApp aufnehmen können. Oder bei Onlinespielen wie Fortnite, Clash of Clans, Quizduell oder Moviestarplanet .
»Jedes Kind, Hanna, das digital unterwegs ist, jedes Kind kann irgendwann damit konfrontiert werden und dabei selbst zum Täter werden – und die Eltern ahnen nichts.«
»Darüber solltet ihr die Eltern in dieser Republik informieren«, meinte sie.
»Das tun wir – aber du bitte auch in deinem Artikel.«
»Das werden wir, Joe. Aber es geht nicht nur um die Eltern, sondern auch um die Wahrnehmung der Erzieherinnen in den KITAS, Veränderungen an Kindern festzustellen, die auf Missbrauch schließen lassen. Wir werden auch über das neue Gesetz informieren, das schon den Versuch unter Strafe stellt, sexuelle Kontakte zu Kindern im Internet anzubahnen, dass die Zeit des straffreien Posings endgültig vorbei ist.«
»Das wäre ganz in unserem Sinne, Hanna. Damit wären wir bei dem, ich sage einmal, revolutionären Teil der neuen Gesetzeslage. Der Gesetzgeber hat verstanden, dass wir nur in die Portale hineinkommen, wenn wir in der Lage sind, einen sogenannten Vertrauensbeweis zu liefern, also in Form von Bildern und Videos. In der Szene heißt das Keuschheitsbeweis .«
»Klingt zynisch, Joe. An der Stelle war bisher Schluss, nicht wahr?«
»Richtig. Schluss, weil wir dazu selbst eine Straftat hätten begehen müssen. Mit realen Bildern, so viele wir davon haben, darf per Gesetz nicht gearbeitet werden, obwohl das für uns die einfachste Möglichkeit wäre, zumal es sogar Angebote von missbrauchten Opfern gibt, die ihren Beitrag zur Aufklärung leisten wollen. Aber auch das ist uns nicht möglich.«
Einen Moment glaubte Hanna so etwas wie Bedauern herauszuhören, doch sie schwieg.
Er erklärte weiter: »Wenn sich also die Taten nicht anders aufklären lassen, ist es künftig erlaubt, pornografische Videos und Fotos am Computer herzustellen und mit Zustimmung eines Gerichts zu veröffentlichen.«
»Wie weit seid ihr hier technisch? Ich stelle mir das ungeheuer schwierig vor.«
Joe führte sie zu einem Arbeitsplatz, an dem nicht geprüft, sondern gestaltet wurde.
»Das ist einer unserer Deep-Fake -Arbeitsplätze, über die wir mit unseren Kollegen in Köln verbunden sind. Die haben dort den größten Wissensvorsprung. Deep Fake ist das Lernen von künstlicher Intelligenz mit der Absicht, eine gezielte Fälschung zu erstellen. Die Maschine lernt, indem man sie mit den Bildern real existierender Menschen füttert. Aus diesen Daten erstellt sie dann künstlich generierte Körper und Gesichter.«
»Klingt gar nicht so schwer«, meinte Hanna, die die Umsetzung aber nicht sehen wollte. Realer und künstlich gestalteter Missbrauch hatte für sie den gleichen Schrecken.
»Weit gefehlt, Hanna. Echte Gesichter als Bilddateien zu erzeugen ist inzwischen in der Tat keine Magie mehr, du kennst das aus Kinofilmen. Kinderpornografische Fake-Bilder zu generieren, ist noch einmal eine ganz andere Hürde. So weit sind wir noch lange nicht. Der nächste Schritt ist dann die Produktion von kinderpornografischen Fake-Videos. Also dreißig Einzelbilder pro Sekunde zusammengeführt zu einem täuschend echten Endprodukt, so lautet die Herausforderung. Das schaffen die Studios noch nicht einmal realitätsnah bei künstlichen Fußballspielen.«
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