„Ja, ich komme schon!“ sagte Yvonne, blieb aber noch stehen und sagte rasch und gepresst, als habe sie lange mit dem Entschluss, die Frage herauszubringen, gekämpft: „Sag nur noch, Gaston ... kennst du einen Mann ... so eine Art Jäger oder so etwas ... sie nennen ihn Sidi Frank ...“
„Ja, gewiss!“ sagte der kleine Soldat zu seiner Schwester, die auf einmal ihr Gesicht von ihm weggewandt hatte und eifrig zum Fenster hinausblickte, als wäre da etwas sehr Merkwürdiges an den Palmzweigen zu entdecken. Das Stückchen Wange, das unter dem feinen Braunhaar noch sichtbar blieb, war lebhaft gerötet — wie ihm schien, von der darauf flimmernden Sonne. „Gewiss! Er war früher auch Soldat, und wie unser Regiment hierherkam, hab’ ich ihn kennengelernt. Draussen, noch jenseits des grossen Salzmeers — hast du das schon gesehen?“
„Den unheimlichen weissen Schein überall am Horizont ... meinst du das?“
„Ja — also da drüben, ganz im Süden, hat sich ein alter vornehmer Colonel angesiedelt — eigentlich auch kein rechter Franzose, sondern Elsässer wie wir. Der haust da mit seinen Viehherden und seinen Arabern in der Wüste, mitten in einer riesenhaften, verlassenen Römerstadt, deren Namen man nicht einmal mehr kennt. Und Frank lebt bei ihm, halb als Gefährte, halb als Verwalter und Aufseher. Oft liegt er auch wochenlang irgendwo in den Bergen auf der Jagd — wenn er dann hier durchkommt, dann besucht er mich jedesmal ...“
„Aber du weisst nicht, wer es eigentlich ist?“
„Nein. Er spricht nie von sich. Die älteren Soldaten sagten, es sei ein Wunder, dass er noch am Leben sei. Aber ihm ist nie etwas geschehen, und bloss deswegen habe er, wie seine Jahre um waren, den Dienst verlassen und sei zu dem Colonel in die Wüste gezogen.“
„Und dabei muss es doch ein gebildeter Mann sein, nicht wahr?“
„Ja, gewiss! Das merkt man doch!“
Er verstummte, und auch Yvonne fragte nicht weiter.
„So ... solch ein Mensch ist das!“ sagte sie endlich langsam, nickte dem Bruder noch einmal zu und folgte der zahnlückigen Aufwärterin in das Zimmer nebenan.
Gegen Abend hatte sich Yvonne Roland im Militärlazarett von El-Ariana häuslich eingerichtet und den Hauptteil der Zeit hindurch sich ihrem Bruder gewidmet. Nun sollte der Ruhe haben. Sie hatte ihm für heute gute Nacht gesagt, obwohl es noch heller Tag war und nur das allmähliche Nachlassen der Gluthitze auf das Sinken des Sonnenballes hinter dem schwarzen Palmengefieder der Oase deutete, und schritt dem Ausgang des Spitals zu. Jetzt mussten die beiden Missionarinnen, wenn sie heute früh die Karawanserei in der Steppe verlassen hatten, in El-Ariana eingetroffen sein. Sie wollte einmal sehen, ob sie schon da waren. Sie blieb auf dem Platze vor der Zitadelle, den sie unterdessen erreicht hatte, stehen und schaute um sich. Der weite Raum, den die grauen, zinnengekrönten und von Palmen überragten Römermauern schon zur Hälfte beschatteten und dessen andere Seite Reihen niedriger, fensterloser, blendendweiss getünchter arabischer Häuser abschlossen, war jetzt in der beginnenden Kühle des Feierabends lange nicht mehr so still und menschenleer wie heute früh beim Morgengrauen. Dutzende von braunen Gestalten, die weissen Mäntel malerisch um die Schultern geschlungen, bewegten sich auf ihm, hockten als weiss flimmernde Kreise auf den Fersen im gelben Staub beisammen und schimmerten als ebensolche schneeige, nur durch vereinzelte Farbenflecke der Turbane und Gürtel unterbrochene Massen dichtgedrängt mit gekreuzten Beinen aus dem schwärzlichen Inneren einer nach vorn offenen Kaffeebude. Dazwischen watschelten da und dort als abenteuerliche schwarze Glocken die verhüllten Maurinnen, die ehrbaren Bürgerfrauen der Stadt. Auch rannte unverschleiert, nur mit flatternden, purpurroten Hemden bekleidet, und mit lachenden blau tätowierten Gesichtern ein Trupp Beduinenmädchen, lustige Bauerndirnen aus der Wüste, dahin, dass der Staub hinter ihren mageren flinken Beinen aufwirbelte und die Hunde kläffend sprangen und die blumengeschmückten, lautlos da und dort spielenden und huschenden Kinder aus ihren grossen dunkeln Augen erstaunt hinterher sahen.
