Im beiliegenden Video sehen Sie Ausschnitte des Verbrechens. Dieser Clip wurde an acht Missbrauchstäter geschickt, mit der Aufforderung, sich am 13. Mai in St.-Jean-Pied-de-Port einzufinden und von dort aus über den Jakobsweg nach Burgos zu pilgern. Alle teilnehmende „Pilger“ sind auf dem Video zu sehen. Wer nicht kommt, wird öffentlich sanktioniert .
Sie sollten es als engagierte Journalistin nicht versäumen, an dieser etwa vierzehntägigen Pilgerwanderung auf dem Jakobsweg teilzunehmen. Holen Sie nach, was Sie damals nicht entdecken konnten. 13. Mai, 18:00 Uhr im Hotel Pilgrim. Dort erhalten Sie weitere Informationen .
Machen Sie sich nicht die Mühe, herausfinden zu wollen, wer ich bin. Mich gibt es schon lange nicht mehr. Buen Camino!
Hanna blieb vollkommen ruhig, jetzt erst das Video, dann eine Beurteilung der Lage. Der Clip dauerte nur neunzig Sekunden. Aber was sie sah, reichte ihr. Menschen verließen vor dem ehemaligen Kloster ihre Autos, zogen sich Masken über. Schnitt. Klosterkapelle. Vergewaltigungen von Kindern, einzeln, als Gruppe. Die Täter zunächst maskiert und in einem Pilgergewand mit Kapuze, dann unbekleidet mit Maske. Die Kinder vor ihnen in der Hocke und auf dem Altar liegend. Eine Massenvergewaltigung zu den Klängen klassischer Musik. Hanna zitterte plötzlich am ganzen Körper. Das war es also, was hinter den kühlen Worten des Strafgesetzbuches stand. Beischlaf, Eindringen in den Körper, gemeinschaftlich, erhebliche Schädigung …
Sie hatte schon zuvor Fotos von geschändeten Kindern gesehen, aber nie Vergewaltigungen in bewegten Bildern mit den unsäglichen Lustschreien der Täter und den starren Gesichtern der Opfer, maskenähnlich wie die der Täter. Ihr war übel. Sie dachte an die aktuellen Prozesse, die zeigten, dass es nie aufgehört hatte. Im Gegenteil. Ein Bericht der WHO bestätigte, dass während der Corona-Virus-Pandemie-Krise die Gewalt gegen Frauen und Kinder in der Abgeschlossenheit der Wohnungen dramatisch zugenommen hatte.
Hanna goss sich ein Glas Wasser ein. Ihre Hand zitterte, als sie sich gegen die Fensterbank lehnte. Sie sah zur Speicherstadt hinüber, auf die Boote, auf den ruhig fließenden Straßenverkehr, Hamburg im Normalbetrieb. Sie aber war gerade in eine Welt hineinkatapultiert worden, die sie zutiefst ablehnte und doch zugleich eine Art Jagdfieber in ihr weckte.
Jakobsweg? Mit mir, die als einzigen Weg den Gang zum Fahrstuhl kennt … ohne vernünftige Wanderschuhe … Übernachten in irgendwelchen verlausten Herbergen … Wo lag dieses St. Jean … wie heißt das noch mal: Saint-Jean-Pied-de-Port?
Voller Schrecken stellte sie fest, dass der Ausgangsort des Jakobsweges auf der französischen Seite der Pyrenäen lag. Der Typ wollte doch nicht, dass sie die Pyrenäen überquerte? Sie googelte den Camino Francés und las als Erstes, dass nur zwanzig Prozent der Pilger die achthundert Kilometer lange Strecke zum Ziel Santiago de Compostela schafften, Dreiviertel der Pilger würden bereits auf dem ersten Teilstück in den Pyrenäen scheitern. Aber die gute Nachricht war: Nach Burgos waren es nur knapp 300 Kilometer, wenn man sich nicht verlief.
Je mehr sie darüber nachdachte, umso mehr faszinierte sie die Idee. Sie prüfte ihren Kalender, die wichtigen und weniger wichtigen Termine.
Die Redaktionsleitung würde angesichts dieser exklusiven Chance mit Sicherheit einverstanden sein. Sie beschloss, sich noch an diesem Tag eine Wanderausrüstung zu kaufen und sich ab jetzt jeden Tag ein bisschen warmzulaufen. Auf dem Handy erschien das Bild ihres Mannes.
»Kurt, du? Das letzte Mal war es vor einem halben Jahr. Gibt es ein Problem?«
»Nein, ich kann nur unsere Tochter seit Tagen nicht erreichen.«
»Mach dir keine Sorgen, sie hat ihr Handy zur Reparatur, das dauert zwei Wochen, sagt sie.«
Er schien beruhigt. Sie unterhielten sich über seine eher langweilige Arbeit im Irak.
