Julius Hart
Euch armen mädchen widme ich dies buch
Erster Teil
Frau Geheimrat Reinhart
an Aenne Hoffmann.
Wertes Fräulein!
Ich habe bisher stillschweigend die Beziehungen zwischen Ihnen und meinem Sohne geduldet. Indessen scheint es mir jetzt, wo mit bestandenem Referendarexamen die Studentenzeit hinter ihm liegt, — deren Freiheiten und Torheiten ich mehr wohl als sonst eine Mutter Rechnung getragen habe — an der Zeit, dass Sie sich trennen.
Aus eben diesem Grunde habe ich meinen Sohn gebeten, auf die in solchem Fall übliche Aussprache — die sogenannte letzte Begegnung — zu verzichten. Und zwar in Ihrem Namen.
Ich durfte das, da ich weiss, dass wir uns in dem Wunsche, ihm einen notwendigen Schritt nicht unnütz zu erschweren, begegnen.
Mit gleicher Post sende ich Ihnen einen Scheck über zehntausend Mark. — Wenn Sie früher oder später einmal vor eine für Ihr Leben wichtige Entscheidung gestellt sind: möglich, dass dieser Rückhalt Ihnen dann erlaubt, neben Ihrer Vernunft auch Ihr Herz zu befragen. Und gern will ich wünschen, dass Sie dann das Richtige treffen.
Mit bester Begrüssung
Frau Geheimrat Julie Reinhart.
Aenne Hoffmann
an Frau Geheimrat Reinhart.
Gnädige Frau!
Sie reissen mich aus allen Himmeln. Ich erhalte eben während meiner Tischzeit Ihre Zeilen, die alles in mir durcheinanderwerfen. Ich bin ganz ratlos, hilflos, verzweifelt. Ich weiss ja nichts, ich verstehe ja nichts; aber ich fühle, dass das nicht geht. Nicht heut und nicht morgen, und überhaupt nicht. Bei mir nicht und auch nicht bei ihm. Sie wissen ja nicht, wie lieb wir uns haben! Das kann ja nur so ein Gedanke von Ihnen sein. Denn unsere Liebe, die hat ja nichts mit der Studentenzeit und dem Examen zu tun und mit all dem, was Sie sonst noch schreiben. Die ist eben da! Gott weiss, wieso. Ich nicht. Und ich darf auch gar nicht daran denken, dass es jemals anders kommen könnte! Ich wüsste nicht, was sonst geschähe. Also bitte! Bitte! Nichts mehr von einer Trennung! Und den Scheck lege ich wieder bei. Ich denk mir, das war nur so eine Versuchung. Aber ich brauche kein Geld, solange ich gesund bin, solange ich arbeite und — das gehört natürlich dazu — solange der Peter mich lieb hat.
Hochachtungsvoll
Aenne Hoffmann.
Frau Geheimrat Reinhart
an Aenne Hoffmann.
Mein wertes Fräulein!
Wollte ich Ihnen die Gründe nennen, aus denen ich Ihrem: „es geht nicht!“ mit aller Bestimmtheit ein: „es muss gehen!“ entgegensetze, so hiesse das, Ihnen eine Schilderung von der Verschiedenheit der Welten geben, in der Sie und wir nun einmal leben.
Dass diese Verschiedenheit besteht, kann man bedauern, aber man kann es ebenso wenig leugnen wie ändern.
Die Welt geht ihren Gang — und wir müssen ihn mitgehen. Das mag manchmal nicht leicht sein. Aber sich widersetzen, heisst: zu Schaden kommen. Was Ihnen jetzt geschieht und was ich von Ihnen fordre, ist nichts Ungewöhnliches und nichts Unerhörtes, fast möchte ich sagen: es ist etwas Alltägliches.
Daran ändert nichts, dass es jeder, dem es just passiert, als ein grosses Unglück empfindet — und ein noch grösseres Unrecht.
Erfragen Sie unter Ihren Kolleginnen, soweit sie nicht gar zu jung oder gar zu hässlich sind, ob sie nicht alle einmal diesen ersten Schmerz ertragen mussten und — wie sie ihn ertragen haben. Denn so viel ersehe ich bereits aus Ihren wenigen Zeilen, dass Sie nicht weltfremd genug sind, um zu glauben, mein Sohn, dem bei seiner Begabung und seinem Namen, den ihm sein in Gott ruhender Vater hinterlassen hat, und den in Ehren zu halten seine erste Pflicht ist, die Welt offen steht, konnte jemals daran denken — ja, ich will nicht ein Gespenst an die Wand malen, dessen ganze Widersinnigkeit so augenfällig ist, dass sich bei dem blossen Gedanken meine Feder sträubt.
