Und Kinder: wie träumen Kinder? Das Ergebnis war faszinierend: Martina Ranner hat Kindergartenkinder betreut und so diese Studie durchführen können: Kinder lernen Träume erst ab dem 3. Lebensjahr als Träume zu identifizieren und von anderen Geschichten oder Fernsehprogrammen zu unterscheiden. Mit dem 6. Lebensjahr ist dieser »Realitätssinn« vollkommen ausgebildet, und wir wissen, wann wir träumen und wann wir wach sind.
Können Tiere träumen? Diese Frage ist mir während meines Forschungsaufenthalts am Konrad-Lorenz-Institut in Altenberg gestellt worden. Diese Frage ist letztlich nicht zu beantworten, also habe ich namhafte Verhaltensforscher befragt, ob sie etwas über mögliche Träume ihrer Schützlinge beobachten haben können. Alle haben geantwortet und alle waren einhellig der Meinung, dass ihre Lieblinge mit Sicherheit träumen. Man würde sie ja dabei beobachten. Man sehe doch, dass sie ihre Augen bewegen und mit ihren Beinen und Füßen versuchten, zum Beispiel davonzulaufen! Dazu muss ich sagen, dass es Verhaltensforscher waren, die sich ausschließlich mit Säugetieren, also Primaten, Gorillas, Schimpansen, Bonobos, aber auch mit Hunden, Katzen, Delfinen und Walen beschäftigten. Jane Goodall hat sogar geantwortet, dass die Frage falsch gestellt sei – man solle fragen, warum Tiere nicht träumen sollten!
Im Zentrum des Interesses unseres Instituts steht das luzide Träumen, dem in diesem Buch ein ganzes Kapitel gewidmet ist. Luzides Träumen oder Klarträumen meint Träume, in denen man weiß, dass man träumt, und weiß, dass man, wie im Wachen auch, über Handlungsfreiheit verfügt, dass man die Wahl hat, entscheiden kann, was als Nächstes geschieht. In den letzten Jahren hat sich unser Untersuchungsschwerpunkt darauf gerichtet, was man mit dem luziden Träumen anfangen kann. Zur Zeit beschäftigen wir uns mit Albtraumbewältigung durch luzides Träumen. Ich kann schon verraten: es funktioniert wunderbar!
Basierend auf unseren eigenen Forschungen und denen anderer möchte ich Ihnen in diesem Buch die verschiedenen Zugänge zu Traum, Traumforschung und Traumdeutung vermitteln, nahe bringen, wie ich Traum und Träumen verstehe. Ich möchte Sie anregen, sich mit dieser wunderbaren Welt des Träumens zu befassen und sich von ihren nächtlichen Abenteuern inspirieren zu lassen.
Übung: Träume erinnern und erspüren
Teil 1: Einige Grundregeln
1) Respekt der Traumwelt und damit uns selber gegenüber ist die Grundvoraussetzung, damit sich uns unsere Träume erschließen lassen. Ich meine die uneingeschränkte Wertschätzung diesen luftigen nächtlichen Kreationen gegenüber – bei gleichzeitiger humorvoller Leichtigkeit den daraus resultierenden Assoziationen gegenüber, die nicht unbedingt immer die Wahrheit wiedergeben.
2) Disziplin – Die Traumerinnerung und damit den Zugang zur eigenen Traumwelt schärft man nämlich am besten, indem man sich akribisch genau Träume notiert, am besten gleich nach dem Aufwachen. Wie man sich leicht vorstellen kann, erfordert das Motivation und die Überwindung des »inneren Schweinehundes«. Denn schlaftrunken, wie wir sind, und gerade noch umarmt von der eigenen REM-Schlafperiode, die ja, wie wir in Kap. 5 erfahren werden, mit völliger Entspannung der Muskulatur einhergeht und uns noch wie gelähmt daliegen lässt, braucht es tatsächlich Überwindung, zum Traumnächtebuch zu greifen und den Traum, den man gerade noch einmal erinnert hat, zu notieren, zumal immer das Gefühl zurückbleibt, dass man nicht alles erfassen konnte.
Hier möchte ich innehalten und einige Hinweise darauf geben, wie man das Führen eines Traumnächtebuchs möglichst friktionsfrei bzw. frustrationsfrei pflegen kann:
Dieses Traumtage- oder -nächtebüchlein ist wichtig: Es sollte eines sein, das einem gefällt und den Zugang zur eigenen Traumwelt im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert – eines, das diese mystische, vielversprechende und bunte Welt der Träume symbolisiert. Denn, wie gesagt, je mehr Wertschätzung und Liebe man der Traumwelt entgegenbringt, desto besser die Früchte. Ich glaube fest daran, dass eine innere Entwicklung beginnt, wenn man die Träume wertschätzend aufzuschreiben beginnt, selbst wenn man an dieser Stelle mit der Zuwendung den eigenen Träumen gegenüber endet. Rudolf Steiner – der Begründer der Antroposophie, ein sogenannter »Eingeweihter « (kundig über das Wissen der Theosophie) – hat das übrigens auch so beschrieben.
