Chruschtschow glaubt, mit dem unerfahrenen jungen Mann leichtes Spiel zu haben. Er lädt Kennedy zu einem Gipfelgespräch über eine Lösung des Berlin-Problems nach Wien ein. Kennedy, der dringend einen außenpolitischen Erfolg braucht, nimmt an. Doch das Treffen der beiden ungleichen Regierungschefs endet unversöhnlich. Chruschtschow wiederholt seine alten Forderungen und droht mit Krieg. Kennedy berichtet Vertrauten, er sei „erschüttert darüber, wie leichtfertig der sowjetische Regierungschef mit dem Gedanken eines Atomkrieges umgeht”. Vom Abschlußessen, das am Abend des 16. Juni 1961 in der Botschaft der Sowjetunion in Wien stattfindet, wird folgender Dialog überliefert:
Chruschtschow zu Kennedy: „Krieg oder Frieden, das liegt nun in Ihrer Hand. – Wenn Sie eine Division nach Berlin schicken, schicke ich zwei!” – Kennedy: „Sie wollen Veränderungen erzwingen, nicht ich.” – Chruschtschow: „Der Friedensvertrag mit der DDR mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen wird bis zum Dezember dieses Jahres unterzeichnet.” – Kennedy: „Wenn das so ist, dann wird es ein kalter Winter.”
Von Chruschtschows Unnachgiebigkeit und von seinen Drohungen geschockt, läßt Kennedy nach seiner Rückkehr in Washington eine neue Analyse des militärischen Kräfteverhältnisses um Berlin, in beiden Teilen Deutschlands und zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion anfertigen. Das Ergebnis ist erschreckend: Unter Eisenhower hatte die Strategie der atomaren Abschreckung und damit die nukleare Aufrüstung in den USA absoluten Vorrang vor dem Ausbau der konventionellen Nachrüstung gehabt. Nun sind die USA und ihre westlichen Alliierten im Gegensatz zur Sowjetunion nicht ausreichend auf einen regional begrenzten, konventionellen Konflikt um Berlin vorbereitet.
Nach Informationen aus dem Weißen Haus und dem Pentagon stellt das Nachrichtenmagazin „US News and World Report” eine düstere Prognose für einen möglichen Krieg: „In Ostdeutschland stehen 26 kampfbereite Divisionen (20 sowjetische, sechs ostdeutsche). In Westdeutschland sind 22 Divisionen stationiert (sechs amerikanische, sieben westdeutsche, neun britische und französische). Im Fall eines bewaffneten Konflikts können die Sowjets in kürzester Zeit 50 weitere Divisionen an die Front bringen.” Um dieser gewaltigen Übermacht standzuhalten – so rechnet das Magazin weiter – seien die US-Streitkräfte gezwungen, schon bald taktische Atomwaffen einzusetzen. Die Sowjets würden mit gleicher Waffe zurückschlagen. „Die Seite, die zu verlieren droht, muß dann zwangsläufig ‚strategische Nuklearwaffen’ einsetzen – das bedeutet, Ziele im Heimatland des Gegners mit Atomraketen zu zerstören. So würde ein zunächst konventionell geführter Waffengang um Berlin schon bald zwangsläufig als atomarer Vernichtungskrieg der Großmächte enden ...”
Nach dieser bitteren Erkenntnis ordnet Präsident Kennedy Anfang Juli 1961 militärische Sofortmaßnahmen zur konventionellen Aufrüstung der amerikanischen Streitkräfte an.
1. Armee, Luftwaffe und Marine sollen in kürzester Zeit um 220 000 Soldaten auf insgesamt 1,7 Millionen Mann verstärkt werden. – 2. Der Präsident fordert vom Kongreß eine Erhöhung des Militärbudgets um 3,2 Milliarden Dollar. – 3. Die Stützpunkte der USA in Übersee, vor allem in Europa, sollen mit neuen konventionellen Waffen und mit mehr Munition im Wert von einer Milliarde Dollar zusätzlich versorgt werden. – 4. Die Lufttransport-Kapazität wird um 25 Prozent erhöht. – 5. Zwanzig bereits stillgelegte Truppen-Transportschiffe sollen sofort wieder flottgemacht werden.
