Undeutlich hüpften und huschten die Schatten hinter den hellen Vierecken der Vorhänge im Schwarz der Nacht.
„. . . und in den Hinterzimmern spielen sie!“ ergänzte Jo. Die Kleine fasste sie begeistert an Hand und Schulter. Sie waren angesteckt von dem Spiegelbild der Lebenslust über der Strasse. Sie schoben sich wiegend im Tanz über das Parkett des dunklen Salons — vor- . . . und rückwärts . . . stiessen an die Möbel . . . Die Kleine summte den Takt. Die Ältere mit. Aus dem Berliner Zimmer kam die mütterliche Verwarnung:
„Gleich hört ihr auf! Was ist denn das für ein neumodischer Tanz? . . . Und diese Melodie?“
„Nichts für dich, Mama!“ rief der Backfisch und bemühte sich, die dünnen Beine auf seltsame Weise zu verrenken. Jo blieb stehen und sang ausser Atem:
„Wenn ein Mädel einen Herrn hat,
Der sie liebt und den sie gern hat . . .“
„Es ist ja empörend! Wo habt ihr denn das wieder her?“
„Gott, Mama — davon stirbt man nicht! . . . Tu mir den einzigen Gefallen und komm nur nicht wieder mit der ernsten, grossen Zeit!“ Die weiche, sanfte Jo wurde plötzlich böse. „Achtzehn war ich, wie’s losging — jetzt bin ich zweiundzwanzig und hab’ mir die schönsten Jahre ans Bein gebunden . . . für nichts und wieder nichts . . . Die Asta ist vierundzwanzig und hat ihre Jugend verplempert. Nichts haben wir von der besten Zeit unseres Lebens gehabt . . .“
„Still jetzt!“
„Wenn’s wenigstens was geholfen hätte! Aber da sitzen wir jetzt! Und du hältst grosse Reden, Mama, wie herrlich es zu deiner Zeit war und wie elend es jetzt für uns kommen wird. Danke schön! Sehr nett von euch! Aber wir sind auch noch auf der Welt!“
„Schämst du dich denn nicht vor deinen Schwestern?“
„Vor der Effi? . . . Schau doch mal der ihre fidele Visage! Und die Asta? Das ist ein stilles Wasser!“
„Geht jetzt lieber schlafen! Ich mag euch gar nicht mehr sehen!“
Die Mädchen hatten das Licht mitgenommen. Sie sass mit ihrem Mann im Dunkeln, Hand in Hand.
„Du, Leopold: Armeen kannst du kommandieren. Aber drei Mädel, die der Hafer sticht, nicht mehr! Du musst jetzt einmal Ordnung schaffen! Ich verlange das als Mutter!“
„Ordnung, Mama?“ sagte die Stimme ihres Mannes neben ihr in der Finsternis. „Es ist genug befohlen worden. Es wird nicht mehr gehorcht. Der äussere Gehorsam ist gebrochen. Der innere fehlt.“
„Manchmal redest du doch rein chinesisch . . .“
„Die Führung ist nicht mehr herzustellen. Von uns aus, aus unserer zerbrochenen Welt, nicht. Erkenntnis — Lebensgang — Glück — Unglück — alles muss der jungen Welt aus ihrem eigenen Inneren kommen . . .“
„Dann können wir uns also begraben lassen . . .“
„Wir sind alt, Mutter! Wir wissen nicht, was die Jungen gelitten haben — vier lange Jahre — draussen und drinnen. Nun fordern unsere Kinder ihr Recht.“
Gespenstig verbogen und schoben sich, ruckten und zuckten hinter den matt erleuchteten Vorhängen drüben die Schatten der jungen Männer und Frauen im Takt des Tanzes, als führten sie eine feierliche Grabzeremonie auf. Rings um die halbhellen Rahmen ihrer stumm verschlungenen Gestalten rauschte die regenströmende Winternacht.
Die junge Dame zog die blechern und kränklich schrillende Klingel im zweiten Stock des Hauses hinter der Haltestelle der Elektrischen in der Gertraudtenstrasse, da, wo Alt-Berlin am ältesten war und drüben der Mühlendamm vom Fischmarkt zum Molkenmarkt das schmutzige Wasser der Spree im Novemberdämmern überspannte. Sie stand in einem fliederfarbenen Cape aus dem Warenhaus und einem sehr fussfreien Rock über den Lackstiefelchen und wartete. Ihr Federhütchen brachte ein schwaches Bunt in das graue Grämeln des Zwielichts über der staubigen Stiege und dem wurmstichigen Flurabsatz. Sie sagte zu dem öffnenden Bureaugehilfen:
„Mahlzeit! Herr Rechtsanwalt Dr. Gotthold Bartuschke erwartet mich! Ich soll mich vorstellen. Fräulein Alwine Zwicknagel.“
In dem grossen finsteren Warteraum brütete Essensgeruch, das Zeichen, dass sich Gotthold Bartuschkes Junggesellenwohnung in seinem Bureau befand. Auf Holzbänken dösten schweigsam Menschen vor sich hin. Alwine Zwicknagel setzte sich und betrachtete misstrauisch von der Seite ihre Nachbarn. Ob die ganze Blase schon kriminell war? Reif für den grünen Wagen?
