Ich weiss nicht, ob es Ihnen bekannt ist, dass Ihr Kind seit einer Reihe von Jahren zu meinem Sohne Beziehungen unterhält, deren Charakter mir natürlich unbekannt ist. Es liegt mir daher fern, etwa der Ehre Ihrer Tochter zu nahe zu treten.
Jedenfalls musste sie sich bei der Verschiedenheit ihres Bildungsgrades und ihrer sozialen Stellung von vornherein klar darüber sein, dass diese — nun, nennen wir es einmal Freundschaft, eines Tages ihr Ende finden würde. Wie derartige Beziehungen denn überhaupt wegen der Schwere der Trennung nicht über Jahre hinaus bestehen sollten.
Und da mein Sohn mit Bestehen der ersten staatlichen Prüfung — nicht mehr wie bisher entschuldigt durch seine Jugend — die volle Verantwortung für alle seine Handlungen trägt, so darf er auch nicht mehr in das Schicksal eines Menschen eingreifen, dessen Leben von Natur aus eine andere Richtung geht als das seine.
Aus diesem Grunde liegt es im Interesse unserer beiden Kinder, dass sie ihre Beziehungen, gleichviel welcher Art sie waren, abbrechen. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie in diesem Sinne auf Ihre Tochter einwirken; ihr jede weitere, auch schriftliche, Verbindung mit meinem Sohne verbieten und dafür sorgen, dass auch jeder Versuch meines Sohnes, sich ihr wieder zu nähern, an Ihrer strengen Aufsicht und dem festen Willen, einen Verkehr nicht mehr zu dulden, scheitert.
Die kleine Summe, die ich in einem Scheck beilege, ist dafür bestimmt, Ihrer Tochter, der wir alles Gute wünschen, das Fortkommen zu erleichtern.
Hochachtungsvoll
Frau Geheimrat Reinhart.
Frau Hoffmann
an Frau Geheimrat Reinhart.
Sehr gnädige Frau Geheimrat!
Es ist der reine glückliche Zufall, dass Ihr Brief kam, als mein Mann fort war. Denn so schlimm alles schon ist, vor dem Schlimmsten blieb mein Kind wenigstens bewahrt. Wir haben nur das eine, und sie hat uns nie Sorge gemacht, war immer ordentlich und fleissig und verdient jetzt 180 Mark im Monat. Dass sie den Peter liebt, wusste ich — aber um Himmelswillen, wenn mein Mann das erfährt, dass sein Kind — und dass ich darum weiss! — Aber sehen Sie, immer nur arbeiten — die halben Nächte hat sie gesessen, als sie auf der Handelsakademie war und hat nebenbei verdient, um uns nicht zur Last zu fallen. — Und wie dann das mit dem Herrn Peter anfing, das hat sie mir alles erzählt — wie sie sich kennen lernten bei dem Stenographenkursus und wie er sie dann bat, zusammen zu arbeiten. Na, und wie das dann eben so kommt! Sehen Sie, da haben sich die jungen Leute denn liebgewonnen — sie sagt’s ja selbst, und ich weiss es auch. Aber schelten kann ich sie darum nicht. Mein Gott, sie wollen ja nichts voneinander als das bisschen Liebe — soll ich ihr das auch noch nehmen? Darf ich das? Bei Ihnen reichen Leuten mag das wohl anders sein. Aber ich denk mir immer, da mein Kind ihn doch so liebt, wird er doch wohl auch etwas taugen und mein Kind nicht unglücklich machen. Sehen Sie! Das ist es! Nicht unglücklich machen soll er mein Kind! Sie werden es vielleicht nicht begreifen und schlecht von mir denken, aber sehen Sie, ich bin Ihrem Sohn sogar gut, weil er mein Kind glücklich macht. Und um das bisschen Glück dreht sich ja am Ende das Ganze.
Und darum lassen Sie die beiden nur ruhig beieinander. Das kommt nachher doch alles so, wie’s kommen soll. Und bessern tut man selten etwas, wenn man Schicksal spielt ... Ich bin alle Tage froh, wenn ich mein Kind glücklich seh! und hätt’ nicht den Mut, etwas daran zu ändern.
Das Geld will ich vorläufig gern verwahren. Und wenn es doch einmal anders kommt, als ich es mir so denke, dann will ich es Ihnen zurückgeben.
So! Und nun habe ich mir alles vom Herzen geschrieben. Nun will ich schnell wieder zu meinem Kinde, das über Ihren Brief so unglücklich ist, dass sie heute nachmittag im Bureau fehlen musste. Das erstemal in viereinhalb Jahren.
In Hochachtung
Frau Mathilde Hoffmann.
Aenne Hoffmann
an Dr. Peter Reinhart.
Mein Peter!
