„Mit seinem Weiberl! Sauber is sie schon!“
„Warum hast denn gleich die Maruschka mitgebracht?“ fragte der Oberleutnant Kienhofer leise den Niki, während dessen Frau den Rittmeister Rizzi begrüsste.
„Ich hab’ ihr die ganze Zeit beim Auspacken und Einrichten geholfen! Sie ist doch ganz fremd im Land. Ich kann sie doch net sitzen lassen!“
„Aber du weisst doch ganz genau, dass ich dich unter vier Augen sprechen muss!“
„Warum?“ sagte der Niki Schlägl geistesabwesend. Sein hübsches, leichtsinniges Gesicht war sehr bleich.
„ . . . weil du mir vor ein paar Stunden erzählt hast, du wüsstest nicht, ob du morgen um diese Zeit noch am Leben sein würdest!“
„Das weiss ich auch net — auf Ehr’ und Gewissen!“
„ . . . und ich sollt’ mich um deine Frau annehmen!“
„Das tät’ ich von dir hoffen, Kamillo!“
„Wenn man so was seinem besten Freund sagt, ist man ihm auch eine Erklärung schuldig. Um die kommst bei mir net herum! Ich lass dich net aus!“
„Aber jetzt net!“ sprach der Leutnant von Schlägl. „Jetzt hat’s hier zu viel Leut’ um einen. Nach dem Nachtmahl, Kamillo — da machen wir beide zusammen im Mondschein einen Spaziergang durch das Dorf. Da erzähl’ ich dir alles, wie’s war!“
Die Sonne war noch kaum als blutrotes Feuerange hinter den bleigrauen Bergketten der Herzegowina verschwunden, da blies schon der erste kalte Nordwind hoch oben über den Karst. Unter dem Sterngefunkel greinte der Steinkauz. Über die Militärgrenze herüber, aus dem Sandschak Novibasar, bellte in heiserem Bass ein Wolf. Die Strafuna, die Streifpatrouille der k. u. k. bosnischen Gendarmerie, hatte ihre hechtgrauen Mäntel über die grüne Montur angezogen. Die Hufen ihrer zottigen Gebirgsgäulchen klapperten auf dem Steingeröll. Behutsam ritten die grauen Schatten den Zickzack des Ziegenpfades hinab zu den Lichtern im Tal. Der Wachtmeister an der Spitze hielt einen länglichen Gegenstand aufrecht vor sich in dem Sattel und bewahrte ihn in der Linken, als er vor dem ärarischen Hotel in Vrbica steifbeinig vom Pferd kletterte.
„Ist der Herr Rittmeister einheimisch, Gjorgje?“
„Nix Rittmeister jetzt stören!“ Der bosnische Kellner stellte sich säbelbeinig in den Weg. „Rittmeister nachtmahlen im Garten mit Offizieren und die drei Gnäddige!“
„Schau, dass d’ weiterkommst, mein Lieber. Ich hab’ was Wichtigeres als deine Backhähndel!“ Der Wachtmeister schob den schwärzlichen Bosniaken zur Seite und stiefelte sporenklirrend an den Tisch voll buntem Tuch und hellen Damenkleidern. Dort verstummte Geplausch und Gelächter vor seiner dienstlich-ernsten, schnauzbärtigen Miene. Er stand mit „Habt acht!“ vor dem Gendarmeriezugskommandanten Ritter von Rizzi und salutierte mit der Rechten, in der Linken das geheimnisvolle Etwas.
„Melde gehorsamst: das Packerl haben wir unter Steinen versteckt oben im Gebirge, hundert Schritte von der Okkupationsgrenze entfernt gefunden, da, wo die Cepelicaquelle entspringt und sich wieder weiter unten in die Karstlöcher verschlupft!“
„Zeigen S’ her!“ Sein Vorgesetzter schüttete den Rest des eisgekühlten Dalmatinerrotweins hinter den schwarzen Abruzzenbart und erhob seine grüne Riesengestalt vom Stuhl, die anderen Offiziere sprangen mit ihm auf und umdrängten ihn, während er den schmalen, langen, in Sackleinwand genähten Packen in der Hand wog.
„Wenn da drinnen nicht wieder so ein verflixtes, geschmuggeltes Gewehr steckt . . .“ murmelte er, „ . . . das sich einer von die Spitzbuben heut’ nacht hätte abholen sollen! Gebt’s a Messer her, dass wir die Naht aufschneiden!“ und leiser zu dem Hauptmann Kabusch neben ihm: „Die Cepelicaquelle — das is just der Ort, wo sich der Pistinner die letzten Tage umgetrieben hat!“
„Weiss Gott: wieder so a heimliche Mordwaffen!“ Er hielt stirnrunzelnd den blanken Lauf in der Hand. Der Major Farkas setzte seinen Zwicker auf und beugte den schnurrbärtigen Graukopf über den Fabrikstempel.
