„Ja — nun dämmert’s mir . . .“
„Na — sehen Sie! Krank! Nicht schuldig! Auf das Gutachten von Oxenius sprechen die Gerichte glatt frei!“
„Herr Doktor — wie soll ich Ihnen danken?“ Drüben liefen jetzt die Tränen.
„Danken Sie nicht mir, sondern der Wissenschaft!“ Gotthold Bartuschke legte der Kleptomanin schonend die Hand auf die Schulter.
„Hu . . . Hu . . . Herr Doktor? . .Und . . . und . . . das Honorar?“
„Mein Honorar ist, dass ich Sie vor dem Gefängnis bewahre, in dem Ihre reizbare Psyche nur weiter geschwächt wird!“
„Aber Herr Rechtsanwalt können doch nicht umsonst . . .“
„Früher musste ich in solchen Fällen Geld für meine Bemühungen nehmen, weil ich darauf angewiesen war“, sagte Dr. Bartuschke. „Die Verhältnisse meiner Familie haben sich im Krieg zum Günstigen geändert.“
„Das weiss jeder in Berlin, was die Herren Bartusche heutzutage verdienen!“
„Seitdem kühle ich mich verpflichtet, meinen Mitmenschen um der guten Sache willen zu dienen! Nun flott zu Oxenius! Hier seine Adresse! Adieu!“
Gotthold Bartuschke blickte versonnen der Diebin nach. Dann auf die Uhr. Ein Klingeldruck. Er wurde geschäftsmässig. Er wandte den blassen, nervös lebhaften Kopf nach dem eintretenden Bureaugehilfen.
„Ich lasse die Herrschaften vom Wahlausschuss bitten!“
„Na — bei Ihnen hier wird auch feste geschoben!“ sagte Fräulein Zwicknagel draussen entrüstet und vertraulich zu dem bleichen Jüngling.
„Jeschoben? Als wie bei uns? Das ist ’ne optische Täuschung, Fräulein: Da müssen Sie ’ne Hausnummer weiterjehen — zum Bruder — zum Herrn August! Der hat schon manche. Kiste uffgemacht . . . Aber der Doktor da drinnen — der ist ja ’n Mensch wie ’n Kind! . . . Der läuft mit ’ner weissen Weste durch die Welt!“
„Doch wird geschoben!“ beharrte Alwine. „Wir sitzen uns hier die Beine klamm, und inzwischen haben Sie hintenrum einen ganzen Verein Wanderlust zu dem Herrn Doktor reingelassen . . .“
„Pscht! Reden Sie sich man bloss nicht die Schwindsucht an ’n Hals! Det sind jrosse Tiere . . . Vom Parteiausschuss. Der Doktor kommt doch auf die Kandidatenliste für die Nationalversammlung!“ Ganz vornhin! Der kann sich dreist als jewählt betrachten!“
Alwine Zwicknagel nickte achtungsvoll und gähnte durch das Näschen.
„Komm’ ich nun bald ’ran? . . . Nee! . . . Da strömt schon wieder einer ’rein!“
Durch die auffliegende Flurtür schritt ein grosser, breitschulteriger junger Mann selbstbewusst gleich auf das Allerheiligste zu — blond, blühend, rosig, die Zigarre schief im Mund, den Hut ungezwungen auf dem Kopf. Er nickte Fräulein Zwicknagel kordial zu.
„’Tag, Püppchen! Was machen Sie hier für Geschäfte?“
„Vorläufig schlag’ ich hier Wurzeln, Herr Bartuschke!“
,,Na — ich leg’ drinnen bei meinem Bruder ’n Wörtchen für Sie ein!“
In seinem Sprechzimmer sass Dr. Gotthold Bartuschke jetzt allein, rauchend, das Strohfeuer der Nervosität im Flug der Stimmungen erloschen, und träumte in das nasskalte Novembergrau hinaus, in dem der frühe Winterabend über der trüben Strasse dämmerte. August, der Gemütliche — August, der immer Aufgeräumte, mit sich und der Welt glatt zufriedene — sein Bruder August ermunterte ihn mit einem Handklatsch auf die Schulter. Er brachte in seinem feuchten, modischen, zimtbraunen Schiebermantel einen Hauch von Frische und Kälte und Wind von draussen mit. Er feixte fidel unter seinem flott aufgezwirbelten blonden Schnurrbart.