„Was sind denn das für Leute, die da sitzen?“ fragte sie leise den jungen Mann, der sich in ihrer Nähe zu schaffen machte. Haben die schon gesessen? Klauen sie?“
„Bilden Sie sich man keine Schwachheiten ein, Fräulein! Was glauben Sie, wer zu dem Herrn Doktor kommt?“
„Kann ich mir ungefähr vorstellen!“
„Können Sie nicht! Was denken Sie, in wieviel jemeinnützigen Gesellschaften Herr Doktor Mitglied ist! Was der sich allein für den Verein für entlassene Strafgefangene die Beine ausreisst . . . Und in der Fürsorge-Erziehung . . . mit die Lausebengels, und im reuigen Magdalenenwesen. Da sitzt gleich drüben ein Pastor von der inneren Mission. Und da ein Hausvater — und dort zwei wohltätige Damen.“
„Weiss ich doch nich! Ich dachte in meiner Unschuld, dass sie hier bloss die ollen Strafsachen . . .“
„Wir übernehmen nur janz saubere Fälle! Und auch die nich! Wo sich der Doktor doch nu so mächtig in die Politik jekniet hat! Der wird’s als Staatsmann noch weit bringen! Ihnen jesagt!“
„Hab’ ich mir längst hinter die Ohren geschrieben! Ist er denn schon da?“
„Kuriert jerade nebenan ’n Fall!“
In dem Sprechzimmer strich sich Dr. Gotthold Bartuschke mit nervösen Fingern durch den rotblonden Vollbart und heftete unter dem schiefhängenden Zwicker seine leidenden, hellblauen Augen teilnehmend auf eine kleine, ältliche Frauensperson mit einem scheuen Spitzmausgesicht, die ihm weinerlich schnupfend gegenübersass. Er sagte mitleidig:
„Sie haben nun ’mal die sechs alten Sèvrestassen heimlich aus der Kunsthandlung mitgehen heissen . . .?“
„Ich konnt’ sie doch nicht zahlen! Was sollt’ ich denn machen?“
„. . . Und dazu noch eine fünfzig Zentimeter hohe Bronze-Venus unter den Röcken . . .“
„Ich bin doch so kunstsinnig! Es heisst doch: Schmücke dein Heim!“
„Aber nicht mit fremden Federn! Also gestehen Sie alles glatt vor dem Untersuchungsrichter ein! Darauf bestehe ich!“
„Gewiss doch! Ich will ja in Gottesnamen meine Strafe ’runtermachen!“
Dr. Bartuschke schüttelte träumerisch den Kopf. Er war schmalschulterig und kleiner als sein Bruder August. Er hielt sich beim Sitzen gebeugt. Er warf gereizt den rötlichen Haarschopf aus der gefurchten Stirn.
„Wenn Sie bestraft sein wollen — warum kommen Sie dann eigentlich zu mir? Zum Glück sind Sie zum drittenmal rückfällig . . .“
„Ja, leider! Hätte ich mich nur ein einziges Mal hinreissen lassen . . .“
„Dann stände die Sache schief! Aber die Wiederholung der Delikte bezeugt bei Ihnen den krankhaften unwiderstehlichen Trieb. Es handelt sich jetzt vor allem um ein ärztliches Attest!“
Aber ich bin doch bei ganz klarem Verstand!“
„Glaubt Ihnen Professor Oxenius so wenig wie ich. Die Psychopathiker bilden sich immer ein, sie seien gesund, liebe Frau!“
„Ich will aber nicht in die Gummizelle!“
„Dafür sind Sie auch lange nicht reif. Sie bewegen sich auf dem interessanten Grenzgebiet des Unterbewusstseins! Durch erbliche Belastung sind die normalen Hemmungen bei Ihnen ausgeschaltet. Sie konnten eben nicht anders!“
„Nein.“ Die Frau mit dem Spitzmausgesicht fing an zu weinen.
„Sie mussten eben — sagen wir schon: stehlen, obwohl Sie nicht wollten!“
Das war stärker als ich! . . . hu . . . hu . . .“
„Wahrscheinlich gingen bei Ihnen Schleierzustände dem Erlöschen der Willenskraft im Sensorium voraus. Hatten Sie nicht ein Dämmerungsgefühl, bevor Sie auf Ihre Beutezüge ausgingen?“
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