„Die Jasbeleuchtung ist mir auch schon aufjejangen!“ sprach August Bartuschke und schaute sie mit stiller Bewunderung an. Sie hielt seinen Blick ruhig aus. Sie wurde nur ein bisschen blass, als merkte sie etwas. Dann ungeduldig. Sie machte eine zögernde, ungnädige Kopfbewegung einer grossen Dame, als wollte sie einen Bittsteller verabschieden. Er lächelte gutmütig und liess sie nicht aus dem Auge.“
„Also Spass beiseite! Ich nehme den ganzen Schwamm! Da: eins — zwei — drei — vier — fünf Bräunlinge als Restjeid! Stimmt’s, mein Fräulein?“
,,Danke!“ Asta Oberwolff sah den Haufen Tausendmarkscheine kaum an. Der Käufer knöpfte sich behaglich den Mantel zu.
„Glück haben Sie, dass Sie an ’nen Potsdamer wie mich geraten sind! Ich schlidder immer herein! Ich bin, wo’s ans Geleimtwerden geht, der sichere Mann! Guter Kerl — aber dumm . . . dumm . . . Na — die Hand können wir uns auf das Geschäft schon geben!“
Er schüttelte heftig und herzlich, sich in ihren frostigen, blauen Augen verlierend, ihre kühle, glatte Rechte, bis sie sie ihm mit einem entschiedenen Ruck entzog.
„Wann lassen Sie die Sachen holen? . . .“
„Möcht ich noch ein paar Tage hier stehenlassen! Jeht das?“
„Bitte!“ sprach Asta geschäftsmässig.
„Ich komm dann noch mal selber ’ran . . . dann berede ich das Nähere! An Ihnen ist ’n junger Mann fürs Geschäft verlorengegangen!“
Asta Oderwolff machte eine geringschätzige Bewegung. Dann wollte sie doch zum Abschied höflich sein.
„Wollen Sie einen Regenschirm?“ fragte sie. „Es giesst draussen in Kübeln, und die Strassenbahn geht nicht mehr!“
„Danke! Meine Limousine wartet unten! Müssen Sie sich das nächste Mal anschauen! . . . Zwanzigpferdige Mercedes . . . elektrischer Anlasser . . . Rothschild-Sitze . . . Läuft leise wie ’ne Maus . . . Feine Nummer . . . Na . . . Mahlzeit . . . Auf Wiedersehen!“
„Guten Abend!“
August Bartuschke stieg die Treppe hinunter. Er begann mit ganz wohltönender Stimme vor sich hinzufingen. Dann merkte er plötzlich, dass er verliebt war. Eigentlich spürte er es schon die ganze Zeit. Er war merkwürdig zufrieden mit diesem Zustand. Er kam sich gehoben vor. Er nahm langsam eine Stufe nach der anderen, um sich nur allmählich von Asta Oberwolff zu entfernen, und summte gefühlvoll und verklärt vor sich hin: „Berlin — du bist ein Juwel! Du hast die Schönste der Frauen“ . . .
„Töte mich!“ gellte oben eine helle Mädchenstimme durch die Oderwolffsche Wohnung. Asta nahm von der Sterbebereitschaft ihrer Schwester nebenan keine Notiz. Sie glättete die Tausendmarkscheine auf dem Tisch zu einem Päckchen und seufzte erlöst auf. Uff! Nun war das Familienschifflein wieder für eine Weile flott. Höchste Zeit . . .
Asta Oderwolff trat in das Nebenzimmer. „Töte mich!“ schrillte ihr Jo aus zitternder Kehle entgegen. Sie lag lang auf dem Kanapee, mit weit offenem Mund, kalte Augen in dem verzerrten, weichen Gesicht, und bemühte sich mit der lebendigen Jugend ihres blühenden Mädchenkörpers Sterbezuckungen der Arme und Beine glaubhaft zu machen. Der Vetter Simprecht, der angehende Tänzer, hatte sie eben mit einem Papiermesser umgebracht. Es war, als ob eine Frau die andere erstäche. Die Bewegungen seiner grossen Hände waren zart, die Biegung der Taille, der Schultern ganz weiblich. Wie er jetzt das Mordinstrument sinken liess und gesenkten Hauptes, erschüttert, vor der stürmisch atmenden Leiche seiner Geliebten stand, umspielte eine müde Anmut sein Wesen. Man sah nicht mehr, dass er eigentlich hässlich war — mit abnormen Ohren, grosser Nase, spitzem Kinn, geschlitzten Augen. Er verstand es, sein Äusseres mit einem eigenen herbstlichen Reiz der Entartung zu durchgeistigen.
„Dös war an Schmarr’n von ’nem Tod!“ sagte in tiefem Bass der Schauspieler Raoul Fortunaty, der bei der Film-Dilettiererei die Regie führte. Er hatte einen schwammigen, jugendlichen Wiener Faunkopf, bei dem zu dem krausgelockten Haar nur die Spitzohren und Bockshörner fehlten. Asta trat näher . . .