In einer Fernsehrede an die Nation begründet John F. Kennedy am 26. Juli 1961 die Dringlichkeit dieser Mobilmachung. Es gehe nicht nur um Berlin, es gehe um die Verteidigung der westlichen Welt. Mit fester Stimme sagt er: „Wir wollen keinen Kampf – aber wir haben schon früher gekämpft. – Wir können und werden den Kommunisten nicht gestatten, uns allmählich oder mit Gewalt aus Berlin zu vertreiben. – Westberlin ist ein Symbol, eine Insel der Freiheit im kommunistischen Meer.” Die Stadt müsse als Schaufenster des freien Westens und als Schlupfloch für Menschen, die vor dem kommunistischen Regime in Ostdeutschland flüchten, erhalten bleiben. Kennedy bietet in seiner Rede der Sowjetunion Verhandlungen an, aber er sagt auch: „Über die Freiheit Berlins gibt es nichts zu verhandeln!” Seine Rede wird im Westen bejubelt. Konrad Adenauer und Willy Brandt, die beiden deutschen Wahlkämpfer, schicken Glückwunschtelegramme. Der Westen, so der Tenor, habe endlich wieder eine feste Führung.
Kennedy, der junge Mann, der als intelligenter Sonnyboy und strahlender Wahlsieger mit seiner hübschen Frau Jacqueline ins Weiße Haus eingezogen ist, scheint in den ersten sechs Monaten seiner Amtszeit um Jahre gealtert. Er wirkt ernst und verschlossen. Mit finsterer Miene, so berichten seine Berater, eilt der Präsident in diesen Tagen, Ende Juli 1961, von einer Berlin-Konferenz zur nächsten. „Kennedy hatte keine Zeit mehr, sich mit amerikanischer Innenpolitik oder mit anderen Fragen zu beschäftigen”, sagt sein Berater Arthur M. Schlesinger, „er war ein Gefangener Berlins.”
Der amerikanische Präsident hat in diesen Tagen stets eine schwarze Aktentasche bei sich. Darin liegt ein Ringordner mit zwei Dutzend „Aktionsplänen” für Berlin, die im State Department und im Pentagon ausgearbeitet worden sind. Foy Kohler, damals stellvertretender Außenminister und Chef der „Berlin Task Force” (der „Berlin Einsatzgruppe”) des State Departments erinnert sich: „Wir hatten für den Präsidenten alle Zwischenfälle, Störmanöver und Aggressionen vorhergesehen und durchgespielt, die wir uns nur vorstellen konnten. Wir haben Behinderungen des Luftverkehrs und der freien Zufahrt auf der Autobahn, bewaffnete Zwischenfälle an der Grenze, militärische Konflikte und deren Folgen ausgearbeitet, Gegenmaßnahmen und alternative Gegenmaßnahmen vorgeschlagen und Reaktionen bei Feind und Freund einkalkuliert.” In Kennedys Mappe steckt auch ein Report des früheren US-Außenministers und jetzigen Präsidentenberaters Dean Acheson, der Chruschtschows Berlin-Ziele so analysiert: Die enorme Flüchtlingswelle soll gestoppt und dadurch das angeschlagene Regime in Ostdeutschland stabilisiert werden. – Westberlin soll erst politisch und militärisch neutralisiert und später von der DDR übernommen werden. – Die Grenzen der DDR sollen legalisiert und international anerkannt werden. – Die Nato-Allianz soll durch einen Konflikt um Berlin aufgeweicht und möglichst zerbrochen werden.
Außer den jeweils aktuellen CIA-Geheimdienstberichten enthält die Berlin-Akte Kennedys auch vertrauliche Mitteilungen. So schildert ihm der Vorsitzende des Washingtoner Wirtschaftsrates Walter W. Heller nach seiner Rückkehr von einer Deutschlandreise auch Gespräche „mit dem eindrucksvollen deutschen Verleger Axel Springer”. Heller an Kennedy über Springers Einschätzung der politischen Lage: „Wenn ein separater Friedensvertrag der Sowjetunion mit Ostdeutschland zustande kommt, glaubt Springer, daß Westberlin von Ostdeutschland durch Stacheldraht und Barrikaden abgesperrt werden wird.” Laut Springer müsse man im Fall einer Berlin-Blockade mit einem Volksaufstand in Ostdeutschland rechnen. Heller an Kennedy: „Springer drückte die dringende Hoffnung aus, daß die Politik der Vereinigten Staaten auf eine solche Entwicklung vorbereitet ist – sonst werde es ein zweites Ungarn geben.”
Für seine Berlin-Unterlagen läßt sich John F. Kennedy von Generalstabschef Lemnitzer einen schriftlichen Bericht über Einsatzbereitschaft und Versorgung der in Berlin stationierten 6000 US-Soldaten geben. Lemnitzer antwortet auf Kennedys Anfrage: „Die Munition reicht für 18 Tage. Ersatzteile für 30 Tage. Lebensmittel für 180 Tage. Flugzeugtreibstoff ebenfalls für 180 Tage und Benzin für 300 Tage.”
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