Aber um Sex ging es der Klientin hier nicht.
Ich hake nach: »Träume sind Gefühle in Bildern, in bewegten Bildern.
« Sie antwortet: »Ja, das ist ein Traumthema, das mich schon mein ganzes Leben begleitet: Immer wieder habe ich Situationen geträumt, in denen ich nackt war und die anderen bekleidet waren – immer habe ich darauf gewartet, dass mir jemand etwas zum Anziehen reicht. In einem dieser Träume liege ich nackt auf meinem Bett, alle anderen sind angezogen und niemand beachtet mich, aber ich fühle mich anders, ausgeschlossen und eben nackt.«
Wiederum lautet meine Frage, woran sie das erinnere. Sie beginnt von ihren Schwestern zu erzählen, sie hätte immer den Eindruck gehabt, dass sie von der Mutter bevorzugt würden und sie sich immer geschämt habe, weil sie das Gefühl hatte, anders zu sein.
Um sicher zu sein, auf der richtigen Spur zu sein, frage ich noch mal nach, ob sie das Gefühl hätte, dass auch ihre Grenzen verletzt worden seien oder ob es eine sexuelle Erregung gegeben hätte – worüber sie einige Augenblicke nachdenkt und sagt: Nein, es ginge darum, völlig allein gelassen worden zu sein und dass sie sich schäme. Die Mutter hätte zu ihr auch immer gesagt, sie solle sich schämen, sie wäre wie ihr Vater und überhaupt – sie würde nicht benachteiligt werden – sie solle sich schämen, wie sie auf solche Gedanken komme!
Ich biete noch einmal eine direkte Übersetzung der Traumsprache an: Der Traum könnte darstellen, dass sie sich eine Blöße gibt, dass sie bloßgestellt ist. Es könnte sein, dass sie dieses Bild für Scham und Peinlichkeit schon so früh gelernt hat, und so könnte dieses Bild abgewandelt in Situationen wiederkommen, in denen sie sich schämt – für Gefühle schämt, von denen ein anderer sagt, dass sie sie nicht haben dürfe.
Andersherum funktioniert diese Art der Übersetzung nicht, denn ein anderer könnte das Bild von Scham, Versagen oder Demütigung zum Beispiel im Traum als Matura- oder Abiturbild erleben: Man kommt zu spät oder hat nichts geschrieben und die Zeit ist schon abgelaufen. Die individuellen Erfahrungen formen unsere Traumsprache, deshalb kann jeder nur seine eigene Traumsprache verstehen lernen – ausgehend von dem dahinter liegenden Gefühl, das im Traum umspielt wird. Das bedeutet, dass dieser häufig erzählte Matura- oder Abiturtraum für einen anderen nicht Scham, sondern z. B. Angst »verkörpert«. Deshalb hängt die Bedeutung des Traumes vom Träumer ab.
Man könnte dann natürlich noch weiter fantasieren, dass es in unserem Traum auch darum geht, wer die bessere Frau (auf dem Pferd im Wettbewerb) ist – aber dieses Thema beschäftigte uns in einer anderen Therapiestunde. Wenn man sich schämt, muss man sich in sich zurückziehen, und mit der Konsequenz, die sie aus dem Traum gezogen hat, hat sie sich selber ein Stück weit angenommen und den Makel in eine Stärke verwandelt – der Stärke nämlich, mit Offenheit auf die Kollegin zuzugehen, die sie ja eigentlich auch sehr mag. Denn was sie bisher getan hat, sich zurückzuziehen und durch die Angst sich eine Blöße geben zu können, verursacht, dass sie sich eine Blöße gibt und deshalb in Abwehr und Kampf – Wettkampf – wer ist die Bessere? gehen musste.
Übrigens ist bei Menschen mit Schlafstörungen sehr häufig eine Angespanntheit zu finden. Eine Angespanntheit, die die unterschiedlichsten Ursachen haben kann: Angst, Ärger, Wut, Probleme, Bedrohung, Stress … In unserem Beispiel zeigt sich im Traumbild sehr schön die hinter den Schlafproblemen liegende Angst, die Angst, sich eine Blöße zu geben, weil sie anders und dadurch weniger liebenswert sein könnte.
Als kleines Abschlussritual fordere ich die Klientin auf, sich in die Mitte des Raumes zu stellen. Ich reiche ihr Decken – sie freut sich sehr und bedeckt sich mit diesen Decken und sagt, da rieselt’s mir ja richtig den Rücken runter – so bedeckt zu sein fühlt sich wunderbar warm an!
