Die Fruchtbarkeit, die Leichtigkeit und Sorglosigkeit, mit der sich Artur Landsberger die Romane aus dem Aermel schüttelt, die reinen elementaren Fabulierfreuden seiner Kunst, sind Zeugen, dass er von dieser goldenen Naivität, Kindlichkeit, von diesem Dilettantismus weiss und damit die Elemente einer Popularitätskunst geschicktest verwerten kann. Auch als Produzent ist er mehr Geniesser, als Arbeiter. Das fühlt man aus seiner Kunst sehr unmittelbar heraus, wie ihm das Erzählen und Unterhalten und Plaudern, das Erfinden Bedürfnis, Lebensbedürfnis, Lebensfunktion ist, das ihm selber eine einzige Freude und Lust bereitet, ihm Spass macht und auch damit einen besten Zweck erfüllt, dass es ihm zur Quelle einer Daseinsfröhlichkeit wird. Nur durch dieses eigene innere Fabuliervergnügen steckt er seine Zuhörer an, erreicht er seine Wirkungen auf so weite und breite Massen. Seine Fruchtbarkeit ist auch ein Erbgeschenk all der Alexander-Dumas-Geister, der geborenen Erzählergenies, wie bei den Artisten und Aesthetizisten, den l’art pour l’art Bekennern, vielfachst eine Sparsamkeit der Produktion auffällig hervortritt. Und diese Kunstfleissigen werden immer über die Fruchtbarkeit, Leichtigkeit und Unbekümmertheit der Konkurrenten sich zornig ereifern, und höhnen und spotten und mit Platenschem Munde sagen:
Er schmierte wie man Stiefel schmiert, vergebt mir diese Trope,
Er war ein Held an Fruchtbarkeit, wie Calderon und Lope ...
Calderon und Lope aber können solche Kritik und diesen Hohn nur als ein höchstes Lob und eine Bewunderung aller Bewunderungen hören und fühlen.
Da legt sich auch das strahlendste Lächeln um Artur Landsbergers Mund, wenn jene und alle Geister einer Eduard-Hanslick-Kritik ihm, dem Kunstgenüssling, die Handwerker- und Arbeiterhand auf die Schulter legen und ihm sagen: Schreiben Sie weniger! Statt zwölf Bücher nur vier, nur ein Buch. In Ihnen lebt sehr viel mehr Kunst und Schöpferkraft, als Sie in Ihren Werken niederlegen und zum Ausdruck bringen. Wollen Sie doch nur unser Bester sein. Die Gaben dazu haben Sie in sich Aber Ihre Publikumserfolge sind Ihr Unglück und Ihre Verführung, dass Sie mit allem Ihrem Können und Ihren Kräften Schindluder treiben. Artur Landsberger steckt sich die Hände in die Hosentaschen und pfeift sich eins. Seht nur das eine, dass ich nicht will, nicht will. Nichts, gar nichts liegt mir an dem literarischen Ruhm und allen Euren Unsterblichkeitsgesängen. Als Lust- und Vergnügungsgarten, nicht als Arbeitsfeld, hege ich meine Kunst mir ein. Seid Ihr Artisten — aber lasst mich den Dilettantismus kosten als ein Seligstes und seine Unbefangenheiten, dass wir wieder sein Können, wie Lilien auf dem Felde, und singen wie der Vogel singt. Das schnelle Schreiben nur, das Improvisatorische, die gute Eingebung ist mein Vergnügen nur, mein Element, in dem ich mich wie ein Fisch tummle. Nur mich selber will ich dabei nicht quälen und Schweisstropfen vergiessen, — mich unterhalten, anregen und die anderen anregen und unterhalten Mir genügt es! Erzähler bin ich, Schilderer des Geschehens, sinnenfroher Seher des Jahrmarkttreibens, Spaziergänger im Haine der Kunst. All das innere, teils übersinnliche Erleben, das sich mir bei diesem spazierengehenden Schreiben aufdrängt, behalte ich recht für mich. Das sind tausenderlei Dinge subjektivster Empfindungen, heimlichster eigener Freuden, die nicht ins Buch kommen. Denn sie dort hineinzubringen, würde eben Schweiss kosten.
