Auf jeden Fall, und um diese Abschweifung zu beenden, so mag MacCarthy durchaus ein zweiter Ovid gewesen sein, aber seine Worte sind für immer in einer barbarischen Sprache verschlossen, die die Geschichte zum Schweigen und zum Pflug verurteilt hat. Bei jener Gelegenheit versicherte ich ihm, daß mir das unglückliche Schicksal seiner Landsleute sehr am Herzen läge, und ich regte an, es ließe sich vielleicht verbessern, wenn sie die Sicherheiten des englischen Gesetzes besser ausschöpfen könnten. Er antwortete mit den Versen eines anderen Poeten, die er dann, egal, was Treacy davon halten mag, für mich ins Englische übersetzte: »Troja und Rom sind verschwunden, Caesar ist tot wie Alexander. Vielleicht wird eines Tages auch der Tag Englands kommen.«
Ich forderte ihn auf, die Bedeutung dieser dunklen Aussage zu erklären, und er antwortete, sie bedeute lediglich, daß Griechenland und Rom einst mächtige Reiche gewesen seien, und nun sei eben England an die Reihe gekommen. Ich sagte ihm, daß ich nicht eine Minute glaubte, es könnte so gemeint sein. Statt dessen brachte es die dumpfe Rachsucht zum Ausdruck, die die irischen Bauern bekanntlich hegen, und die, wie ihr Aberglaube, sie davon abhält, angemessene und vernünftige Lösungen für ihre Probleme zu finden. Dann überlegte ich mir: Was für Lösungen? Wohlmeinende protestantische Pastoren schreiben Bücher und Traktate für sie, raten ihnen, sich ordentlich zu kleiden, während sie halbnackt sind, die Wahrheit zu sagen, wenn nur eine Lüge sie vor ihrem raffgierigen Grundbesitzer schützen kann, nüchtern zu bleiben, wenn der einzige Trost in einer Flasche liegt.
Daraufhin lächelte er mich an, als ob er meine Gedanken gelesen hätte, und das Lächeln veränderte seine groben, schweren Züge und deutete eine lebhafte, wenn auch sardonische Intelligenz an. Im offensichtlichen Bestreben, das Thema zu wechseln, nahm er ein schmales Buch von dem Stapel, den ich vor ihm aufgebaut hatte, eine Übersetzung von Le Sages Romanze Gil Blas . »Das hier kenne ich gut, Euer Ehrwürden. Ich hatte es in der Hintertasche meines Mantels, als ich vor Jahren auf Wanderschaft war. Dafür gibt es gar kein besseres Buch.« Ich entdeckte, daß er einigermaßen Französisch konnte, was offenbar bei den Schulmeistern seiner Heimat Kerry nicht außergewöhnlich war, weil es dort früher sehr viel Verkehr mit Frankreich gegeben hatte. Aus Kerry und Cork waren bis vor zehn Jahren die jungen Männer in die Seminare von Douai und St. Omer oder als Rekruten zu den irischen Brigaden der französischen Armee gebracht worden, und es hatte auch einen lebhaften Schmuggel gegeben. Nicht nur die letzte, sondern alle drei Unternehmungen waren gesetzlich verboten, aber das schien MacCarthy überhaupt nichts auszumachen. Darin kann eine weitere bedauerliche Folge der abscheulichen Penal Laws gesehen werden, die ein Jahrhundert lang die Papisten mehr oder weniger zu Vogelfreien gemacht hatten.
Diese Verbindung von Gil Blas und der französischen Sprache mit dem grobschlächtigen Kuhhirten, der da in seinem langschößigen Rock aus regenfarbigem Fries vor mir stand, erschien mir als höchst merkwürdig.
Bei dieser Gelegenheit, wie bei meinen anderen Unterhaltungen mit MacCarthy, war ich von seiner offenkundigen Liebe zu Wörtern und Büchern positiv beeindruckt, obwohl er selbige zweifellos auf grobe, provinzielle Manier auffaßte, und von seinem Auftreten, das unbefangen, aber niemals beleidigend vertraulich war. Und doch hatte er auch etwas an sich, was mich verärgerte, einen schlauen, leichten Spott, als wüßte er genausogut wie ich, daß wir dieselben Wörter auf ganz unterschiedliche Weise verwendeten. Wie wenig werden wir je über diese Leute wissen, solange wir in unsere getrennten Zimmer eingeschlossen sind! Und oft habe ich ihn in einer ganz anderen Stimmung gesehen, wenn er betrunken heimwärts stolperte, eher Vieh denn Mann, zu dem Bett, das er mit irgendeiner jungen Dirne von einer Witwe teilte. Der Weg, den er später einschlug, stimmte mich traurig, überraschte mich jedoch nicht. Er lebte tief in der Welt seines Volkes, und diese Welt ist unvorhersagbar und gewalttätig.
