Zwei Jahre zuvor war er als Russlanddeutscher nach Deutschland gekommen. Er hatte sich die kleine sauerländische Stadt Olpe ausgesucht, weil hier bereits einige andere Deutschrussen aus seiner Heimat wohnten. Über das Arbeitsamt wurde er dem Internat vermittelt. Der Internatsleiter, der sympathische Herr Doktor Hartmann, hatte ihm gesagt, dass er auf so einen wie ihn gewartet habe. Schon nach drei Monaten war die Probezeit bestanden. Sergey erinnerte sich, wie glücklich er gewesen war, obwohl das Gehalt trotz freier Kost und Logis gerade ausreichte, um über die Runden zu kommen und den Eltern im fernen Russland eine kleine monatliche Summe zu schicken. Sergeys großer Traum war es, ein Wochenendhäuschen in der Nähe der Bigge-Talsperre zu besitzen, mit einem kleinen Garten, in dem er Obstbäume und Gemüse anpflanzen wollte. Er würde seine kleine Datscha für eine Frau vorbereiten, von der er hoffte, sie bald hier in der russischen Gemeinde in Olpe zu finden.
Dann passierte es, was sich in seinem Gedächtnis für immer eingebrannt hatte. Es war wieder einmal der erste Samstag im Monat gewesen, so einer wie heute. Die unheilvollen Gäste, die eine Nacht blieben und von denen es hieß, dass sie nicht die Eltern der Schüler waren, parkten ihre Autos unmittelbar vor dem Internatsgebäude. In einem Wagen sah er durch das weit geöffnete Fenster eine Brieftasche auf dem Fahrersitz liegen, aus der ein dickes Bündel Dollar-Geldscheine herauslugten, nein, sie blickten ihn regelrecht an, als wollten sie ihm sagen: Bei dir bin ich besser aufgehoben. Nimm mich!
Er erinnerte sich, wie er mit sich gekämpft hatte, als wäre es gerade geschehen. Er, der immer ehrlich, hilfsbereit und verlässlich war, der sich nie etwas zuschulden kommen ließ, der seinen Gott fürchtete und liebte, so wie all die Russlanddeutschen in der örtlichen Freikirche, er verdrängte all dieses angesichts der großen Verlockung, die ihn geradezu magisch anzog. Wie auf einer Leinwand sah er sich vor dem geöffneten Autofenster stehen, wie er hastig die Scheine aus der Geldbörse zog, scheinbar unauffällig zum Gebäude zurückschlenderte, wissend, dass er gerade den schlimmsten Fehler seines Lebens begangen hatte, denn er hatte seinen Job aufs Spiel gesetzt. Er erinnerte sich, wie er nach wenigen Metern wieder reumütig zum Wagen eilen wollte, doch oben auf der Treppe plötzlich zwei ihm unbekannte Männer standen, wie er sein Vorhaben verwarf und in seine Dienstwohnung schlich. Er sah sich verzweifelt durch seine Wohnung laufen, ohne eine Idee, wie er den Fehler korrigieren sollte. Würde er später an den Ort des Verbrechens zurückgehen, würden ihn sofort die Bewegungsmelder und das gleißende Licht der Außenstrahler erfassen. Sergey erinnerte sich, wie verzweifelt er war, wie er zitternd die Geldscheine zählte. Fünftausend US-Dollar! Den Verlust würde der Besitzer mit Sicherheit bemerken. Wie ein Zuschauer im Kino sah er sich als Dieb auf der Leinwand auf die Knie sinken und zu seinem Christus am Kreuz beten. Er sah sich die Flasche Wodka greifen, um zu vergessen und auf ein Wunder zu warten.