„Es ist Generalstreik!“ sagte sie.
„Simprecht bringt mich aus der Stimmung!“ schrie Jo klagend, ohne auf sie zu achten, und richtete sich auf. „Der Schuft hat, wie er mich erdolchte: ,Kicks — du süsse Maus!’ gemurmelt!“
„Wir brauchen Wasser — Licht — Lebensmittel!“
Der Vetter Simprecht lächelte nur diabolisch, verächtlich zu Astas Alltäglichkeiten. Sein kurzes Jäckchen spreizte sich, eng in die Taille geschnitten, über den schlanken Hüften und liess sie weiblich breit erscheinen. Unter den zu kurzen, engen Hosenröhren schimmerten gezwickelte Florstrümpfe und Halbschuhe mit Schnallen wie bei einer Frau. Neckisch flatterte ein winziges, Pfirsichblütenfarbenes Krawattenschleischen schiefsitzend aus dem vatermörderhohen Stehumlegkragen.
„Es wird bald Nacht! . . .“ beharrte Asta. „Wir müssen doch vorsorgen . . .“
„Also noch mal!“ Herr Fortunaty klatschte, die Zigarette schief zwischen den Panslippen, in die Hände.
„Töte mich!“
Asta ging. In dem grossen Berliner Zimmer umbraute Zigarrenrauch den eisgrau-spitzbärtigen, gefurchten Charakterkopf ihres Vaters. Der verwitterte Feldherr in schlichtem dunklen Bürgerrock hielt eine kurzstielige Lupe vor die weitsichtigen Augen.
„Papa . . .“
Die drei Generale fochten noch an der Marne. Der kleine, dicke General Krebs schlug mit der geballten Faust auf die französische Generalstabskarte: Révision en 1911, édition provisoire 1915, reproduction rapide.
„Die erste Armee hat das Menschenmögliche getan . . .“
„Der zweiten Armee verdanken wir die ganze Pastete . . .“
„Wie kam Hentsch dazu, in Mareuil . . .?“
„Papa! . . . Es gibt Generalstreik!“
Die Feldherrnaugen, gross und klar, gewohnt, Länder und Heere zu übersehen, hoben sich abwehrend zu der Tochter.
„Bitte, verschone mich, Kind! . . . Meine Herren, ich frage Sie: Wann und wo in der Weltgeschichte ist es erhört, dass ein Oberstleutnant die Entscheidungsschlacht eines Jahrhunderts in Europa leitete?“
Asta ging auf den Fussspitzen, um den Kriegsrat nicht zu stören, und steckte den Kopf in das Schlafzimmer ihrer Mutter. Exzellenz von Oderwolff lass da mit ihrer Freundin, Frau von Schnickel, und erzählte:
„Nein, meine Liebste: wir wollen ein Landhaus nur auf kurze Zeit mieten . . . So bei Naumburg etwa — in hübscher Gegend — mit nettem Verkehr. Wenn alles wieder in der alten Ordnung ist, kann man dann immer wieder nach Berlin zurück.“
„Ja. So wie jetzt kann es ja nicht bleiben!“ pflichtete Exzellenz von Schnickel bei. Asta Oberwolff schloss den Türspalt. Im offenen Kämmerchen nebenan übermurmelte die Jüngste des Hauses, das zernagte Ende des Federhalters zwischen den kleinen, weissen Zähnen, ihren Aufsatz über den Geist der Befreiungskriege.
„Eine tiefe sittliche Erneuerung ging durch das daniedergeworfene Volk. Alle Stände wetteiferten in Entsagung und Vaterlandsliebe. Heldentugenden wurden wieder wach.“
„Schön so, Effi!“
„Nicht wahr? Das geht dem Kruse ein wie Sirup!“
„Dem Klassenlehrer?“
„Ja. Der ist einfach süss. Den freut so was diebisch. Da schaut er einen dann so herzlich übers Heft hin an. So treu, so deutsch. Er ist restlos einzig . . . Also: ,Entsagung war das Gebot der Zeit. Auf alle Eitelkeit des Lebens hiess es verzichten.’ Du, Asta — es ist doch eigentlich gemein, dass man erst mit achtzehn in den Kintopp darf! Wenn nun die Jo da plötzlich das Flimmern kriegt — und ich steh’ draussen . . .“
„Effi — mit dem Geist der Befreiungskriege ist unsere eigene Zeit gemeint!“
„Die Thilde — in der Klasse — sagt: ,Da lachen ja die Hühner! Die Alten, die haben alles gehabt, und nun sollen wir die Dummen sein und nichts vom Leben haben!’ — sagt die Thilde! . . . Du — wenn man den Kruse fest ansieht, wird er rot . . .“
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