Was mich in meinen ersten Jahren in Mayo vor allem bedrückte, war, daß alle, reich und arm, darin übereinzustimmen schienen, daß die schrecklichen Umstände, die ich hier erwähnt habe, unveränderlich seien, gewirkt aus einer Geschichte von so festem Gewebe, daß es niemals in eine akzeptablere menschliche Form gezogen oder gerissen werden könnte. Ich bin durchaus kein Radikaler. Ich weiß, daß die Gesetze der menschlichen Ökonomie, wie die der Astronomie, unbeweglich und streng sind. Dennoch kann ich das Gefühl nicht aufgeben, daß diese Gesetze verzerrt worden sind, so wie Kometen und Meteore auf die Erde hinuntergezogen werden. Die Armen werden immer bei uns sein, aber muß es sie wirklich in solchen Mengen geben, daß sie die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen?
Aber die wenigen Lösungen, die vorgeschlagen worden sind, sind entsetzlicher als das Übel, das sie heilen wollen. Ich habe zum Beispiel Männer, die nicht unmenschlicher sind als die meisten, vorschlagen hören, daß die immer wieder auftretenden Hungersnöte von der Natur so beschlossen worden sind und im Laufe der Zeit die Bevölkerung auf eine passende Anzahl reduzieren werden, aber dieses erscheint mir als Gotteslästerung. Oder nehmen wir die Whiteboys, die in meinem Bericht eine Rolle spielen. Etwa dreißig Jahre lang waren diese Banden eine Geißel für das Land, verheerten die Landschaft, ermordeten Verwalter, verstümmelten oder töteten Vieh, rissen die Zäune nieder, die die Weiden umgaben, unterwarfen Gegner und Denunzianten brutalen und grausamen Bestrafungen. An einigen wenigen Orten konnten sie ihren Ehrgeiz befriedigen; die Pacht wurde gesenkt, Felder wurden nicht weiter in Weideland umgewandelt. Zumeist aber wurden die Whiteboys gejagt wie Hirsche und Wölfe und schließlich vernichtet. Sie mußten vernichtet werden, denn die Zivilisation kann solches Barbarentum nicht hinnehmen. Hungersnot oder Terror: Welch entsetzliche Auswahl sich anbietender Heilmittel!
Und welche Hilfe bringt die Religion selber? Ich werde wenig über die Kirche dieses Volkes sagen. Zweifellos ist sie von dem Jahrhundert (oder mehr) der Verfolgung, die sie erleiden mußte, deformiert und brutalisiert worden, und zweifellos übt sie eine besänftigende Wirkung auf ihre Kinder aus, aber dennoch kann ich keine große Sympathie für sie bekennen. Mr. Hussey, wie gesagt, ist ein Mann von Bildung und guten Manieren. Kaum ein Anblick war so lächerlich wie der von Mr. Hussey in seinen Schuhen mit den Silberschnallen, unterwegs in eine Hütte, wo seine Anwesenheit vonnöten war, der sich bei dem Gestank am liebsten die Nase zugehalten hätte. In seiner Kapelle, die mit Hilfe von Mr. Falkiner und anderen eher liberalen Mitgliedern des protestantischen Landadels errichtet worden ist, hat er wohl immer wieder gegen Whiteboys und gegen die abergläubischen Praktiken seiner Pfarrkinder angepredigt. Und doch war sein Kaplan, der ungeheuerliche Murphy, Bauernsohn und selber Bauer, ein grober, ignoranter Mann, rotgesichtig, jung, fett und mit der Stimme eines jungen Bullen, viel typischer für das römische Priestertum. Und als die Krise über uns hereinbrach, bewies er, daß er ihre finstersten Leidenschaften bis ins letzte teilte. Auch gehörte Reinlichkeit nicht zu seinen Tugenden, und für seine Liebe zur Flasche gibt es hinreichend Beweise.
Aber über meine eigene Kirche, was kann ich da sagen, außer, daß sie die Kirche einer beherrschenden Garnison ist? Ich kann vielleicht meine Predigten rühmen, die keine leeren Ausschweifungen über obskure Stellen der Schrift sind, sondern sich auf das tägliche Leben richten. Und doch, wenn ich die kahlen weißen Wände betrachte, die schmalen Fenster und die beiden Schlachtflaggen, die Mr. Falkiners Ururgroßvater aus Marlboroughs Kriegen mitgebracht hat, und die Gedenktafeln für die, die im Dienste unserer Krone auf den Schlachtfeldern von Frankreich und Flandern gefallen sind, wenn ich meine Pfarrkinder ansehe, steif und gerade wie Truthähne oder Conquistadoren, dann kommt mir der beunruhigende Gedanke, daß ich weniger ein Seelsorger für Christi Volk bin als Priester eines kriegerischen Kults, so wie Mithras von den römischen Legionen gehuldigt wurde. Hier, denke ich in solchen müßigen Momenten, ist ein Vorposten, der durch die ewiggültigen Edikte von Elisabeth und James und Cromwell und William in diesem Land stationiert worden ist und es für unseren Herrn, den König, halten soll.
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