„Gotthold . . . haste wieder ’nen Klaps? . . . Olle Leiche auf Urlaub! . . .“
„Ach, lass mich! Das kommt bei mir und geht! Platze Nützlichkeitsmenschen wie du . . .“
„War immer meine Rede!“ August Bartuschke setzte sich im Mantel, den Hut schief im Genick, den Stock vor sich, rittlings auf einen Stuhl. „Der Gotthold . . . Respekt . . . Erstklassige Kraft! Leistet bloss nischt! Da steckt der Schönheitsfehler!“
„Na — weisst du: Eure Leistungen . . .“
„Unser dusseliger Sanitätsrat hat mir noch vorige Woche gesagt: Ihr Bruder Gotthold . . . Typ des hochbegabten Neurasthenikers . . . Neurastheniter . . . Was Feines! Für die besseren Stände!“
„Quatsch’ doch nicht so!“
„,Auf und ab wie ’n Wasserfall!’ hat das Doktorchen gesagt. „. . .,So recht ein Kind unserer zerrissenen Zeit!’ . . . Zerrissene Zeit ist übrigens gut! . . . Du, hör’ mal, übrigens . . .“
August Bartuschke wurde eifrig und kramte zwischen den Tausendmarkbündeln in seiner Rocktasche einen Pack Papiere hervor.
„Kiek mal als Familienjurist in den Zimt da! Offerte freibleibend bis morgen mittag um zwölf! An sich kleine Chose! Lausige paar Millionen! Nur mit Vorsicht! Ich will nicht wegen dem Dreck etwa Scherereien mit dem kleenen. Beamten mit dem schwarzen Barett kriegen!“
Gotthold Bartuschkes leidende blaue Augen prüften misstrauisch die Papiere. Der Bruder wurde unruhig.
„Doch mulmig? . . . Hätt’ ich nich gedacht!“
„Gutgläubig können Papa und du das Geschäft schliesslich riskieren!“ sagte Gotthold Bartuschke langsam und schwermütig. „Aber um Gottes willen bona fides!“
„Gutgläubig bis auf die Knochen! Ich wasch mir hinterher die Hände mit Bimsstein! Ich bin ’n propperer Mensch! du . . . Nu noch eine Neuigkeit wie Zucker: Das Geschäft mit Wasser-Bärschwitz ist richtig! Nächste Woche wird verbrieft! Das ganze Rittergut, wie’s geht und steht! Platz für alle. Vatern in die Mitte. Ich den rechten Flügel. Du den linken. Stilvoll möbliert. Zweitausend Morgen Grund. Schöne Jagd! August der Ajrarier! . . . Graf Bartuschke von und zu Wasser-Bärschwitz! . . .“
„Wem gehört denn das Gut?“ fragte Gotthold geistesabwesend.
„Einem Herrn von Nemerow. Alleinstehender junger Mann. Eben aus dem Krieg zurück.“
„Und der verkauft?“
„Muss er ooch! Das Objekt gehört in starke Hände. Überschuldet bis in die Puppen. Eigentlich schon Konkurs eröffnet — seit einem halben Jahr — seit dem Tod des Alten!
Vom Gläubigerauschuss verwaltet!“ August hob drohend den Stock. „Du — wenn wir das Ding jetzt frisch auflackieren — dass du da nicht etwa gleich in deinem Teil ’ne Epileptikerkolonie gründest oder ein Asyl für arbeitslose Magdalenen mit vierzig reuigen Betten! . . . Säh’ dir so ähnlich!“
,,Spotte nicht über das Unglück der Menschen!“ sagte Dr. Bartuschte. „Wir stammen selbst aus dem Volk.“
„Kleiner Schäfer! Deswegen steigst du ja auch so jern zu den Töchtern des Volks hernieder.“
„Das steht auf einem anderen Blatt!“
„Oller Schwiemel . . . Dir kenn ick doch!“
„Ich bin ein Mensch!“ Gotthold Bartuschke stützte trübe den Kopf in die Hand. „Leider — und den Sünden des Bluts unterworfen.“ Plötzlich fuhr er wütend im Sessel herum und schnaubte den Bruder an: „. . . und ausserdem kümmert’s dich den Kuckuck . . .“
„. . . wo du deine Liebschaften hast — hier in C und O mit Ick und Det . . . Nee — danke! War mal! Ich bin jetzt für WW. Für das Feinere — verstehste?“
„Es ist immer viel Mitleid in meiner Liebe“, sagte Gotthold Bartuschke halblaut. ,,Deswegen bleib’ ich hier draussen . . . wo die letzten Häuser sind . . .“
„Also viel Verjnüjen! Mahlzeit! — Jeh nur zu ihr . . .“
„Zu wem?“
„Irgend ’ne Seelenfreundin wirst du doch auf Lager haben! Haste doch immer!“
„Augenblicklich keine!“ Gotthold Bartuschke sass am Tisch und starrte gedrückt vor sich hin. „Ich habe wieder zu trübe Erfahrungen gemacht . . .“
August lachte fast bis zu Tränen.
„Klassischer Kerl! Na . . . ich krieg nu talte Füsse . . . Du, übrigens: Draussen sitzt deine neue Dame . . . hab’ ich dir verschafft . . . rein per Zufall . . . Gottvolle Kröte! Klein, aber oho! Die musst du an deinem Busen grossziehen! In der steckt was! Die wird was!
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