„Ist ein englisches Lee-Metford-Gewehr!“ entschied er in seinem harten Ungarisch-Deutsch. „Ist nicht die neueste Marke. Vielleicht fünfzehn Jahre alt. Aber höchst brauchbar für Gebirgskrieg! Magazin hat Platz für zehn Patronen!“
„ . . . und die Munition paschen s’ wieder woanders herein!“ brummte der Ritter von Rizzi.
„Wo kriegen denn nur die Lumpazi alleweil wieder die Schiessprügel her?“ Der Oberleutnant Kienhofer warf wütend seine ausgerauchte Zigarette wie ein Glühwürmchen hinter sich in die bosnische Nacht.
„Ist kein Kunststück, nachdem die englische Regierung ihr neues Lee-Gewehr in Staatsfabrik in Enfield herstellt!“ belehret in seinem pedantischen Armeedeutsch der sachkundige Major Farkas. „Lee-Enfield kommt nicht in Handel. Um so leichter kann man ausrangiertes Metford-Modell in Birmingham kaufen und in Liverpool verfrachten!“
„Aber das müsste doch verboten sein!“
„Bitte: steht jedem frei!“
„Darf also jeder hier stänkern, wenn er nur a Geld hat!“ sprach der Kienhofer erbittert.
„Aber wer hier im Land das Geld für so was hergibt!“ Der Rittmeister von Rizzi furchte grüblerisch die buschigen Brauen, „Sapperdibix — ja!“
„Kann Geld auch von auswärts kommen!“
Die Offiziere sahen sich sorgenvoll an. Auch die Damen waren aufgestanden. Alles betrachtete die Waffe, die still auf dem Tisch neben den Resten eines Rahmstrudels lag.
„No — Schlägl! . . . Dich interessiert das Ding schient’s gar net?“ fragte Thaddäus Kabusch.
„Ja — was hilft’s denn, Herr Hauptmann, wann ich die Bescherung auch anguck’!“ Der Leutnant Niki fuhr aus seinem Brüten auf. Die Ladislaja Kienhofer neben ihm schüttelte den Kopf.
„Weisst: so wie dich stell’ ich mir ’nen Nachtwandler vor.“
„Ja — wenn das Gewehr reden könnte, wo’s herkommt und wo’s hingehört!“ Ihr Mann verstummte. Auch die anderen schwiegen. In die tiefe Stille zeterte in den Garten hinaus durch die offenen Fenster des Speisezimmers eine helle, zänkische Fistelstimme. Es klatschte jemand ungeduldig in die Hände.
„Nü! Sluga! Diener! Kellner! . . . Sind Sie nur für den Herren Offiziere da, Gjorgje? Hab’ ich die Preisermässigung wie die Herren Offiziere? Zahl’ ich nicht fünfzehn Prozent mehr? Sind meine Kronen und Heller stinkig? Werd’ ich mich einmal durch ein Brieflich beschweren beim fünfzehnten Armeekorps in Serajewo! Was ich haben will? Nü: werden Se mir bringen ä kleines Püls und ä halbes Gulasch!“
Der Kellner machte mit einem Kopfnicken durch das Fenster in den Garten den Gendarmeriekommandanten darauf aufmerksam, dass da drinnen der Bitterwasserreisende Nute Pistinner sass. Der Ritter von Rizzi trat beiseite und winkte seinen Wachtmeister unter den Nachtschatten einer breitästigen Weissbuche. Er schürzte sich mit der Linken seinen mächtigen Vollbart in die Höhe und fuhr sich darunter mit der flachen Rechten über den Adamsapfel.
„Ich hab’s dicke bis dahin, Wachtmeister!“ sprach er. „Es muss etwas dagegen geschehen, dass man mir hier auf der Nase ’rumtanzt! Riskieren wir’s halt in Gottesnamen! Der Pistinner hat doch drüben im Hof seine Kisten mit leeren Flaschen stehen.“
„Wie ich heut’ im Morgengreuen weggeritten bin, sind’s noch dagewesen, Herr Rittmeister!“
„Ist recht! Holen S’ mal gleich einen Hammer und ein Brecheisen und ein paar Leut’ und machen S’ die Kisten auf! Wollen doch mal sehen, ob da wirklich nur leere Flaschen darin sind!“
„Jetzt bin ich doch recht sehr gespannt!“ wandte sich, als das Säbelrasseln des Wachtmeisters verhallt war, der Gendarmeriekommandant zu den Offizieren vom 5. bosnischen Infanterieregiment und ihren Damen. Er unterdrückte mühsam sein Aufregung. „Wann wir nix finden täten, das wär’ fad! Aber ich hör’ schon im Geist das Waihgeschrieen von meinem Freunderl Pistinner!“
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