Sie fuhr den staubigen Kiesweg entlang und bog nach links auf die asphaltierte Hauptstraße ab. Der Tacho zeigte mehr als hundert Sachen und sie fuhr gegen die Sonne. Die Klimaanlage funktionierte nicht, weshalb alle vier Fenster offen waren. Die Vorderreifen waren nahezu abgefahren und es war eine Unwucht zu spüren, durch die das Lenkrad etwas vibrierte. Aber Mary kümmerte das nicht. Sie freute sich einfach auf einen netten Abend in der Stadt.
Normalerweise war man eine halbe Stunde unterwegs, aber heute schaffte sie es in 20 Minuten. Sie parkte unter zwei großen Platanen, öffnete die Fahrertür und wartete. Ein leichter Wind blies durch die Bäume. Sie drehte Merle Haggard im Radio auf volle Lautstärke und plante innerlich den aufregenden Abend, der vor ihr lag. William kam hundemüde zum Auto. Seine Wrangler-Jeans und sein langärmliges Arbeitshemd waren dreckig und verschwitzt. Schließlich hatte er seit frühmorgens 30 Kilo schwere Heuballen hochgewuchtet. Er hatte zehn volle Stunden geackert, Anhänger für Anhänger mit den rechteckigen Heuquadern beladen und sie in einer stickig heißen, staubigen Scheune aufgestapelt. Nun Mary und ihren wachsenden Bauch zu sehen, bedeutete für ihn das reinste Glück. Die eiskalte Fuhre, die im Kofferraum auf ihn wartete, erzielte den erwünschten Effekt. Er war durch und durch zufrieden.
Sein Mittagessen hatte nur aus einer Scheibe Salami auf zwei Scheiben Weißbrot, zwei Fertigbiskuits und einer Limonade bestanden. Jetzt, fünf Stunden später, war er erschöpft, ausgedörrt und hungrig. Wie schon unzählige Male erprobt, stellte Bier einen annehmbaren Nahrungsersatz dar, der ihn sättigte – eine gekühlte Dose nach der nächsten.
Bald standen nur noch wenige ungeöffnete Bierdosen in der Kühlbox, aber weder William noch Mary machten sich Gedanken darum. Jedes Zischen und Schäumen linderte Williams Schmerzen und ließ ihn die Arbeit in der sengenden Hitze vergessen. Es war ein Leichtes für Mary, ihn zu überreden, auswärts essen und feiern zu gehen. Aber vorher musste er duschen und sich umziehen und sie machten sich auf den Heimweg. Mary kuschelte sich beim Fahren eng an ihn und legte ihre Hand auf seinen rechten Oberschenkel. Ihr Gurt blieb unangetastet.
Die Geschwindigkeitsbegrenzung lag auf dieser Strecke bei 80 km/h, aber da weder Verkehr noch Polizei in Sicht waren, drückte William auf die Tube, bis der Tacho 120 anzeigte. Abgelenkt von Marys Hand, von der Vorfreude auf den bevorstehenden Abend und durch seine vom Alkohol eingeschränkten Reflexe war er der kurvenreichen Straße vor ihnen nicht gewachsen.
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7
EINE LEBENSRETTENDE ENTSCHEIDUNG
Newtons Gesetze von Kraft und Bewegung taten ihr Übriges, dass das rasende Auto die zweite Kurve nicht schaffte. Der Hyundai kam unkontrolliert ins Schleudern, rotierte heftig und rammte mit der Hinterseite mit voller Wucht eine alte Weißeiche. Der ausgeblichene Kofferraum und die rostigen Kotflügel wurden zusammengedrückt wie die platten Dosen, die Mary kurz zuvor aus dem Kofferraum geworfen hatte. Die Scheiben zerbarsten in Tausende winzige Scherben wie kleine Diamanten. Die Türen wurden verbogen und sprangen auf und Mary flog ungesichert wie von einer Schleuder katapultiert nach draußen. Die mächtige Eiche stand unbeschadet mitten in den zerbeulten Blechtrümmern. Zischende Geräusche verklangen in der Stille.
Hilfe nahte in Form eines Autofahrers, der noch außer Sichtweite und anderthalb Kilometer entfernt war. Als der schockierte Unfallhelfer den Horrorschauplatz erreichte, fand er Mary reglos auf der Erde, ihren Kopf in einer anschwellenden Blutlache. William saß sicher angeschnallt hinter dem Lenkrad, benommen, aber nicht ernsthaft verletzt. Blut rann ihm am Kinn herunter, weil er sich am Lenkrad die Lippe aufgeschlagen hatte.
