1 ...7 8 9 11 12 13 ...18 »Du weißt schon, Joe, dass es Gegenstimmen zu dieser neuen Möglichkeit gibt. Man fürchtet, dass durch die Nutzung von computergeneriertem Missbrauchsmaterial die Eintrittsschwelle in illegale Foren erhöht wird, mit der Folge, dass für die sogenannten Keuschheitsproben immer drastischere Darstellungen gefordert werden. Ich fürchte, es wird für die Keuschheitsprobe dann härteste Kinderpornografie gefordert, auch mit Säuglingen.«
»Noch schlimmer, Hanna, wir sehen ein neues Genre, die Hurt-Core-Filme , in denen Kindern absichtlich Schmerzen zugeführt und wenige Wochen alte Babys vor der Kamera gefesselt, missbraucht, geschlagen, gequält und gefoltert werden. Du willst das hier nicht sehen, denke ich.«
»Keinesfalls, Joe, erspare mir das! Über die Hurt-Core-Szene kann ich auch ohne Bilderkenntnis schreiben. Unseren Lesern wäre das auch nicht zuzumuten. Wir wollen informieren und Bewusstsein schaffen, aber im Rahmen des Zumutbaren, sonst geht der Schuss nach hinten los.«
Joe nickte. Das gleiche Problem hatte die Staatsanwaltschaft bei jeder öffentlichen Bekanntgabe eines Missbrauchsfalles. »Weil wir all das hier niemals akzeptieren werden, Hanna, kämpfen wir um jede einzelne IP. Allein darum geht es, um die begehrte Kinokarte.«
»Meinst du, dass die digitale Herausforderung überhaupt zu schaffen ist?«
»Welche Wahl haben wir?«
Er führte sie von einer Arbeitsstation zu anderen. Hanna sah flüchtig über die Bildschirme und war froh, dass der Ton nicht hörbar war, sondern nur die Ohren der Auswerter traf. Die Teams wechselten und wiesen sich kurz ein. Hanna blickte Joe fragend an.
»Wir tauschen nach zwei Stunden aus, dann reicht es.«
»Ich glaube, mir reicht es auch, Joe. Welche anderen Möglichkeiten hat das BKA, um einen Kinderporno-Ring auffliegen zu lassen?«
Er nickte und sah auf die Uhr. »Wenn du keine Fragen mehr zu dem Geschehen hier hast, dann lass’ uns in die Cafeteria gehen. Dort berichte ich dir gern, was unser drängendstes Problem ist.«
Während er in der Cafeteria zwei Cappuccinos organisierte, versuchte sie Abstand von dem Erlebten zu gewinnen. Die Erkenntnisse waren immens wichtig für die Story. Jedoch waren es nicht so sehr die gewonnenen Informationen, sondern, die Menschen dort oben, die versuchten mit künstlicher Intelligenz und unglaublicher Motivation die Bösen im Darknet zu fassen. Nicht für alles Geld der Welt hätte sie mit den Kommissaren im Cybergrooming-Raum tauschen mögen. So etwas konnte man wohl nur leisten, wenn man zutiefst von der Sinnhaftigkeit dieser Art der digitalen Strafverfolgung überzeugt war.
In der Cafeteria saßen die meisten Menschen allein und kommunizierten mit ihrem Handy. Wären nicht einige Bilder mit Polizeirelevanz an der Wand gewesen, hätte man glauben können, man sei in der Cafeteria eines Unternehmens. Hanna fühlte, dass sie nicht besonders wahrgenommen wurde. Vielleicht glaubte man, sie sei eine von ihnen.
Joe stellte die dampfenden Getränke auf den Tisch.
