Wenn man sich also der Traumwelt zuwendet und das Interesse groß genug ist, muss man sich von etwas verabschieden, das ursprünglich neugierig gemacht hat: nämlich, dass man den wahren Sinn des Traumes erkennen kann. Träume sind kreative, nächtliche Fantasien, auf einem anderen Boden als dem des Wachens gewachsen, nämlich dem des Schlafs, meistens dem des REM-Schlafs. Träume können zu bedeutenden Inhalten, Lebensereignissen, Verhaltensweisen, Zusammenhängen und zum Verstehen führen. Aber von vornherein den Anspruch zu haben, das Rätsel lösen zu können, führt mehr zu einem Wer-hat-Recht und damit einem Schulenstreit als zu innerer Weite oder innerem Wachstum.
Träume machen neugierig. Wir wollen das Rätsel lösen, wollen eine Botschaft erkennen, Führung erhalten, uns entwickeln und vielleicht sogar dem Göttlichen und der Erlösung näher kommen. Doch bei all unserem Wollen dürfen wir nicht vergessen, dass Träume Geburten unserer Köpfe, unseres Geistes, unserer Seele und unseres Körpers sind, auch wenn wir vielleicht daran glauben, dass das sogenannte höhere Selbst durch unsere Träume zu uns spricht, so sind Träume dennoch von uns geträumt.
Welchen Aspekt allerdings ein Traum berührt, kann nur vom Träumer selbst wirklich erfahren werden. Natürlich wollen wir wissen, was es bedeutet, vom Fliegen und Fallen, von Schlangen und Spinnen, von Wasser und Feuer oder anderen beliebten Traumthemen zu träumen. Selbstverständlich wollen wir wissen, warum wir ein und denselben Traum immer wieder träumen oder warum wir ein Traumthema wie in Fortsetzung immer wieder träumen. Diese Träume berühren etwas in uns, sie wollen etwas sagen, sie wollen Aufmerksamkeit! Unsere Träume sagen auch etwas, aber sicherlich nicht das, was man in einem Traumdeutungsbüchlein findet.
Ein Traumthema, das wahrscheinlich jede von uns kennt, ist mir kürzlich wieder in meiner Praxis begegnet: sich in der Öffentlichkeit im Evaskostüm wiederzufinden. Frau F., eine junge Frau, die mich wegen ihrer Schlafstörungen aufgesucht hat, erzählt mir im Lauf ihrer Therapie folgenden Traum:
»In meinem letzten Traum ging es um ein Pferderennen. Das Rennen war in einem eher dunklen, niedrigen, engen, kleinen Zimmer, und es schien mir, dass der Parcours ansteigend über Stufen eine Runde bildete. Die Stufen habe ich noch in guter Erinnerung. Ich absolvierte also meine erste Runde und war nicht unter den Besten, aber auch nicht so schlecht. Dann versuchte ich es mit einem anderen Pferd noch mal. Nach und nach bemerkte ich, dass ich nackt war. In der nächsten Runde war ich noch mehr zurückgefallen. Wieder wechselte ich auf ein anderes Pferd, weil ich auch einmal gewinnen wollte und andere schon mit diesem Pferd gewonnen hatten. Die Nacktheit wurde für mich immer deutlicher, und ich hatte große Schamgefühle, und es war mir sehr unangenehm, aber niemand reichte mir etwas zum Anziehen. Ich konnte es nicht glauben, dass ich wieder nicht gewonnen hatte – ganz im Gegenteil, ich fiel immer weiter zurück, und je öfter ich es versuchte und gewinnen wollte, umso mehr war das Pferd behindert und es schien durch irgendetwas blockiert zu sein. Selbst im Traum konnte ich es nicht fassen, dass ich nicht gewinne, und versuchte es immer weiter. Je aggressiver ich es versuchte, umso blockierter schien das Pferd zu sein und je mehr wurde mir die Nacktheit bewusst und umso unangenehmer und fast unerträglich war es für mich, das Rennen zu bestreiten, aber ich wollte unbedingt gewinnen, und so versuchte ich es weiter und weiter. Irgendetwas schien das Pferd – also mich – zu behindern. Die anderen Teilnehmer schienen aber von meiner Nacktheit keine Notiz zu nehmen – sie nicht einmal zu bemerken. Ich spürte irgendwie, dass dieses schreckliche Gefühl der Nacktheit – es war äußerst unangenehm, ich fühlte mich schrecklich unwohl, nicht vollständig, nicht normal – aber nur von mir ausging und es mit jedem verlorenen Rennen immer größer wurde.«
Sie erzählt weiter:
»Irgendwann bin ich aufgewacht, und zum ersten Mal in meinem Leben habe ich verstanden, was der Traum mir sagen will. Ich bin es selber, die mir im Wege steht und die sich blockiert und behindert. Ich wechselte ständig auf das beste Pferd, aber in dem Augenblick, in dem ich damit ins Rennen gehe, wird es zu einem lahmen Gaul. Also liegt es nur an mir, und ich habe aber die Möglichkeiten dazu in der Hand, eine Situation zu ändern, wenn sie mir nicht gefällt. So habe ich versucht, die Sache, die mir am meisten am Herzen lag, zu lösen bzw. zu ändern.«
(Dazu ist zu sagen, dass diese junge Frau ein Kurzstudium absolviert. In diesem Studienlehrgang hat sie sich mit einer Kollegin angefreundet, die sie einerseits sehr mag, mit der sie andererseits aber auch konkurriert.)