Marys Leben hing an einem seidenen Faden, als der Autofahrer auf seinem Motorola-Handy hektisch den Notarzt rief. Innerhalb einer Viertelstunde war ein Rettungswagen aus dem nahe gelegenen Columbia vor Ort und stellte gleich fest, dass Mary ein schweres Schädeltrauma erlitten hatte und dringend intensivmedizinische Hilfe brauchte. William wurde ins Kreiskrankenhaus gebracht, wo er behandelt und mit kleineren Verletzungen wieder entlassen wurde. Mary wurde in die Vanderbilt-Uniklinik geflogen, wo sie ein Krankenhaus von Weltrang und hochausgebildete Spezialisten empfingen. Das erfahrene Trauma-Team der Hubschrauberbesatzung stabilisierte sie für den 23-minütigen Flug zum Helikopterlandeplatz des Krankenhauses.
Die Familienangehörigen wurden informiert und beide Mütter eilten mit William zur Vanderbilt-Klinik in der Innenstadt von Nashville. Die Ärzte machten Marys Familie kaum Hoffnung, dass sie die Nacht überleben würde. Ein einfühlsamer Arzt kümmerte sich um die schockierte Familie und bereitete sie auf das Schlimmste vor. Reaktionen des Gehirns waren kaum mehr vorhanden, und ohne die immense Anzahl medizinischer Geräte um sie herum, die Leben in ihren Körper pumpten, wäre sie bereits tot gewesen. Da durch Marys schwere Kopfverletzungen praktisch keine Hoffnung blieb, dass sie überlebte, lenkte der Arzt den Blick der Familie behutsam auf den ungeborenen und noch immer lebensfähigen Fötus.
In einfachen Worten erklärte der Arzt, dass selbst ein Kind, das ohne einen Unfall drei Monate zu früh auf die Welt kommt, ungleich geringere Chancen hat. Zudem war zu befürchten, dass Syndrome, die auf Marys Alkoholkonsum zurückzuführen waren, und die mangelnde Vorsorge gegen die Gesundheit des Kindes sprachen. Ein zweiter Arzt gesellte sich hinzu und gemeinsam erläuterten sie viele denkbare Erkrankungen, die diesem Baby möglicherweise drohten. Die umfangreiche Liste umfasste eine mangelnde Entwicklung von Herz und Lungen, zudem Hirnschlag, Blindheit und Hirnschäden. Jeder Punkt bedeutete, dass das Kind sein Leben lang auf Hilfe angewiesen sein würde – vorausgesetzt es überlebte. Sie fügten hinzu, dass die Wahrscheinlichkeit gering war, dass das Kind länger als ein paar Tage leben würde. Trotz all dieser denkbaren Szenarien sah Marys mitgenommene Mutter den Ärzten verzweifelt in die Augen und wies sie an, alles zu unternehmen, um den Säugling zu retten.
Das auf neonatale Intensivmedizin spezialisierte Team bereitete den Kreißsaal fieberhaft für einen Notkaiserschnitt vor. Am Sonntagmorgen, dem 8. Juli 1990, um 6.01 Uhr, wurde der kleine Sohn von William Derryberry und Mary Davidson auf die Welt geholt. Zwei Stunden und 29 Minuten später schaltete man das lebenserhaltende Gerät ab, das Marys verwundeten und angeschwollenen Körper mit den letzten Überresten ihres Lebens verbunden hatte. Ihr Schädeltrauma und weitere innere Verletzungen waren zu schwerwiegend, als dass Hoffnung auf eine Genesung bestanden hätte. William streichelte ihre weiche, geschwollene Hand ein letztes Mal und schluchzte unkontrolliert bei Marys letztem Atemzug.
Auf demselben Flur klammerte sich ihr noch namenloser Sohn an sein eigenes, labiles Leben. Draußen erfüllten Kirchenglocken der Belmont United Methodistengemeinde die schwüle Luft dieses Julisonntags – ernste und doch fröhliche Klänge, die den Tod betrauerten und die Geburt feierten.
Der kleine Junge, der 13 Wochen zu früh zur Welt gekommen war und weniger als ein Kilo wog, rang um seinen ersten Atemzug. Für seinen erbitterten Kampf ums Leben hätte man ihn gut Rocky nennen können, aber nach drei Tagen bekam er den ersten Vornamen seines Vaters William. Sein Zweitname bestand aus den Anfangsbuchstaben der Zweitnamen seiner Eltern. Im Standesamt wurde er offiziell als »William HK Derryberry« registriert, aber anschließend einfach HK genannt.
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Solange Pearl erzählte, saß ich auf der Stuhlkante, gebannt und erschüttert von der Tragik, die HKs verhängnisvollen Start ins Leben umgab. Aber das war erst der Anfang. Seine Geschichte bestand nicht nur aus Herkunft und Geburt.
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