Da wird auch Artur Landsberger zum Bekenner des Lebens, das über aller Kunst ist, dem die Kunst nicht Selbstzweck, sondern des Lebens Dienerin ist. Auch etwas wie Surrogat und Ersatz nur. Wenn man es erlebt, ist noch besser, als wenn man es nur dichtet, — die Realität eleusinischen Daseins das noch Wertvollere, als auch die schönsten Stefan Georgeschen Gedichte und die Träume und Illusionen von ihm. Das noch höhere neue Ziel leuchtet da auf, — die Verwirklichung unserer Künstlerträume und Idealreiche. Da sagt auch Landsberger von sich selber und als besseren Gewinn betrachtet er es, wie Lassalle zu sein, der in seine Bücher und Werke nur sein Talent hineingibt und das Genie ins Leben hinein. Und ich höre im Geist das tiefste und goldenste Lachen meines toten Bruders von der Freiheit des Menschen über allem Ruhm und Eitelkeitsgierden: „Und fragt Ihr, was ich schaffe? Ich lebe!“ Der Kunstgeniessende hat vor dem Kunstschaffenden auch etwas voraus. Er Der Herr, sie seine Diener und Arbeiter. Diese die Köche, er der Speiser der leckeren Gerichte. Jedermann, jedermann kann da zum Sultan werden, und den unermesslichsten Staat von lauter Hofpoeten, Sängern und Tänzern, Sängerinnen und Tänzerinnen um sich scharen. Ihnen sieht und hört ein Sultan nichts ab, was nicht auch jedermanns, jedermanns Eigentum werden kann. Die Protzenkulturmenschen aber, die Landsberger in seinen Romanen geisselt, können sich alle ihre Wände mit Rembrandts und Goyas tapezieren, und sind dabei die ärmsten Schlukker und Kirchenmäuse. Sie können’s nicht geniessen. Für sie sind’s nur Schaugerichte, von denen sie aber nicht essen können.
Das künstlerische Paradieseskind in Artur Landsberger, das nur geniessen und nicht arbeiten und Schweiss vergiessen will, seine evangelische Lehre vom grössten Glück der Lilie auf dem Felde, ist ja ein bisschen Egoismus auch, Uebermenschliches in einer Welt, wo alle nur Menschen sein können. Für sein Kunstwerk wäre es gewiss vom Vorteil, wenn er sein bestes Menschliche, das Höchste und Stärkste seines Lebenswissens, den reinsten Gewinn aller Lebenskunst, nicht ausserhalb seiner Werke stehen liess, sondern dieses auch hineintrüge und hineinstellte, nicht die Trüffeln für sich behielte und nur die für die gebildete grosse Masse verdauliche Nahrung liefern wollte. Schade, dass er nicht will. Freund Merck wird ihm auch immer auf die Schulter klopfen und ihm zurufen, ihn peitschen: Will! Hier ist das Tor zu dem ganz Grossen, zu der neuen Kunst, dem neuen Leben, der neuen Organisation über all diese bisherige Sünden- und Lügenkultur, von der wir nur eines wünschen können, dass sie von der Sintflut dieses Krieges weggefegt wird und Platz wird für neue Noahskinder.
Und ich glaube auch, ich darf wohl sagen, ich weiss es, dass Artur Landsberger zuletzt mit besonderer Genugtuung, mit eigenen Zustimmungen den Berserkerkritiker lesen wird, der mit allen höchsten Forderungen über ihn herfällt. Es sind das immer auch beste Anerkennungen, eine Hochachtung: Du kannst mehr, als Du willst. Deine verdauliche Nahrung für die grossen Massen ist doch etwas anderes noch als die Milch- und Wassersuppen der eigentlichen Unterhaltungsfabrikanten, der Schönfärber, der verlogenen trüben Ideologen, der Publikumsschmeichler. Als alte hohe Ahnenbilder stehen am Eingang zur Kunst Landsbergers Petron und sein „Gastmahl des Trimalchio“ und des Apulejus Zaubermär von der Verwandelung des Dichters in den goldenen Mammonsesel, die grossen Kritiken der Mord- und Raubkultur, der Kulturprotzerei, zu der alle bisherige Kultur nur als zu ihrer Frucht gelangen konnte. Wenn die Sintflut, und dass die Sintflut über sie kommt, und das neue Chaos, aus dem doch endlich ein Besseres noch heraufsteigen kann, dessen sei Freude, da steigt Neuland, Fruchtbarkeitsland auf.
Und auch Artur Landsberger, der nicht nur unterhält, sondern Sittenschilderer, Sittenrichter, Kläger und Ankläger ist, weist und führt zu ihm hin. Aus dem Sturm und Drang seines ersten Romanes von der Hilde Simon steigt er herauf zu seiner Erzählung „Um den Sohn“, wo er am tiefsten geht und auch Trüffeln hineinsteckt, die er sonst für sich und seine Lebenskunst nur aufspart. Er ist noch jung und braucht sich nicht als Fertiger zu fühlen. Und will vielleicht doch auch einmal noch, um des Sohnes, um der Söhne willen, das Land unserer Söhne und Kinder, der Ueberwindung unserer Berliner W. W.- Kultur, alles dessen, was wir bisher Kultur nannten; der Kultur eines Menschen, der immerdar von sich als von einem Gottmensch sprach, und dessen Gott- und Uebermensch stets auch nur die wildeste böseste Bestie gewesen ist. Das innere, übersinnliche Erleben, das Artur Landsberger nicht in sein Werk hineingeben will, für seine Lebenskunst sich aufspart, spürt man doch als einen geheimsten, verborgensten Unterstrom, und auch für den Kritiker ist es wohl die schönste Aufgabe, wenn er, sich ganz in die Seele des Erzählers versenkend, bis dahin zu dringen sucht.
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