Von Rücksicht auf mich darfst Du nicht sprechen. Du kennst Deine Schwestern, die mich, während Du fort bist, mehr noch als sonst mit Liebe umgeben und dafür sorgen, dass ich, fast möchte ich sagen, nicht eine Stunde lang allein bin. Im Gegenteil: jeden Morgen, wenn ich erwache — und Du weisst ja, dass meine ersten Gedanken, auch wenn Du hier bist, stets Dir gelten, mein lieber, bester, einziger Junge! — bin ich glücklich in dem Gefühl, Dich dort zu wissen, wo Du bei so lieben Verwandten ganz nur Deiner Gesundheit lebst. Aus allen diesen Gründen bitt ich Dich: bleibe!
Ich begreife bei Deiner Passion für allen Sport vollkommen, dass Du Dich dort glücklich fühlst. Dass Du ausser allem andern noch die seltene Gelegenheit hast, bei anerkannt guten Spielern Golf zu erlernen, was längst Dein Wunsch war, kann nur ein Grund mehr sein, Dich zum Bleiben zu bestimmen.
Ich habe bereits die Anlegung eines Golfplatzes auf unserer Wannseeer Besitzung angeordnet, und Du kannst Deine Vettern und mit wem Du sonst dort noch Freundschaft schliesst, auffordern, einen Teil des Sommers bei uns zu verbringen.
Du siehst, dass es mir Freude macht, Dir Dein Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Ich erwarte dagegen von dir nichts weiter, als dass Du Deine Pflicht tust. Ich weiss, dass ich darin im Sinne Deines in Gott ruhenden Vaters handle. Seine ganze Hoffnung warst Du; und immer wieder muss ich Dir seine letzten Worte in Erinnerung rufen: „Unseren Jungen musst Du nun glücklich machen. Vor allem sei nicht ehrgeizig mit ihm! Er braucht nicht der Erste zu sein und sich nicht hervorzutun. Sorge, dass er gesund und ordentlich ist und sein Leben geniesst.“
Sage, ob ich nicht immer danach gehandelt habe? Und nicht wahr, wir haben uns mehr als einmal in die Hand gelobt: in seinem Sinne weiterzuleben.
Ich weiss daher auch, dass es nur dieses Anstosses bedarf, um Dich zu bestimmen, Deine Beziehungen zu der kleinen Sekretärin, die mir natürlich nicht entgangen sind, abzubrechen. Denn als ordentlicher Mensch ist es vor allem Deine Pflicht, keines anderen Menschen Unglück zu verschulden. Du wirst aber zugeben, dass dies Mädchen noch länger an Dich fesseln, als dies leider schon der Fall ist, die an sich grosse Gefahr, sie unglücklich zu machen, vergrössern heisst.
Meine Versuche, Dir das immerhin Peinliche einer Trennung zu ersparen, sind an der Verliebtheit des Mädchens und der völligen Ahnungslosigkeit ihrer Mutter gescheitert. Diese Leute tun gerade so, als ob überhaupt keine sozialen Unterschiede existieren, und möchten Dich am liebsten zeit Deines Lebens mit Beschlag belegen. Aber gerade diese Harmlosigkeit erschwert den an sich so einfachen Vorgang. Ich habe die Leute nun glücklich so weit, dass sie als Schmerzensgeld zehntausend Mark von mir genommen haben. Es scheint aber, als ob Du dem Mädchen mehr als nötig den Kopf verdreht hast. Ich finde das nicht recht, mein Junge, denn man soll in keinem Menschen Hoffnungen erwecken, von denen man weiss, dass man sie nicht erfüllen kann. Immerhin bin ich bereit, wenn es Dich beruhigt, ein übriges zu tun, und ihr, respektive der Mutter noch ein paar tausend Mark zu senden.
Von Dir erwarte ich nunmehr ein paar für das Mädchen bestimmte Zeilen, in denen Du Deiner jetzigen Position wegen von ihr Abschied nimmst — nicht zu elegisch bitte, sie verträgt das nicht — und ihr alles Gute für die Zukunft wünschst.
Damit ist dann diese Episode, um die ich mich nur ungern gekümmert habe, hoffentlich erledigt, und Du wirst von nun an in diesen Dingen etwas vorsichtiger sein. Denn Du bist jetzt in einem Alter, das Frauen, für die Du Interesse zeigst, an eine Ehe zu glauben berechtigt. Darauf musst Du nun auch in der Wahl Deines Verkehrs Rücksicht nehmen und nur mit Leuten Umgang pflegen, von denen Du weisst, dass auch ich sie in meinem Hause empfangen würde.
Dir steht jedes Haus offen. Du kannst dank dem Namen und dem Vermögen, die Dir Dein Vater hinterlassen hat, und dank Deiner Persönlichkeit die höchsten Anforderungen stellen. Und es wird das Glück meines Alters sein, Dich an der Seite einer Dir würdigen Frau zu wissen, die auch ich lieben kann.
