Jetzt, zwölf Jahre später, drohen die Sowjets wieder. Aber diesmal ist Berlin besser auf eine Blockade vorbereitet. Seit Monaten schon rollen – unbemerkt von der Bevölkerung – Tausende von Kühlwagen und Kohlewaggons über Straßen und Schienen aus Westdeutschland in den Westsektor der geteilten Stadt. In neuerrichteten Lagerhäusern stapeln sich steifgefrorene Schweinehäften und Rinderteile bis unter die Decken. Butter und Margarine, Zucker und Mehl, Kaffee und Trockenkartoffeln lagern versteckt und gegen Diebstahl gesichert in stillgelegten alten Fabrikhallen. Jeder der 2,2 Millionen Westberliner – so hat der Senat in einer Studie errechnet – könnte ein Jahr lang mit täglich 2900 Kalorien ausreichend ernährt werden. Die Kohlehalden reichen aus, um die Stadt mit Heizmaterial, Gas und Strom zu versorgen. Medikamente im Wert von mehreren Millionen Mark liegen bereit. Es ist so viel Zement gehortet, daß Berlins Bauarbeiter zehn Monate lang arbeiten könnten. Sogar eine Million Paar Schuhe wurde mit Steuergeldern eingekauft, damit die Berliner im Ernstfall keine kalten Füße bekommen.
Der Ernstfall droht den Berlinern seit drei Jahren – aber noch nie war die Gefahr so groß wie in diesem August. „Der Geruch von Blut und Eisen hängt wieder über Europa”, schreibt das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel”: „Krieg um Berlin scheint möglich.”
Seit dem 27. November 1958 treibt die politische Entwicklung um Berlin scheinbar unaufhaltsam auf einen militärischen Konflikt der beiden Supermächte Sowjetunion und USA zu, seit der sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow den drei Westmächten ein Berlin-Ultimatum gestellt hat. Anders als 1948 will die Sowjetunion die drei Westsektoren der Stadt nicht unter eigene Kontrolle bringen. Diesmal droht Chruschtschow damit, die Berlin-Verantwortung auf den sozialistischen deutschen Staat zu übertragen, der im Oktober 1949 unter sowjetischer Schirmherrschaft als „Deutsche Demokratische Republik” gegründet worden ist.
Chruschtschows Forderung: Innerhalb von sechs Monaten, bis zum 27. Mai 1960, sollen die Westmächte aus Berlin abziehen, soll Westberlin in eine „entmilitarisierte freie Stadt” umgewandelt sein. Für den Fall, daß sich die Westmächte einer solchen Regelung widersetzen, kündigt der Moskauer Machthaber den Abschluß eines separaten Friedensvertrags mit der DDR an. Die Folge: Die DDR würde die alleinige Kontrolle aller Zugangswege nach Westberlin erhalten, zu Lande, zu Wasser und auch in der Luft. Das bedeutet zwangsläufig, daß das Recht ungehinderten Durchgangsverkehrs alliierter Truppen nach Berlin erlischt. Und das heißt auch, daß der gesamte Zivilverkehr von und nach Westberlin und zwischen dem Ost- und dem Westteil Berlins von der DDR überwacht wird.
Der amerikanische Präsident Eisenhower, der französische Staatspräsident de Gaulle und der britische Premierminister Macmillan konsultieren die Bundesregierung und lehnen die Forderungen der Sowjets kategorisch ab. Die deutschen Politiker fürchten, daß Berlin ohne westlichen Militärschutz keine freie, sondern eine „vogelfreie” Stadt sein würde, die sowjetischen und deutschen Kommunisten wehrlos ausgeliefert wäre.
Hintergrund des sowjetischen Ultimatums ist der gewaltige Exodus aus der DDR. Seit die deutsche Teilung 1949 vollzogen wurde, sind Jahr für Jahr mehr als 200 000 Menschen, insgesamt bereits 2,6 Millionen, aus dem sozialistischen Ostdeutschland in das kapitalistische Westdeutschland abgewandert. Von neun DDR-Bürgern ist einer in den Westen geflüchtet. Die meisten der Flüchtlinge nahmen den kürzesten und leichtesten Weg – über die offene Sektorengrenze von Ost- nach Westberlin.