Mitten durch diese Gruppen karrte ein kleiner, hinten mit Gepäck beladener Planwagen. Es flimmerte in ihm von zwei blonden Köpfen. Yvonne lief zu dem Fahrzeug und streckte ihre Hände hinein, damit jede der beiden Missionarinnen die ihre bekäme. Sie hörte zwischen all dem Geschüttel und Begrüssen, dass die zwei Missionarinnen nur diese Nacht in El-Ariana, im Hause eines Vetters ihres arabischen Kärrners, rasten und dann gleich weiter nach Süden, nach den heiligen Oasenplätzen Tosêr und Nephta, den letzten Saharastädten am Rand des unwirtlichen und unbewohnten Gebietes der Sanddünen, ziehen wollten.
„Also Sie haben Ihren Bruder gefunden?“ sagte die eine. „Da hätten Sie die Nacht auch noch bei uns in der Karawanserei bleiben können. Dann hätte die Botschaft heute früh Sie dort erreicht!“
„Was für eine Botschaft?“ fragte Yvonne. Ihr wurde unbehaglich zumut.
Die Britinnen wussten nichts Genaues. Sie hatten noch geschlafen und es nur von dem arabischen Hausmeister gehört. Kurz vor Sonnenuntergang sei von Westen her ein Mensch, anscheinend ein Levantiner oder Türke, der sich Ali Stambuli nannte und offenbar die ganze Nacht hindurch geritten war, an der Karawanserei eingetroffen. Er habe einen Brief bei sich gehabt, diesen aber, als er gehört, dass Mademoiselle Roland schon über alle Berge war, nicht abgegeben, sondern sein Pferd gewendet und sei wieder den Weg zurückgetrabt. Er habe den Eindruck erweckt, als sei er der Diener oder Reisebegleiter eines Europäers, der noch weiter zurück sei.
„Grosser Gott!“ sagte Yvonne beklommen. „Was sind da für Leute auf meinen Fersen?“ Ihr war bang zumut, und sie nahm unruhig von den Missionarinnen Abschied, diesmal wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen. Sie schüttelten sich herzlich die Hände und wünschten sich gegenseitig alles Gute in dieser fremden Welt des Landes El-Dscherid. Ehe sich der Wagen wieder in Bewegung setzte, fragte Yvonne schnell, fast ohne zu wissen, was sie tat: „Erinneren Sie sich an den Jäger auf dem Schimmel gestern abend? Haben Sie den vielleicht hier gesehen?“
Jawohl, die beiden Misses hatten den Gentleman bemerkt, im Vorbeifahren an der Kneipe „Zum Seefahrer Sindbad“. Dort habe er vor der Türe gesessen und sich mit dem Mufti, dem einheimischen Koran- und Gesetzeskundigen der Oase, unterhalten.
Damit fuhren sie davon. Yvonne Roland winkte ihnen noch ein paarmal mit ihrem Tuch nach, bis der Reisekarren hinter einem Haufen von eingestürzten Lehmwänden, Römersäulen und üppig darüber wucherndem Schlingwerk und Unkraut verschwand. Dann drehte sie sich um und schritt eilig der Herberge zu. Sie hatte die Richtung vom Morgen her noch wohl im Kopf. Aber ehe sie den „Sindbad“ erreichte, kam ihr der, den sie suchte, entgegen. Sie musste herzlich lachen, als sie ihn sah. Es war so komisch: zu seiner verwetterten und verblichenen Jägerkleidung, den abgeschabten Gamaschen, der vergilbten Schirmmütze — zu diesem ganzen Rüstzeug eines Wüstenreiters, das so ganz zu seinem düsteren, dunkelbraun gebrannten, schönen Antlitz passte, trug er einen weissen Damensonnenschirm in der Hand — ihren Schirm — und schwenkte ihn ihr entgegen. „Eben wollte ich ihn Ihnen in die Zitadelle bringen!“ sagte er. „Die Bande hat ihn heute früh aus dem Karren gerissen. Zufällig sah ich ihn in der Ecke stehen! Nun, Ihren Bruder haben Sie also getroffen und wohnen jetzt neben ihm?“
„Woher wissen Sie das denn schon?“
„Für wie gross halten Sie denn El-Ariana, Mademoiselle Roland“, fragte er, mit ihr den Weg zurückgehend, „dass sich solche Neuigkeiten nicht wie ein Lauffeuer verbreiten sollten? Merken Sie sich nur ein für allemal, dass alle Europäer hier von den Eingeborenen auf Schritt und Tritt belauert werden und sich untereinander ebenso angelegentlich beobachten. Zum Beispiel von dem Fremden, der hinter Ihnen her in die Oase gereist ist, hab’ ich sofort gehört.“
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