Sie nickte.
»Wie gehen wir beide dort unten miteinander um, Joe? Ich unterstelle einmal, dass die anderen nicht wissen, wer wir beide sind.«
»Kann ich mir auch nicht denken. Ich habe die Vernehmungen im Internat nicht selbst durchgeführt damals, und du warst denen als Gesicht ebenfalls nicht bekannt, richtig?«
»Stimmt.«
»Außerdem sind wir alle ein bisschen älter geworden. Kurzum, für die sind wir ebenfalls Mitglieder der Organisation ROSE . Wie auch immer, Hanna, wir beide dürfen auf keinen Fall als Zweierteam erkannt werden.«
»Das heißt?«
»Wir beide werden dort unten eine neue Identität haben. Mein Deckname ist Gerd Ballhaus , deiner Maria Feldmann .«
Dabei schob er ihr schmunzelnd ihren neuen Personalausweis hinüber. »Frau Feldmann, Sie sind jetzt für den Zeitraum dieser vermutlich interessantesten aller Pilgerwanderungen eine Vertrauensperson des BKA.«
Hanna sah ihn verblüfft an. »Du meinst es wirklich ernst. Dafür brauche ich die Genehmigung meines Chefs … oder nicht?«
»Das kann ich nicht beurteilen. Aber du musst dir darüber im Klaren sein, dass das kein Spaziergang ist. Du läufst auf eigenes Risiko, das dir auch dein Chef nicht abnehmen kann. Wir beide suchen kriminelle Hintergründe. Du für deine Story, ich für den Staatsanwalt.«
»Deswegen werde ich daraus auch in Hamburg einen dienstlichen Einsatz machen.«
»Wie auch immer, Hanna, für unseren Einsatz gilt, wir operieren zusammen, aber gehen getrennt. Wir kennen uns nicht. Das wird eine große schauspielerische Herausforderung. Wäre das für dich in Ordnung?«
»Aber ja, Joe. Ich würde auch ohne dich in dieser Gruppe unter einer Legende laufen. Mit dir fühle ich mich natürlich viel sicherer – auch wenn wir getrennt pilgern. Ich denke aber, dass wir über einen Messenger-Dienst Kontakt halten?« »Natürlich – und nicht nur darüber.« Er öffnete eine Schublade und reichte ihr ein kleines, schwarzes, rundes Teil, kaum größer als eine Zwei-Euro-Münze. »Das ist ein handelsüblicher GPS-Tracker mit dem Unterschied, dass er deinen Standort permanent ins BKA zu Heike sendet.«
»Heike?«, fragte Hanna.
»Ja, Kriminalkommissarin Heike Rauch. Sie koordiniert die Task Force Camino , versorgt mich mit Informationen und hat auch deine Mobilnummer – und zwar diese hier …«
Hanna, alias Maria, wunderte sich über nichts mehr und legte die neue SIM-Karte zum GPS-Tracker. »Worauf lasse ich mich hier ein, Joe?«
»Auf nichts, Hanna. Von dir wird nichts erwartet. Diese Dinge dienen allein deinem Schutz – Weisung von höchster Stelle«, fügte er vielsagend hinzu.
»Das heißt, du – ich meine wir – wir werden permanent getrackt und hoffentlich auch mit wichtigen Informationen versorgt?«
»Richtig, Hanna. Hinter uns steht der Informationsapparat des BKA und auch dessen Schutz. Ich habe auch so einen GPS-Tracker. Anschalten bitte bei deiner Ankunft in Saint Jean.« »Jawoll, Herr Jaeger!« Sie legte militärisch grüßend die Handfläche an die Stirn.
Er ging darauf ein.
»Personalausweis und das Modul hiermit richtig übergeben!« »Richtig übernommen, Herr Kriminalhauptkommissar! Ich fühle mich jetzt wirklich geborgen«, sagte sie lachend. »Im Ernst, danke für eure Fürsorge.«
»Das ist das Mindeste, Hanna. Wie wäre es jetzt mit einem Kaffee? Ich brauche einen.«
»Danke, sehr gern, Joe.«
Während er den Kaffee-Automaten bediente, meinte er: »Ich möchte noch einmal unser Thema von eben ansprechen, Hanna. Haben wir bei diesem Projekt alles bedacht?«
»Worauf willst du hinaus, Joe?«
»Auf unser Rollenspiel, Hanna. Versetzen wir uns einmal in die Situation der anderen. Was wäre deine Reaktion, wenn du als Missbrauchstäterin, die du aus der Wahrnehmung der anderen ja auch bist, diese Einladung zum Pilgern bekommen hättest?«
Sie überdachte einen Moment diese absurde Vorstellung.