Doch das Wunder verkehrte sich ins Gegenteil, als es laut und energisch an der Tür klopfte. Einmal, zweimal. Dann stand er vor ihm, der Doktor, ein Teufel in Mönchskutte. Als der das vom Besitzer gesuchte Geld auf der Vitrine erblickte, schlug er ihm mit der Faust ins Gesicht. Funkelnde Sterne, Blut, grelles Pfeifen im Ohr. Sergey wehrte sich nicht. Unvermittelt ließ der Doktor ihn los. Er blickte ihn kalt an, seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Er zwang ihn, auf einem Blatt Papier zu schreiben, dass er, Sergey Michailow, sich des Diebstahls schuldig bekenne. Willenlos und mit kritzliger Schrift entstand das Protokoll seiner eigenen Vernichtung. Sergeys Tränen liefen auf das Papier. Der Doktor sah den winselnden Sergey vor sich und sagte nur diese wenigen Worte: »Du hast gesündigt! Du hast mich hintergangen!«
»Ich weiß es, Pater Direktor … ich bereue es.«
»Das reicht nicht. Aber der Herr wird dir eine Chance geben, zu sühnen. Deinen schweren Diebstahl werde ich mit dem Eigentümer regeln. Doch von nun an erwarte ich bedingungslose Treue. Du weißt, was das heißt?«
»Ja, Pater Direktor. Ich weiß es. Danke! Danke! Sie können sich auf mich hundertprozentig verlassen!«
Dieser Film war zu Ende, doch ein noch schlimmerer begann. Sergey erlebte von da an einen Vorgesetzten, der bei ihm offensichtlich dieselbe perverse Macht verspürte wie bei den Jungen, die ihm anvertraut waren. Er fühlte, dass er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatte. Der Internatsleiter machte ihm gegenüber nun keinen Hehl mehr daraus, was im Collegium Maria Hilf wirklich geschah. Sergey handelte wie ein Befehlsempfänger, automatisch und ohne Nachfragen. Er bereitete vierwöchentlich den Raum der Ergebenheit vor und organisierte das Catering für die „Gäste“. Nach deren Abreise kümmerte er sich um die Knaben. Der Hausmeister sollte sich blind stellen, aber je mehr er versuchte, die Augen zu verschließen, umso mehr sah er nun, was er längst geahnt aber immer verdrängt hatte. Ihm wurde bewusst, dass er als Mitwisser des grauenhaften Geschehens tiefer und tiefer in den teuflischen Sog hineingezogen wurde. Er verstand nicht viel von den deutschen Gesetzen, aber sein Inneres sagte ihm, dass er sich mitschuldig machte.
Über die Monate sammelte sich Sergey wieder. Er wog zwischen seinem Vergehen und dem ab, was im Internat vor sich ging. Er fühlte, dass eine Entscheidung anstand. Doch traute er sich nicht, zur Polizei zu gehen – noch nicht. Der Doktor besaß sein schriftliches Geständnis, er wiederum hatte nichts in der Hand. Sergey hatte sich dazu entschlossen, zu handeln. Jetzt. Der Zeitpunkt war gekommen. Er blickte nach oben. Der Pater war vom Fenster verschwunden.
Dieses Besucherwochenende wird die Wende bringen, für die Jungen und für mich , schwor er sich.
Als „Facility Manager“, wie es im Arbeitsvertrag stand, war er für den Betrieb der Videotechnik im Internat verantwortlich. Vier Außenkameras, deren Bilder auf einem Monitor in seinem Dienstzimmer aufliefen. Im Gebäude war es ruhig. Die Schüler mit einem Zuhause hatten das Internat bereits am Nachmittag verlassen. Um 19:30 Uhr stand Sergey vor der Tür der Schulkapelle. Er hatte ein Zeitfenster von fünfzehn Minuten. Jetzt durfte nichts schiefgehen.
Er spürte seinen Herzschlag. Langsam öffnete er die knarrende Tür. Der Raum der Ergebenheit war leer. Er eilte zum Altar. Die Installation der heimlich erworbenen Minikamera in der Dornenkrone Jesus Christi am Kreuz dauerte keine zwei Minuten. Die Berechnung war aufgegangen. Die sechs Jungen waren noch in der letzten Vorbereitung, während die Gäste gerade ihre schlichten Zimmer bezogen, um sich frisch zu machen und umzuziehen. Dort hing auf einem Kleiderbügel die Kutte, auf einem Tisch stand ein Abendessen mit Wein und Bier zur Auswahl bereit. Sergey blickte noch einmal durch den heiligen, leicht nach Weihrauch duftenden Raum, dessen Stille, wie er wusste, sich gleich in ein Martyrium wandeln würde. Er verschloss leise die Tür.
Der Internatsleiter, Pater Dr. Hartmann, betrachtete seine Schwester liebevoll. Das einst eher hagere Mädchen hatte sich in den letzten Jahren zu einer kräftigen, vollbusigen Frau entwickelt. Mit ihrem kurzen, schwarzem Haar und ihren grünen Katzenaugen strahlte sie auf ihn Weiblichkeit und Strenge gleichermaßen aus. Er legte zärtlich seine Hand auf ihre Schulter.
»Hast du alles vorbereiten können, Schwesterherz?«
»Ja, Johannes, wie immer, deine Gäste sind alle im Haus. Der Rest ist deine Sache, nicht meine.«
»Wie viele sind wir heute?«
»Insgesamt zehn, acht Männer und zwei Frauen.«
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