„Wenn man sie hinlegt, schliesst sie ein Auge, aber das andere sieht offen. Sie hat dunkles Haar. Konrad meint, es müsse Ihr eigenes Haar sein.“
„Ich habe mein Haar nie für eine Puppe hergegeben ...“ Doch nun huscht ein scheues, wunderfeines Lächeln über ihr blasses Gesicht. „Wenn ich mich nicht täusche, muss das die Puppe meiner Mutter sein. Ja, ja, ganz gewiss muss es ihre alte, hässliche Puppe sein, die ich nicht leiden mochte. In ihrem Kopf war etwas zerbrochen, darum konnte sie nur noch ein Auge schliessen. Es kann nur diese Puppe sein.“
Auch in Werners Kopf zerbricht etwas. Und das schmerzt ihn so sehr, dass er seine beiden Augen schliessen muss und den Atem anhält. „Aber es ist seine letzte Freude“, sagt er leise und bittend.
„Nein, was fällt dir nur ein? Was habt ihr euch da nur ausgedacht?“ fragt sie mit einem Versuch zu lächeln. Doch als sie in Werners Gesicht blickt, in dieses Gesicht, das förmlich zerfällt vor Enttäuschung und Verzweiflung, wird sie auf einmal ernsthaft und beginnt ihn auszufragen.
Allmählich erfährt sie, Stück um Stück, Konrads kleine Geschichte und die Geschichte von Konrads heimlicher Liebe. Indessen sie Werner zuhört, senken sich ihre Lider tiefer und immer tiefer über die strahlenden Augensterne, und aus den langen Wimpern beginnen Tropfen zu sickern. Die Tropfen fallen auf Konrads Brief und auf ihre Hände, die darübergefaltet sind. „Grosser Gott, wie schwer und furchtbar ist doch das Leben für einige“, flüstert sie mit zuckenden Lippen. „Aber sag, was kann ich für ihn tun?“
„Oh, Sie können sehr viel tun!“ ruft Werner in jäh erwachter Zuversicht. „Sie könnten ihm zum Beispiel einen schönen Brief schreiben.“
„Nein“, wehrt sie sachte, doch bestimmt. „Nein, das kann ich nicht. Nein, das darf ich nicht.“
„Oder Sie könnten ihm ein paar Blumen schenken ...“
Sie besinnt sich. Ihr Kinn bebt. „Das will ich gern“, sagt sie und pflückt ein paar Fliederdolden von den nächsten Büschen. „Bring sie ihm und grüss ihn von mir. Sag ihm, wie furchtbar leid er mir tut in seinem Unglück.“
„Und die Puppe? Wollen Sie sie nicht wiederhaben?“
„Nein. Was soll ich damit?“
„Und darf er Ihnen wiederschreiben?“
„Nein, du. Das ist undenkbar. Sei jetzt ein lieber Bub und komm nicht wieder zu mir. Hörst du? Wenn mein Onkel dich sieht, wird er sehr böse, und er wird mich schelten. Und sieh, ich kann doch gar nichts, gar nichts für Konrad tun.“
„Aber Sie können doch wenigstens ein wenig an ihn denken, zuweilen ...“
„An ihn denken? Ja, das werde ich sicher. Auch das darfst du ihm ausrichten. Aber jetzt musst du gehen. Und komm also nicht wieder. Versprich mir das!“
Bittend streckt sie ihm ihre schmale, weisse Hand über den Tisch hin. Und er ergreift diese Hand mit seinen beiden Händen. Langsam erhebt sie sich, ein rätselhafter Ausdruck kommt in ihr Gesicht. Sie legt Werner ihre freie Hand auf den Scheitel, als wolle sie ihn segnen. „Sage Konrad, dass ich es selber nicht gut habe und nicht glücklich bin ... Und nun musst du wirklich gehen“, sagt sie in unbeschreiblicher Güte.
Werner geht.
Dieses Unternehmen verlief vielleicht nicht ganz so, wie er es gewünscht und erwartet. Nun hatte auch er ihn klar und scharf gesehen, den Graben zwischen Alma und Konrad. Nur Konrads Unglück war die klägliche Brücke, die von einem Ufer zum anderen führte. Sicherlich schickte sie ihn nicht weg mit leeren Händen und ohne ein gutes Wort des Trostes. Und gekränkt war sie nicht — oh, im Gegenteil —, aber er durfte ihr keine Botschaft mehr bringen; das stand fest.
In der Einfalt seines Herzens dachte Werner: Wenn sie nicht gar so vornehm wäre, würde sie vielleicht in den Ritterhof kommen und ihn besuchen. Und ich bin sicher, er würde dann sein grosses Weh vergessen ...