Wie erinnert man sich am besten?
Es gibt Menschen, die glauben, dass sie nicht träumen. Die Wissenschaft hat gefunden, dass wir jedenfalls während der REM-Perioden traumhaftes Geschehen registrieren. Wenn man Personen im Schlaflabor im REM-Schlaf weckt und danach fragt, was ihnen gerade durch den Kopf gegangen ist – denn nach den Träumen direkt fragt man nicht, um »falsche« Suggestionen zu vermeiden –, trifft man bei etwa 90 % der Weckungen auf traumhaften Boden – so häufig werden Träume berichtet. Diese Träume können spektakulär oder interessant sein oder völlig beiläufig und nichtssagend, aber es handelt sich um diese bunten Bilderfolgen, die wir Träume nennen. Hier ist übrigens zu bemerken, dass wir uns dabei und übrigens bei der Erforschung der Träume insgesamt ganz auf die TräumerInnen verlassen müssen, dass nämlich die Geschichten, die sie uns erzählen, tatsächlich geträumt und nicht frei erfunden sind. Das ist eine Voraussetzung, mit der die Traumforschung (jedenfalls bis heute) leben muss!
Die einzige mir bekannte und ich meine auch die einzig existierende Studie, die Menschen gefunden hat, die sich auch nach REM-Weckungen nicht an Träume erinnern haben können, ist von Peretz Lavie, einem interessanten und bedeutenden Schlafforscher aus Israel, der heute die psychiatrische Klinik in Haifa leitet. Er hat nämlich das Schlaf- und Traumverhalten traumatisierter Holocaust-Überlebender untersucht und gefunden, dass die, die erfolgreich ein neues Leben in Israel aufnehmen konnten – jene, die Familien gründen konnten und sich insgesamt als erfolgreich gesehen haben –, nichts erinnern, selbst wenn man sie direkt aus einer REM-Periode weckt (Lavie 1996). Sie erinnern sich im Übrigen auch nicht, oder wenn, dann nur sehr ungern und unwillig an die traumatischen Erlebnisse, die ihnen während des Zweiten Weltkriegs widerfahren sind.
Jedenfalls können wir davon ausgehen, dass wir, wenn wir biografisch nicht ganz besonderen Situationen ausgesetzt waren, jede Nacht mindestens vier- bis fünfmal träumen, je nachdem, wie lange wir schlafen, denn ein Schlafzyklus dauert etwa 90 Minuten (siehe Details in Kap. 5). Ob man nicht auch traumähnliche Vorgänge oder gar Träume die ganze Nacht hindurch erlebt, ist im Detail auch in Kap. 5 beschrieben (REM/Non-REM-Debatte).
Diese Tatsachen geben uns allerdings die Sicherheit, dass wir uns auch mehrmals pro Nacht an einen Traum erinnern könnten, wenn wir uns erinnern könnten. Aber wie?
Also:
3) REM-Schlaf: wird, neben anderen Kriterien, dadurch definiert, dass die Muskelspannung erloschen ist. Das zu wissen ist ein ganz wichtiger Punkt, wenn es um die Technik der Traumerinnerung geht! Wesentlich ist also nicht nur, dass man versucht, sich an den Traum Stück für Stück, Bild für Bild möglichst sinnlich im Detail zu erinnern, sondern dass wir uns beim Auf wachen möglichst nicht bewegen – möglichst nicht irgend welchen Drängen zuerst nachgeben und uns etwa dabei oder danach an den Traum zu erinnern versuchen, sondern dass wir wiederum die Disziplin aufbringen, sofort nach dem, oder besser gesagt, beim Erwachen reglos zu bleiben. Denn so erhält man jedenfalls eine der Bedingungen, unter denen geträumt worden ist: die Reglosigkeit des REM-Schlafs, und man kann so um vieles müheloser den gesamten Traum rekapitulieren, bis ins kleinste Detail sinnlich vor dem inneren Auge erfassen. Wunderschön sind diese Erinnerungssituationen, in denen ein kleines Detail, dem man nachgeht, mit innehaltender Neugier, aber ganz ohne Wollen und Zwang, den Inhalt »kommen« lassend, sich eröffnet wie eine Blüte, die sich im Zeitraffer als Blume offenbart. Wir lassen uns überraschen von den Details, die sich so bis ins Letzte oder beinahe bis ins Letzte erschließen lassen.
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