»Ich habe meiner Studienkollegin eine E-Mail mit jenen Punkten geschrieben, die mich in der letzten Zeit an ihr gestört haben und wo ich mich ungerecht behandelt fühlte und ich mich deshalb immer mehr vor ihr zurückgezogen habe – was die Situation nicht verbessert hat, sondern mir das Zusammentreffen mit ihr immer unerträglicher machte. Da ich aber sehr froh bin sie in der Gruppe zu haben, und sicherlich noch einige Semester mit ihr verbringen werde, war mir sehr an einer Bereinigung bzw. Lösung der Unstimmigkeiten gelegen. Sie hatte ja keine Ahnung, worum es mir geht. Die Antwort dieser Kollegin hat mich immens gefreut, sie hat sich nämlich entschuldigt, wusste, dass sie sich immer wieder mal wie der Elefant im Porzellanladen benimmt.«
Auf die Frage, woran sie dieser Traum erinnere, sagt sie, dass sie immer wieder in Situationen komme, wo sie sich als Schlusslicht fühle. So auch in dem Lehrgang, den sie vor einigen Monaten zusätzlich zu ihrer Arbeit begonnen hätte. Da gibt es eben diese Kollegin, die sie eigentlich sehr mag, von der sie sich aber immer wieder »abgehängt« fühlt. Durch den Traum wäre sie motiviert worden, diese Kollegin zu kontaktieren, um ihr das zu sagen. So etwas hätte sie bisher nie gemacht. Sie hätte sich bisher immer zurückgezogen und den Kontakt vermieden.
Man könnte hier an dieser Stelle noch viel mehr über Frau F. erzählen, z.B., dass sie zwei Schwestern hat, sie als älteste immer den jüngeren gegenüber zurückstecken musste und dass sie dem Vater ähnlich sei und nicht der Mutter… Wenn man mit Träumen zu arbeiten beginnt, kann das sehr weit führen.
Zunächst möchte ich aber bei den Traumbildern bleiben:
Die Klientin fragt mich, warum bin ich immer wieder nackt in meinen Träumen? Die Nacktheit kommt in ihren Träumen seit ihrem Teenageralter vor. Meistens sind sehr viele Menschen in einem Raum – damals im Kinderzimmer –, sie ist als Einzige nackt mitten unter all den Menschen. Wieder scheint dies den anderen nicht aufzufallen, aber ihr ist es im Traum sehr unangenehm. Sie schämt sich. Die Nacktheit wird ihr im Traum nach und nach bewusst, und je mehr sie ihr bewusst wird, umso stärker wird das Schamgefühl. Es wird so unangenehm, dass es fast an Panik grenzt. Sie kann sich nirgends verstecken und keiner reicht ihr etwas zum Anziehen – bis sie schließlich aufwacht.
Selbstverständlich gäbe es jetzt viele Wege, um an den Traum heranzukommen. In diesem Fall aber schlage ich vor, den Traum mal wörtlich zu nehmen: »Sich-eine-Blöße-Geben«. Ich frage, ob das eine Thematik in ihrem Leben sei, die ihr immer wieder mal Sorgen macht. Nach einer längeren Nachdenkphase erzählt F. weiter, dass sie sich jetzt viel mehr Träume merke und dass sie auch begonnen hätte, sich ihre Träume aufzuschreiben. Dass sie das aber gleich nach dem Erwachen tun müsse, denn sonst wäre das Gefühl für den Traum weg. Und in diesem Fall ist das Gefühl Scham.
Würde man das Klischee – Frau auf dem Pferd – als Traumsymbol verstehen, wie es in vielen Traumdeutebüchern steht, wäre dieses Bild als Sextraum zu interpretieren.
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