»Zu deiner Frage, Hanna. Wir haben glücklicherweise Vereinbarungen mit anderen Staaten zum Datenaustausch. Der wichtigste Partner sind die USA. Da liegen die größten Server dieser Welt, und von dort blickt die NSA in die Welt. Die US-amerikanischen Internet-Anbieter und auch große Netzwerke wie Facebook haben sich verpflichtet, kinderpornografisches Material an das National Center for Missing and Exploited Children (NCEMC) zu liefern. Stellt diese Behörde nun fest, dass ein Täter aus dem deutschen Internetraum kommt, meldet sie es an uns in Wiesbaden. Im letzten Jahr erreichten uns 62.000 Meldungen, das ist immerhin eine Verdreifachung innerhalb von drei Jahren …«
»Wobei man allerdings konzedieren muss«, warf Hanna ein, »dass inzwischen mehr Fälle digital erfasst werden, die absolute Zahl also nicht zwingend höher sein muss.«
»Vollkommen richtig, aber wie auch immer die wahren Fallzahlen sind, bis die Informationen hier verarbeitet werden können, sind die IP-Daten in der Regel gelöscht, und die Ermittlungen verlaufen im Sand. Warum? Weil wir sie nicht speichern können!«
»Womit wir bei der Vorratsdatenspeicherung wären.«
»Ja, Hanna, du kennst natürlich die aktuelle juristische Auseinandersetzung in der EU darüber. Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass eine allgemeine und unterschiedslose Speicherung von Telefon- und Internetverbindungsdaten mit EU-Recht nicht vereinbar ist. Nach nationalem Recht könnten wir zehn Wochen speichern, aber wegen des juristischen Durcheinanders sind wir blockiert. Jeden Tag verlieren wir greifbare Chancen.«
»Wie viele, Joe?«
»Auf das Jahr gerechnet um die zehntausend. Das klingt nach banaler Statistik, aber hinter jedem Bild oder Video steht ein realer Missbrauch. Uns wird die IP aus den USA sozusagen auf dem Silbertablett präsentiert, und bevor wir dran sind, ist sie vom Netzanbieter gelöscht.«
»Das wäre nach welcher Zeit?«
»Geh‘ mal von drei Tagen aus – wenn wir Glück haben. Eine juristische Entscheidung zu diesem Thema sehen wir angesichts der vielen Klagen auf absehbare Zeit nicht mehr. In diesem Europa geht Datenschutz vor Kinderschutz. Also werden wir weiter in mühseliger Kleinarbeit selber versuchen, an eine IP heranzukommen.«
»Unglaublich, Joe, was für ein Aufwand.«
»Was Kleinarbeit heißt, das hast du heute bei uns als erste und einzige Journalistin gesehen.«
»Danke, Joe, das weiß ich zu schätzen.«
»Gern geschehen, Hanna. Die Welt dreht sich durch das unkontrollierte Internet in eine schlimme Richtung, wir kommen nicht nach. Die Provider müssen uns nicht einmal kinderpornografische Inhalte melden, es ist hoffnungslos!«
Dabei blickte er sich in der Cafeteria um. BKA-Chef Mönch war eingetreten und saß etwas weiter im Gespräch. Er zeigte Hunter diskret an, dass er keinen persönlichen Kontakt mit der Besucherin haben wolle.
»Vielleicht gelingt es dir in deiner Recherche, Hanna, die Leidensfrage der Deutschen zwischen dem Verhältnis von Grundrechten und der Sicherheit von Menschen mit einem neuen Blick zu betrachten, insbesondere, wenn es um die Schwächsten geht, um unsere Kinder.«
Hanna schwieg. Dann fragte sie unvermittelt. »Wie viel Zeit in der Vorratsdatenspeicherung braucht ihr?«
»Andere europäische Staaten speichern sechs bis zwölf Monate. Sechs Monate, Hanna, wenigstens einhundertachtzig anlassbezogene Speichertage, und wir hätten viele an der Angel.«
Als er sie zum Ausgang des Amtes führte, zog er verlegen einen Reiseführer über den Camino Francés aus der Jackentasche.
»Du willst den nicht wirklich ganz lesen«, meinte er. »Aber denk’ wenigstens an die Wandersocken. Achte auf einen Strumpf mit Fersenlasche, sie verhindert, dass die Socke im Schuh rutscht.«
Sie gab ihm die Hand.
»Natürlich werde ich ihn durcharbeiten. Du bist lieb, Joe, danke für diesen Tag.«
»Wir sehen uns in Saint-Jean-Pied-de-Port, Frau Feldmann.«
– Dornenkrone –
Das Video war zu Ende. Der Internatsleiter Dr. Johannes Hartmann saß wie erstarrt vor seinem Notebook. Sein Gesicht war fahl, weniger wegen der anonymen Post, sondern wegen der tödlichen Krankheit. Der Darmkrebs schwächte seinen Körper zunehmend von Monat zu Monat. Die Ärzte hatte ihm prognostiziert, dass er sein Rentenalter in zwei Jahren kaum erreichen dürfte und ihm empfohlen, den Körper in der letzten Phase seines Lebens zu schonen. Der Amtsnachfolger, ein ehrgeiziger Pater aus dem Haus, stand bereits fest, doch Johannes wollte den Platz nicht räumen. Er hatte schon vor Jahren auf eine große Karriere in Rom verzichtet. Das Vorzeigeinternat war sein Lebenswerk. Er war vielfach ausgezeichnet worden, regelmäßig kamen Schüler zum Jahrestreffen und identifizierten sich mit dem Collegium Maria Hilf , das inzwischen sogar Salem den Rang abgelaufen hatte. Sein Haus hatte den Skandal vor zwanzig Jahren erfolgreich durchgestanden. Gott sei Dank hatte er das Projekt ROSE gerade noch rechtzeitig beenden können. Dass es offensichtlich irgendwo im Netz ohne sein Zutun weiterlief, interessierte ihn nicht mehr. Er war nach dem Skandal auf der Hut und hatte seinen pädophilen Neigungen im Internat bei sorgfältig ausgesuchten Schülern individuell und stets im gegenseitigen Einverständnis nachkommen können. Hartmann wusste, dass der einvernehmliche Sex trotzdem als sexueller Kindesmissbrauch galt oder wie es inzwischen hieß sexuelle Gewalt gegen Kinder .
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