Mir ist, als wenn ich durch die Zeilen Deiner Mutter urplötzlich ein anderer Mensch geworden wäre. Ich habe ja nie daran gedacht, dass so etwas kommen könnte. Ich habe überhaupt nie über uns nachgedacht — und das war wohl ein Fehler! Aber Du liesst es ja nie dazu kommen, und hattest am Ende auch recht. Denn sollten wir uns die wenigen Stunden, die mir von der Arbeit, Dir von Deinen gesellschaftlichen Pflichten blieben, auch noch kürzen und uns gegenseitig das Herz schwer machen?
Die Zeit reichte ja kaum aus für das, was wir uns so zu sagen hatten! Aber wenn ich dann nachher allein war, dann fielen mir oft tausend Dinge ein, über die ich mit Dir sprechen wollte. Wie oft nahm ich’s mir vor! Und wie fest! Aber wenn wir dann zusammensassen, war alles weggeflogen. Und doch soll man gewiss gerade, wenn man im Glück ist, an die Zukunft denken. Ich spreche nicht von meiner — du lieber Gott, was liegt an der! — Ich meine Deine! Und so ist es denn gekommen, dass wir uns, ohne zu denken, in das Gefühl hineingewöhnt haben, unsere Gemeinsamkeit sei etwas für unser Leben ebenso Selbstverständliches wie Notwendiges. Und davon werden wir nun nie mehr loskommen.
Das ist alles, was ich über uns weiss. Und wenn ich jemandem Rechenschaft darüber geben sollte, wie es möglich war, dass es dahin kam — ich wüsste nicht, was ich ihm sagen sollte. Mir selbst gegenüber — wenn ich zurückdenke — weiss ich nicht einmal, wie ich’s erklären soll. Dabei war ich doch kein Kind mehr und wusste, was ich tat, als ich Dir schliesslich in allem folgte.
Aber ich denk mir, Peter, wo wir mit unserer Vernunft unseren Gefühlen nicht beikommen können und uns selbst nicht denken können, warum es so ist, wie sollen da Dritte dazu imstande sein? Fernstehende, die ja nicht einmal ahnen, wie es in uns aussieht.
Ja sag, Peter, kann man gegen das, was uns verbindet und was von unserem Willen doch sicherlich unabhängig ist, was einfach da ist und sicher von Anbeginn an in uns war, und was darum nicht zu sein aufhört, weil wir oder Dritte es wünschen — kann man dagegen überhaupt mit Vernunft ankämpfen??
Etwa: man wäre der Meinung, das Grün der Bäume passe nicht zu dem Blau des Himmels; und bewiese das so, dass jeder Vernünftige sich der Beweisführung beugte. Etwas an sich doch durchaus Denkbares! — Dennoch würden der Himmel blau und die Bäume grün bleiben. Denn die Gesetze, denen sie unterworfen sind, liegen weit ab aller menschlichen Vernunft.
Genau so denke ich mir, ist es mit dem, was uns miteinander verbindet. Und diese Gewissheit ist es, Peter, die mir jetzt nach den Erregungen der ersten Tage meine Ruhe gibt. Ich habe über uns nachgedacht — zu meiner Schande gesteh ich’s: zum ersten Male! — und bin zu dieser Erkenntnis gekommen, die mich ganz ruhig und glücklich macht.
In Liebe
Aenne.
Dr. Peter Reinhart
an Aenne Hoffmann.
Gute Aenne!
Meinem Telegramm lasse ich schnell noch ein paar Zeilen folgen, da es mich quält, Dich in Unruhe zu wissen.
Schon dass Mama, um uns zu trennen, eine Zeit wählt, zu der ich fort und beinahe unerreichbar bin, muss Dir sagen, dass ihr Vorgehen ohne mein Wissen erfolgt. Denn es entspräche nicht meiner Art, selbst nicht in den unbequemsten Lagen, mich in Dingen, die mich angehen, hinter Dritte zu verstecken. Also!!
Und noch ein Weiteres bedenke: Was uns zusammenhält, ist weder die Folge von Vernunft und Berechnung, die Ehen stiftet, noch die Folge von Bequemlichkeit und Gewohnheit, die Ehen erhält — es ist einfach ein Gefühl des Zusammengehörens, es ist einfach Liebe, und damit basta!
So! Und nun sei vergnügt und freue Dich Deines Lebens, wie ich es tue!
Kuss
Peter.
Frau Geheimrat Reinhart
an ihren Sohn.
Mein lieber Junge!
Ich habe gar nichts dagegen, wenn Du Deinen dortigen Aufenthalt noch weiter ausdehnst. Es kann nach der anstrengenden Examensarbeit gar nichts Besseres für Dich geben, als einmal ein paar Wochen geistig völlig auszuspannen, gehörig Sport zu treiben und möglichst viel in frischer Luft zu sein. Der Ansicht ist auch unser Sanitätsrat. Und da Du das alles nirgends so beieinander findest wie dort, so wäre es töricht, kehrtest Du auch nur einen Tag früher als nötig nach Berlin zurück.
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