Dem „Ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden” laufen die Arbeiter und Bauern weg. Aber auch hochqualifizierte Fachkräfte. Aus den Chemie-Kombinaten gehen Forscher zu Hoechst oder Bayer Leverkusen. Ingenieure aus Eisenhüttenwerken und Bergbaubetrieben ziehen ins Ruhrgebiet. Ärzte und Apotheker machen im Westen Praxen und Geschäfte auf. Professoren und Lehrer flüchten vor dem kommunistischen Dogmatismus, dem sie sich unterwerfen müssen. Denn im Wirtschaftswunderland Westdeutschland wird den ehemaligen DDR-Bürgern nicht nur Wohlstand, sondern obendrein noch Demokratie geboten; ein parlamentarisches Parteiensystem, Meinungsfreiheit, die Möglichkeit zu reisen, wohin man will.
Noch ein weiteres Problem plagt die DDR-Volkswirtschaft: Während allein in Ostberlin 45 000 Arbeitskräfte fehlen, fahren 53 000 Ostberliner Tag für Tag zur Arbeit nach Westberlin. Die sogenannten „Grenzgänger” beziehen die Hälfte ihres Lohns in harter D-Mark. Die können sie entweder zum Kurs von 1:4 gegen Ostmark eintauschen oder sich damit in Westberlin Lebensmittel und Luxusgüter kaufen, von denen DDR-Arbeiter nur träumen.
Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre werden die Folgen des großen Exodus für die Deutsche Demokratische Republik dramatisch. Wegen fehlender Arbeitskräfte müssen Teile der Ernte auf den Feldern bleiben. Volkseigene Industriebetriebe können Liefertermine nicht mehr einhalten. Exportaufträge gehen verloren. In Landkreisen und Kleinstädten ist die medizinische Versorgung der Bevölkerung gefährdet.
Durch die offene Grenze nach Westberlin – durch Flüchtlinge und Grenzgänger – entsteht der DDR-Volkswirtschaft Jahr für Jahr ein Schaden von 3,2 Milliarden Mark. Noch größer ist der Schaden für das Ansehen des Kommunismus in der Welt, besonders in den ideologisch noch nicht festgelegten Entwicklungsländern. Und das beunruhigt die großen Brüder der DDR im Moskauer Kreml mindestens ebensosehr wie die Wirtschaftsprobleme des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden. Deswegen stellt Chruschtschow sein Berlin-Ultimatum. Deswegen soll die DDR durch eine Kontrolle der Zufahrtswege die Möglichkeit bekommen, den Flüchtlingsstrom zu stoppen.
Die Westalliierten wollen die sowjetische Drohung gegen die Viermächte-Stadt Berlin zunächst auf dem Verhandlungswege vom Tisch bekommen. US-Präsident Dwight D. Eisenhower lädt Nikita Chruschtschow zu Gesprächen in die Vereinigten Staaten ein. Chruschtschow nimmt an. Er beginnt seine USA-Reise mit einem aggressivem Auftritt vor den Vereinten Nationen in New York, bei dem er mit einem Schuh auf das Rednerpodium schlägt, um seine Beschimpfungen der westlichen Imperialisten und Kriegshetzer wirkungsvoll zu unterstreichen.
Nach diesem stürmischen Auftakt jedoch verlaufen die Gespräche mit Eisenhower überraschend friedlich, ja freundschaftlich. Beim Abschluß des Staatsbesuches in Camp David präsentieren sich die beiden mächtigsten Männer der Welt der staunenden Öffentlichkeit als gütige Großväter. Sie einigen sich, daß über Berlin erst bei einem Viermächte-Gipfeltreffen im Mai 1960 in Paris verhandelt werden soll. – Doch zehn Tage vor der Konferenz wird ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug vom Typ U 2 über dem Gebiet der Sowjetunion abgeschossen. Empört über die (angebliche) Hinterlist des amerikanischen Präsidenten läßt Chruschtschow das Pariser Treffen platzen. Er verschiebt die „Lösung des Berlin-Problems” bis nach den amerikanischen Präsidentschaftswahlen.
Eisenhower kandidiert 1960 nicht mehr. Sein Vizepräsident Richard M. Nixon verliert die Wahl völlig überraschend und ganz knapp gegen einen erst 43 Jahre alten katholischen, gutaussehenden Außenseiter: Am 20. Januar 1961 wird John F. Kennedy als 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Schon kurz nach seinem Amtsantritt sagt der jüngste Präsident in der Geschichte der USA: „Die Welt muß wissen, daß wir für die Freiheit Berlins kämpfen werden, denn wir kämpfen damit für die Freiheit von New York und Paris.” Doch kurz darauf erlebt der dynamische junge Mann im Weißen Haus eine schwere Niederlage. Eine von der US-Regierung unterstützte, vom Geheimdienst CIA vorbereitete und von Exilkubanern ausgeführte Invasion des von Fidel Castro regierten kommunistischen Kuba scheitert kläglich. Das „Desaster in der Schweinebucht” wird vor allem Kennedy angelastet.
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