Also, mein liebes Fräulein, nehmen Sie Vernunft an, statt sich im Ueberschwange Ihrer Gefühle jeder verständigen Erwägung zu verschliessen. Was sich heute vielleicht in einem grossen Schmerze äussert, dann aber als liebe Erinnerung, die man nicht einmal missen möchte, fortlebt, würde in zwei Jahren wahrscheinlich Ihren Zusammenbruch bedeuten.
Mir liegt als Mutter vor allem daran, von meinem Sohne alles, was die Heiterkeit seines von Natur aus frohen Gemütes trüben könnte, so lange wie irgend möglich fern zu halten.
Sie haben es also in der Hand, ihm einen notwendigen Schritt zu erschweren oder zu erleichtern. Ich weiss, dass stumm entsagen, grosse Liebe voraussetzt. Aber da ich keinen Grund habe, an der Aufrichtigkeit Ihrer Gefühle zu zweifeln, so weiss ich auch, wie Sie sich nun entscheiden werden.
Ich versichere Sie meiner aufrichtigen und jederzeit bereitwilligen Gesinnung und bin mit freundlichen Grüssen Ihre ergebene
Julie Reinhart.
Aenne Hoffmann
an Frau Geheimrat Reinhart.
Gnädige Frau!
Ich sitze vor Ihrem Briefe und weiss mir nicht zu helfen. Ich möchte ja gewiss alles Gute tun, um ihm zu nützen. Aber was Sie wollen, das kann nicht gut sein. Ich will die Welt nicht ändern; und auch die Menschen nicht. Es soll nur alles so bleiben, wie es ist — und was weiter kommt, das wollen wir ruhig der Zukunft überlassen.
Ich habe die Sprache nicht in der Gewalt wie Sie, und mir fehlt ja auch die Erfahrung, aber das sagt mir doch mein Verstand: wenn Peter so dächte, wie Sie, dann wäre es gewiss nicht nötig, dass Sie mir viele gute Worte geben. — Aber Peter denkt anders! Das weiss ich! Peter denkt wie ich!
Also nochmals: ich kann nicht! Und bitte, quälen Sie mich nun nicht länger. Ich bin schon halbtot und kann meine Erregung vor meinen Eltern kaum noch verbergen.
Hochachtungsvoll
Aenne Hoffmann.
Frau Geheimrat Reinhart
an Aenne Hoffmann.
Wertes Fräulein!
Statt wie ein vernünftiger Mensch zu erwägen, zu prüfen und zu entscheiden, flattern Sie wie ein gescheuchter Schmetterling schreckhaft auf. Ich fürchte sehr, Sie werden sich, wenn Sie mir nun nicht bald folgen, die Flügel verbrennen!
Ich würde es sehr bedauern, wenn Sie mich durch weiteren Widerstand zwängen, die Vermittelung Ihrer gewiss ahnungslosen Eltern in Anspruch zu nehmen.
Dies ist mein letzter Versuch. Eine weitere Korrespondenz wäre zwecklos. Ich füge auch den Scheck wieder bei und begrüsse Sie bestens.
Frau Geheimrat Reinhart.
Telegramm Aenne Hoffmanns
an Peter Reinhart.
Dr. Peter Reinhart. 7 Montague Square. Edinburgh. Denke, Deine Mama schreibt mir, dass mich von Dir trennen soll. Bin völlig hilflos und verzweifelt; drahte, dass fühlst wie ich, dass Trennung unmöglich Ganz Deine Aenne.
Aenne Hoffmann
an Frau Geheimrat Reinhart.
Gnädige Frau!
Ich wusste mir in meiner grossen No nicht anders zu helfen und habe an Peter nach Schottland telegraphiert. Und Peter hat geantwortet: „Sei standhaft! Ich halte zu Dir!“
Sie sehen also, wie recht ich hatte! Ich wusste es ja! Es wäre auch furchtbar, wenn es anders wäre.
Darum dürfen Sie aber nicht etwa denken, dass Peter Sie nicht lieb hat. Ich weiss, wie er an Ihnen hängt. Und wenn er jetzt auch zu mir hält — lieb hat er Sie darum doch. Ich liebe ja meine Eltern auch und könnte doch ohne den Peter nicht leben.
Und nicht wahr, nun quälen Sie mich nicht mehr. Sie werden ja auch fühlen, dass es für Peter gut ist, wenn alles so bleibt, wie es ist.
Ich bin schon ganz krank von all den Aufregungen der letzten Tage. Wenn doch Peter erst wieder da wäre!
Hochachtungsvoll
Aenne Hoffmann.
In grosser Eile! Daher nur dies! Und dies so flüchtig! Es ist mittags, und ich muss ins Bureau!
Frau Geheimrat Reinhart
an Frau Hoffmann.
Werte Frau Hoffmann!
Es tut mir leid, Sie mit diesen Zeilen bekümmern zu müssen; aber meine Versuche, Ihnen den Kummer zu ersparen, sind an dem Eigensinn Ihrer Tochter gescheitert.
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