»Es passiert nichts mehr, was die Medien interessiert. Ich brauche wieder eine Front. Vielleicht gehe ich nach Mali. Aber was treibst du?«
»Ich gehe auf den Jakobsweg – pilgern.«
»Du? Das glaube ich nicht!«
»Ja, jeden Tag mindestens fünfundzwanzig Kilometer.«
»Warum, hast du gerade eine Midlife-Krise?«
Sie lachte kurz.
»Vielleicht, ja, vielleicht. Ich muss raus, Abstand gewinnen. Das hier kann auf jeden Fall nicht alles gewesen sein.«
Er schwieg kurz.
»Haben deine Überlegungen vielleicht auch etwas mit uns beiden zu tun?«
»Möglich, Kurt, möglich. Denk‘ einmal selbst über die Sinnhaftigkeit unserer Beziehung nach.«
Über Hanna kreiste ein Luftschiff. Es fuhr über den Hafen und stoppte über der Elbphilharmonie. Sie nahm sich ihr kleines Fernglas, mit dem sie gern das Treiben in der Welt dort draußen betrachtete. Menschen beim Shopping, Liebespaare auf der Bank, Kirschbäume in der Frühjahrsblüte. Sie zoomte das Luftschiff heran und las: Lebe dein Leben – Jetzt! Sie überlegte: »Jakobsweg … Selbstfindung … Eine investigative Geschichte … Was suchst du wirklich, Hanna Dohn?«
Joe Jaeger war direkt am Telefon, nachdem sie die Nummer seines Wiesbadener BKA-Büros gewählt hatte. Er musste die Nummer erkannt haben, denn sie hörte sein Säuseln: »Was für ein Sonnenschein wärmt mich Bleichgesicht gerade in meinem tristen BKA-Büro? Guten Tag, Hanna, wie geht es in Hamburg?«
»Ehrlich, Joe? Ich bin vollkommen aufgedreht, wahrscheinlich Blutdruck 220 zu 160.«
»Klarer Fall von Notruf Hafenkante … Ich schicke dir sofort einen Notarzt … einen Hubschrauber direkt auf das Dach der Redaktion.«
»Im Ernst, Joe, ich bin in einer Ausnahmesituation und brauche den polizeilichen Rat eines Freundes.«
»Also, was ist passiert?«
»Du erinnerst dich an Maria Hilf und ROSE , nicht wahr?«
Auf der anderen Seite Schweigen.
»Bist du noch da, Joe?«
»Bin ich, ja, ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen.«
»Gut, in Kurzform. Ich habe gerade anonym einen Brief und ein Video über einige Missbrauchstäter von damals bekommen und soll mit denen, jetzt halte dich fest, in vierzehn Tagen den Jakobsweg in Spanien wandern.«
Sie erwartete nun die Frage nach den Einzelheiten hinter dieser Einladung.
Doch Hunter sagte nur trocken: »Ich auch.«
– Cybergrooming –
»Können wir ihr wirklich vertrauen, Hunter?«, fragte Heiner Mönch, Chef des Bundeskriminalamtes, seinen besten Analytiker für Missbrauchsfälle. »Am Ende bleibt sie eine Journalistin, die dafür bezahlt wird, erfolgreich zu recherchieren.«
Joe Jaeger, genannt Hunter , schüttelte den Kopf. »Sie hat mehrmals bewiesen, dass sie schweigen kann, auch gibt sie mir gelegentlich vorab ein kleines Signal, wenn wir als Amt im Nachrichtenmagazin stehen. Das ändert zwar nichts am Ergebnis, aber es hat uns, wie Sie vom letzten Mal wissen, einen Zeitvorsprung für die Rechtfertigung beim Minister verschafft.«
»Ach, das war auch die Dohn? Hmm. Dann drehen wir das doch in eine Win-Win-Situation! Machen Sie mit ihr einen Deal, Hunter. Sie erhält einige Informationen wie kein anderer Journalist zuvor. Zeigen Sie ihr unseren Cybergrooming-Raum, sie soll wissen, wie hart das Aufklärungsgeschäft ist. Wären Sie damit einverstanden?«
»Gute Idee, Herr Mönch, sie wird sogar eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Es wird natürlich keine Bildoder Tondokumentationen geben.«
»Perfekt, Hunter. Aber mein wichtigster Wunsch ist ein anderer. Sensibilisieren Sie Frau Dohn für unseren aussichtslosen Ermittlungskampf, wenn wir nicht die Daten unserer Verbündeten nutzen können. Reden Sie mit ihr über das juristische Fiasko der Datenvorratsspeicherung. Wenn darüber etwas Ausgewogenes im Nachrichtenmagazin erscheint, dann hat sich der Deal bereits gelohnt.«
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