»Meine Reaktion wäre die furchtbare Angst, nach so vielen Jahren der Ruhe doch noch an die Öffentlichkeit gezerrt zu werden. Obwohl ich nicht mehr verurteilt werden kann, wäre da die Sorge, meinen Job, meine Familie, eben alles zu verlieren. Das will ich auf keinen Fall. Also werde ich mich als Missbrauchstäterin von damals nicht verstecken, sondern die Einladung annehmen.«
»Gut, du hast sie angenommen und erscheinst. Was hast du dann vor?«
»Ich möchte als Erstes wissen, wer hinter der Einladung steckt und zum anderen, ob es jemanden in der Gruppe gibt, der mir schaden könnte.«
»Wenn du auf dem Jakobsweg fündig würdest, wie ginge es dann weiter?«
Sie sah ihn entsetzt an. »Das willst du nicht wissen.«
»Doch.«
»Ich glaube, dann wäre meine kriminelle Energie gefragt.«
»Das heißt?«
»Ich weiß nicht …«
»Würdest du so weit gehen, jemanden auszuschalten? Du bist Missbrauchstäterin, aber keine Mörderin.«
»Wer will das wissen, Joe? Hanna könnte natürlich niemanden umbringen, aber Hanna ist auch keine Kinderschänderin. Die Welt, über die ich hier schreibe, ist mir zutiefst fremd.« Joe ließ nicht locker.
»Du bist aber nicht Hanna, sondern Maria, die Triebtäterin, die kleine Kinder sexuell missbraucht und unter ihresgleichen wandert.«
»Ich weiß nicht, wie weit ich als Missbrauchstäterin in meiner Not auf diesem Weg gehen würde und möchte es mir ehrlich gesagt auch nicht vorstellen.«
»Leider sind nicht alle Menschen wie du, Hanna. Unser Job ist es, uns in jeder Minute in die Gedankenwelt der anderen zu versetzen und uns entsprechend zu verhalten. Wie gesagt, das wird auf dem Camino hohe Schauspielkunst am Limit werden. Wenn einer von uns auffliegt oder gar beide, ist die Reise beendet.«
»Ich denke, Joe, das packe ich. Ich war mir der Herausforderung bewusst, als ich die Einladung erhielt. Mit konspirativer Polizeibegleitung wird es allerdings komplexer.«
»Vielleicht denken wir auch zu kompliziert, Hanna, und das Ganze löst sich als ungefährliche Luftblase auf, die schon nach wenigen Etappen verpufft.«
»Das sagst du als Kriminalist? Nein, Joe, mein Bauch signalisiert mir und zwar jetzt noch mehr als vor diesem Gespräch, wir müssen wirklich sehr aufpassen. Wir pilgern hier in etwas Ungewisses. Es kann uns tatsächlich an den Kragen gehen, falls wir entlarvt werden.«
»Wir werden nicht entlarvt, Maria Feldmann, dafür sind wir zu gut.«
Sie goss sich etwas Milch in den Kaffee, nahm einen Schluck und sagte mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck: »Ich bin von Natur aus nicht ängstlich, Hunter, aber wenn mir der Druck inmitten dieser kriminellen Gruppe zu stark wird, bin ich draußen, trotz des BKA an meiner Seite.«
Er nickte und schwieg. Hanna hatte die Gefahr richtig erkannt. Gut so. Sie würde nicht naiv in dieses Wanderabenteuer gehen, von dem beide zudem nicht wussten, ob sie die Überquerung der Pyrenäen überhaupt physisch bewältigen würden. Er war zum letzten Mal in seiner Ausbildung zehn Kilometer gelaufen. Das war vor vierzig Jahren gewesen. Danach hatte er am Schreibtisch oder im Dienstwagen gesessen. »Komm, Hanna, wir gehen eine Etage höher.«
Auf dem Weg dorthin fragte er sie: »Du kennst die Klassifizierungen im Netz?«
»Ich kenne nur das Internet, also Google und Co.«
»Genau, Hanna, das ist das sogenannte Clear Web . Es macht aber nur einen Bruchteil vom gesamten Netz aus.«
»Und der Rest?«
»Es ist das Deep Web und nimmt etwa neunzig Prozent im Internet ein. Darin befinden sich Firmendatenbanken, Streaming-Server sowie Online-Speicher.«
»Also auch die schmutzigen Seiten, um die es uns beiden geht?«
»Nicht wirklich, Hanna. Grundsätzlich steht das Deep Web allen offen. Viele Inhalte sind jedoch geschützt, um zum Beispiel Unternehmensgeheimnisse oder auch Journalisten in kritischen Ländern zu schützen. Ich kann mir vorstellen, dass auch dein Arbeitgeber diese Option nutzt. Die schmutzigen Inhalte findest du in der dritten Kategorie, im Darknet , ein vergleichsweise kleines Teilstück des Deep Webs. Es ist nicht auf herkömmliche Weise auffindbar, die Kommunikation wird verschlüsselt. Die Urheber der Inhalte und die Besucher wollen anonym bleiben.«
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