Leider durfte dieses nicht geschehen. Und Werner brachte nichts zurück als ihre Blumen. Sein Herz war traurig. Sein Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen, als er das Zimmer betrat und Konrad ihm mit fieberglänzenden Augen entgegenstarrte.
„Hast du sie getroffen?“ fragt Konrad, schlotternd vor Erwartung.
„Gewiss traf ich sie. Ich lieferte den Brief ab und erzählte ihr dann noch vieles. Ich durfte neben ihr sitzen in ihrem Gartentempelchen. Sie weinte ...“
„Ist das wahr, du? Weinte sie?“ fragt Konrad atemlos.
„Dein Brief wurde nass von ihren Tränen. Und dann gab sie mir die Blumen für dich. — ‚Grüsse ihn von mir‘, sagte sie.“
Dieses entspricht einigermassen der Wahrheit. Sowie aber Werner die Wirkung seiner Botschaft bemerkt, sowie er Konrads verklärtes Gesicht sieht, durchrieselt es ihn heiss, und in seinem Kopf entsteht jäh ein Gedanke. Ein ungeheuerlicher Gedanke. „Sei sicher — sie liebt dich“, sagt er.
Aber das ist wohl doch zuviel. Vor so grossen Worten wird Konrad misstrauisch. „Nein, du — das ist undenkbar. Das sagte sie gewiss nicht.“
„Vielleicht nicht so mit diesen Worten. Aber sie deutete es doch an, dass ich es verstehen musste. Sie will dir selber schreiben.“
Langsam öffnen sich Konrads Lippen und zittern vor unermesslicher Freude. Er fragt hastig: „Du hast wohl nicht einen Brief von ihr?“
„Nein, sie konnte doch nicht auf einmal schreiben, während sie bei mir sass und alles mögliche fragte und wissen wollte. Aber morgen oder übermorgen kann ich ihren Brief abholen. Sie will immer und ewig an dich denken, weil du ihr so leid tust ...“
Lieber Herr im Himmel — diesem Knaben Konrad ward viel Schweres auferlegt, und er wandelte im kalten Schatten von Anfang an. Ehe er aber aus dieser Welt scheiden musste, sollte ihm noch ein unerhörtes Glück beschieden werden — durch Werners Beistand, durch eine gottgefällige Lüge, durch hundert grosse und kleine Lügen, die sich als eine hohe Brücke über seinen Himmel spannten als strahlender Regenbogen. Nicht länger zögerte Werner, seinen besten, seinen einzigen Freund zu hintergehen.
Beim Anblick Konrads geriet Werner in einen wahren Taumel des Entzückens, in einen seligen Rausch des Schenkens. Bald konnte er selbst nicht mehr unterscheiden, wo die Wahrheit aufhörte und die Dichtung begann. Er, der bis zu diesen Tagen noch nie an Liebe und ähnliches gedacht und wenig oder gar nichts wusste vom geheimen Treiben der Menschenwesen, er ahnte in wunderbarer Weise zum voraus vieles von dem, was erst künftige Zeiten ihn lehren sollten. Ein goldenes Klingen flutete durch sein Blut.
Erregt sass er nun an Konrads Krankenlager und sprach mit begnadetem Mund. „Schon längst dachte sie an dich. Und sie hätte dich gern noch einmal gesehen. Sie wollte dich früher auf der Strasse anreden; aber du gingst so schnell an ihr vorbei. Und da durfte sie natürlich nicht stehenbleiben ...“
„Nein, das durfte sie nicht. Erzähl weiter! Trug sie wieder ein schwarzes Kleid?“
„Ein rabenschwarzes; ihre Tränen tropften darauf, und sie wischte sie nicht weg. Aber deinen Brief verbarg sie an ihrer Brust. Sie will ihn später noch viele Male lesen, wenn sie allein in ihrem Zimmer ist ...“
Unermesslich reich wird Konrad beschenkt. „Ist das nicht merkwürdig“, fragt er, von Werners Feuer erwärmt, „da ging ich also hundertmal an ihr vorbei und wusste nicht, dass sie mich beachtete ...“
„Wie hätte sie es dir nur zeigen können? Und den Weissen Handschuh mit dem Blutfleck hat sie aufbewahrt.“
Langes Schweigen.
Leise fragt Konrad: „Und ihre Puppe? Will sie sie nicht wiederhaben?“
„Nein, du darfst sie behalten — weil es doch ein Stück von ihr selber sei. Sie liebte sie sehr, ihre Puppe. Nur mit ihr spielte sie, solange sie in diesem Hause wohnte. Aber heute schenkt sie sie dir ein für allemal. Und etwas Besseres könne sie dir gar nicht schenken, meinte sie.“
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