In treuer Liebe
Deine Mutter.
Dr. Peter Reinhart
an seine Mutter.
Liebe Mama!
Auf Deine soeben empfangenen Zeilen schnell ein Wort der Erwiderung. Ich bitte Dich, mir zu glauben, dass mir Vaters letzte Worte soviel gelten wie Dir. Aber ich kann sie nur mit meinem Herzen und meinem Verstande fassen und nicht durch das Herz und den Verstand eines Dritten: selbst dann nicht, wenn dieser Dritte meine Mutter ist.
Dein Wunsch, mich von diesem Mädchen zu trennen, aber hiesse: Vaters letzten Willen ins Gegenteil kehren. Denn ich würde damit, um mich Deiner Worte zu bedienen, bewusst das Unglück eines Menschen verschulden; nach Vaters, Deiner und meiner Ansicht also aufhören, ein anständiger Mensch zu sein. Dass das Dein Wille nicht ist, weiss ich.
Du begreifst, dass mir heute die Stimmung und Ruhe fehlten, um auf den sonstigen Inhalt Deiner Zeilen einzugehen. Daher nur herzliche Grüsse!
In Liebe
Dein Peter.
Frau Geheimrat Reinhart
an ihre Schwägerin in Edinburgh.
Meine liebe Therese!
Jeder Brief meines Sohnes zeigt mir aufs neue, wie dankbar ich Euch für die Art sein muss, in der Ihr meinen Jungen auch diesmal wieder bei Euch aufgenommen habt.
Mehr als einmal habe ich mir in den letzten Jahren gesagt, dass Ihr wohl recht hattet, als Ihr mir beim Tode meines Mannes rietet, Euch den Jungen auf ein paar Jahre zu überlassen, der gerade in seinem damaligen Alter, mehr noch als die Liebe der Mutter, die Freundschaft eines Vaters brauchte.
Denn eine Freundschaft zwischen Mutter und Sohn ist in dem Augenblick gefährdet, wo der Junge aufhört, Kind zu sein. Und ist man erst mal in einer für die Weiterentwickelung wichtigen Frage als Freund und Berater ausgeschaltet, dann hat man bald auch jeden inneren Zusammenhang mit seinem Kinde verloren, das gerade im ersten Stadium der Reife, in der es alles unter dem oft ganz unbewussten Einfluss des Geschlechts betrachtet, so sehr der Leitung eines väterlichen Freundes bedarf.
Aber welche Mutter trennt sich wohl ohne Not von ihrem Kinde. Und wenn auch nur auf Jahre. Noch dazu zu einer Zeit, zu der sie, wie ich, eben ihr Bestes verloren hatte.
Heute bereu ich es und wünschte, ich hätte mehr an den Jungen, weniger an mich gedacht.
Bitte lies, was mir der Junge auf meine Bitte, sein Verhältnis zu einer kleinen Sekretärin zu lösen, antwortet. Muss einem da nicht der Verstand stille stehen? Das einfachste wäre natürlich, diesem unwürdigen Zustande kurzerhand ein Ende zu machen. Aber Du kennst die Empfindsamkeit Peters und weisst, wie sehr er zu Exzentrizitäten neigt. Damit muss ich in diesem Falle, der so deutlich zeigt, wie unreif er noch ist, ganz besonders rechnen. Zumal es letzten Endes ja auch hier nur wieder seine grosse Güte ist, die ihn Pflichten sehen lässt, wo keine sind. Darum will ich versuchen, der Sache ein Ende zu machen, ohne ihm weh zu tun. Dass es für mich natürlich nur noch eine Pflicht gibt, ihn so schnell wie möglich von diesem Mädchen zu trennen, brauche ich Dir, die Du selbst Mutter zweier blühender Söhne bist, nicht zu sagen.
Du kannst mir nun — und darum dieser lange Brief — dabei von Nutzen sein. Einmal dadurch, dass Du Peter so lange wie irgend möglich bei Euch hältst. Das wird nach seinen begeisterten Briefen zu urteilen nicht allzu schwer fallen. Dann aber, indem Du ihn vielleicht mit Hilfe Deiner Söhne für andere Frauen zu interessieren suchst. Sprecht ihm von seiner grossen Zukunft, von dem Namen, den ihm sein Vater hinterlassen hat, erfindet Fälle, wo junge Leute sich zu fest an ihre Verhältnisse attachierten, nicht mehr loskamen, sie zu ihren Frauen machten und unglücklich wurden. Ich meine, dass er dann von dieser Caprice lassen wird. Möglich aus freier Entschliessung und ohne Emotionen, die in dem Augenblick, in dem ich mich an den Vater des jungen Mädchens wende, wahrscheinlich unvermeidlich wären.
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