Im Traum nackt zu sein ist ein Traumbild, das häufig erzählt wird. Meiner Ansicht nach sind Träume, wie gesagt, Gefühle in bewegten Bildern. Es wäre aber ein Fehler, aus diesem kleinen Traumarbeitsbeispiel zu folgern, dass es immer um Scham und Peinlichkeit, um ein Bloß-gestellt-Sein geht, wenn Nacktheit vorkommt. Es könnte sein, es könnte aber auch sein, dass es bei Ihnen um andere Themen geht, wie z. B. Sexualität, Grenzen, oder um etwas ganz anderes. Fragen Sie in erster Linie nach dem Traumgefühl. Ist das Gefühl einmal identifiziert, bildet dies die Basis dafür, dass Sie Ihren Traumplot verstehen, zerkauen, verdauen und schließlich annehmen. Aber nicht nur in der Therapie geht es darum, sich immer besser kennen und annehmen zu lernen. Ich denke, wollen wir nicht stagnieren, gilt es sich zu entwickeln, die eigene Identität zu erweitern, und Träume können dabei enorm helfen, egal worum es geht: Kreativität, Spiritualität, Psychotherapie, Persönlichkeitsentwicklung, Sport … – das hängt davon ab, was Ihnen im Augenblick gerade wichtig ist, oder wie der Wiener sagt, was gerade ang’sagt ist.
Ein Traum zeigt ein Bild, einen Gedanken von Ihnen, einen Aspekt von Ihnen. Deshalb ist es auch nicht ganz unproblematisch, nach Traumbildern oder Traummustern zu suchen, die bestimmte Störungsbilder »verkörpern«. Dennoch: viele Gedanken formieren schließlich eine ganz spezifische Problematik.
Zur Illustration ein Traum einer anderen jungen Frau, die wegen eines ganz spezifischen Problems in Psychotherapie gekommen ist – raten Sie, was ihr Problem ist:
»Ich träumte, dass ich ein Klo betreten wollte. Ich war also im Begriff, es zu betreten, die Türklinke schon in der Hand. Ich war dabei, den Ort der absoluten Stille zu betreten, als ich auf der anderen Seite der Tür, also praktisch der Gegenübertürklinke (die von innen), die Hand einer Frau spürte. Ich sah diese Frau: sie war alt, circa 70 oder einfach nur verbraucht, verwahrlost, eine Sandlerin, wie man so schön sagt, eingehüllt in einen schäbigen Wintermantel, ein Plastiksackerl in der anderen Hand. Die Zähne haben ihr gefehlt. Sie lachte schäbig, mir mitten ins Gesicht, hexenhaft, das Gesicht kam immer näher an mich heran. Es sprang mich an, es war so echt und fürchterlich, sodass ich aus der ›nächtlichen Ruhe‹ aufschreckte …«
Einerseits haben Sie vermutlich das Gefühl, zu verstehen, was in dieser jungen Frau vorgeht, andererseits ist das vermutlich nicht so leicht in Worte zu fassen. So ist das mit den Träumen. Man vermittelt sich, wenn man sie erzählt, sehr pur. Die Beschreibung wäre aber hoch komplex und ziemlich umfassend. Bilder sagen eben mehr als 1000 Worte!
Selbstverständlich ist die Biografie dieser jungen Frau sehr komplex und vielschichtig. Ihr Hauptproblem in der Zeit, aus der der oben beschriebene Traum stammt, ist, dass sie Alkohol trinkt, um sich zu beruhigen, und ihr Trinken nicht kontrollieren kann. Die alte Hexe ist vermutlich Spiegel dessen, wovor sie Angst hat, nämlich eine alte einsame Pennerin zu werden, wenn sie ihr Trinken nicht zu bewältigen lernt.
Auf der Suche nach Bedeutung und Funktion des Träumens sind an unserem Institut – Institut für Bewusstseins- und Traumforschung in Wien, das ich gemeinsam mit Gerhard Klösch leite – Studien durchgeführt worden, die unsere Fragen erhellen sollen. U. a. hat Elisabeth Deltl zeigen können, dass AlkoholikerInnen nach dem körperlichen Entzug, in der Zeit des psychischen Entzugs vermehrt vom Trinken träumen. Ein Versuch, die neue Lebenssituation zu verkraften, und eine mögliche Sichtweise des Traumes der jungen Klientin?
Claudia Poje hat sich für die Träume Blinder interessiert. Interessant ist, dass blind Geborene mit den von ihnen wahrgenommenen Sinnen träumen. Sie sehen nicht im Traum wie wir anderen, sondern hören, spüren den Raum, die Schwerkraft, so wie ihre Sinne eben auch im Kontakt mit der Welt da draußen ausgebildet wurden.
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