Mein Kinn begann zu zittern und in meinem rechten Auge sammelte sich eine große Träne. Plötzlich war die Tasse Kaffee unwichtig. Langsam und bedächtig ging ich auf seinen Tisch zu, um ihn besser sehen zu können. Er sah noch kleiner aus als vorhin und gemessen an seiner Größe wirkte er nicht älter als fünf oder sechs Jahre. Sein Bürstenhaarschnitt war schon länger herausgewachsen und er trug ein schlichtes Baumwoll-T-Shirt, das vorne offenbar mit Frühstücksresten bekleckert war. Aber am meisten schockierte mich die verknitterte kurze Kaki-Hose, die er an diesem ungewöhnlich kalten Oktobermorgen trug.
Als ich näher kam, konnte ich die weißen Plastikschienen noch besser erkennen, die beide Unterschenkel stützten. Sie waren anders als die Schienen, die ich bisher gesehen hatte. Sie steckten fest in seinen Schuhen und endeten erst kurz unter dem Knie. Lange weiße Baumwollstrümpfe reichten ihm bis über seine Unterschenkel und endeten kurz vor den Schienenrändern.
»Hey, Kumpel«, sagte ich leise, als ich seinen Tisch erreichte.
»Wie heißen Sie?«, antwortete er.
»Jim. Und wie heißt du?«
»Ich bin HK.«
»Wofür steht denn HK?«
»Für nichts, ich heiße einfach HK.«
»HK, schön dich kennenzulernen.«
»Schön, Sie kennenzulernen. Wo wohnen Sie?«
»In Brentwood.«
»In welcher Straße?«
»Im Harpeth River Drive.«
»Von wo zweigt die Straße ab?«
»Vom Old Hickory Boulevard«, antwortete ich.
»Wann sind Sie heute Morgen aufgestanden?«, fragte HK.
»Um sechs«, erwiderte ich.
»Was haben Sie dann gemacht?«
»Ich habe geduscht.«
»Und dann?«
»Dann habe ich mich angezogen.«
»Und dann?«
»Dann habe ich mich bei McDonald’s mit meinen Tennispartnern getroffen.«
Wie ein hartnäckiger, erfahrener Polizeibeamter führte er das strikte Verhör weiter. Nachdem er mich ein paar Minuten lang ununterbrochen ausgehorcht hatte, dachte ich: Wow, das ist ja mal ein lustiges Kind!
Er traktierte mich weiter mit Fragen und ich antwortete. In einer kurzen Pause nahm er meine Hand und befühlte sie, als begutachtete er ein besonderes Kunstobjekt. Dann hob er sie an seine Nase, wie ein Welpe, der spielerisch seinen Besitzer beschnüffelt, und prägte sich meinen typischen Geruch ein. Eine Viertelstunde später wollte ich los.
»Ich habe mich gefreut, dich kennenzulernen, HK. Ich hab heute noch einiges zu erledigen und muss jetzt gehen.«
»Ich hoffe, ich sehe Sie bald wieder«, sagte er zögernd.
»Ich auch«, antwortete ich mit einem gehörigen Knoten im Hals.
Als ich mich umwandte und meinen neuen Freund zurückließ, wurde ich Opfer des größten Diebes der Stadt. Wie ein Taschendieb, der unter ahnungslosen Touristen in den Kneipen Nashvilles sein heimliches Handwerk betreibt, hatte HK Derryberry das perfekte Verbrechen begangen: Er hatte mein Herz gestohlen.
In Gedanken ging ich die lange Liste mit Erledigungen durch, die mir an diesem Samstag bevorstanden. Die meisten davon hatte Brenda mir aufgetragen. Ich lief sehr viel langsamer als auf dem Hinweg. Das Wetter, der Verkehr, die Tageszeit traten in den Hintergrund. Ich rollte vom Parkplatz bei Mrs Winners, aber dieser kleine, blinde Junge ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Mir fiel ein, dass ich den verlockend heißen Becher Kaffee gar nicht angerührt hatte, aber das war nun egal.
Den ganzen restlichen Tag über gingen mir Fragen durch den Kopf. Beim Gedanken an das gründliche Verhör musste ich grinsen. Dabei hatte ich selbst auch so einige Fragen: Wo waren seine Eltern? Wie groß waren seine gesundheitlichen Probleme? Wo wohnte er? Ich merkte, dass ich beim Versuch, meine To-do-Liste abzuarbeiten, ziellos durch die Gegend fuhr. Der Gedanke an seinen leeren Blick, seine dreckige Kleidung und die weißen Beinschienen nagte an mir. In Ermangelung von Taschentüchern mussten die Ärmel meiner Trainingsjacke für meine tränenden Augen herhalten. Ich wusste absolut nichts über ihn oder sein Leben, außer dass er sein Wochenende im Fast-Food-Imbiss verbrachte.
Schließlich hatte ich alles erledigt und fuhr wieder nach Hause. Ich stellte die Einkaufstüten auf die Küchenarbeitsplatte und erzählte meiner Frau von der unerwarteten Begegnung. Ich schwärmte von dem lustigen, kleinen Jungen, erzählte von seinem traurigen Anblick und seinen bohrenden Fragen. Aber sie erkundigte sich nicht weiter nach ihm, also erwähnte ich ihn an diesem Wochenende nicht mehr. Die Predigt am Sonntagmorgen über tiefe Beziehungen im Leben schlug eine weitere Saite in meinem Gefühlsleben an und erneut hatte ich gegen Tränen zu kämpfen.
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3
UND TÄGLICH GRÜSST DAS MURMELTIER
In der Tennishalle des Belle Meade Country Club war von Oktober bis Februar Saison. Acht enge Freunde und ich trafen uns fast jeden Samstag um halb neun, um in wechselnder Besetzung im Doppel mit zwei Gewinnsätzen zu spielen. An einem Samstag im Monat war man jeweils nicht eingeteilt und an meinem nächsten freien Samstag wurde ich von grauem Himmel und kräftigem Nordwind begrüßt, der gefühlt noch kälter war, als das Thermometer in meinem Carport anzeigte. Nach einem späten Frühstück zog ich mehrere Schichten Kleidung übereinander, fand meine Arbeitshandschuhe und eine warme Mütze und ging raus, um mein Revier zurückzuerobern, das von einem ganzen Heer verwaister Blätter heimgesucht worden war, die mein tadelloses Eckgrundstück überfallen hatten.
Beim Zusammenharken gingen meine Gedanken zu HK – wie seit unserer Begegnung jeden Tag. Ich fragte mich, wie er zu Hause lebte, ob er gerade wieder allein bei Mrs Winner’s saß und wie viele unschuldige Opfer er wohl heute Morgen schon ausgefragt hatte. Ich erinnerte mich zurück, dass es für meine Töchter in seinem Alter undenkbar gewesen wäre, länger als fünf Minuten ohne Fernseher oder andere Ablenkung ruhig irgendwo zu sitzen. Genauso gut hätte ich zwölf Runden mit einem Schwergewichtsboxer überstehen können. Und trotzdem saß dieser unerschütterliche oder unfassbar geduldige Junge jeden Samstag und jeden Sonntag neun qualvolle Stunden lang in dieser trostlosen Imbissstube, weil seine Oma am Wochenende keine andere Möglichkeit hatte. Mein Hirn konnte sein Elend einfach nicht fassen.
Bis zum Nachmittag hatte ich 40 große Säcke mit Blättern gefüllt und ordentlich am Straßenrand aufgereiht. Vereinzelt lagen noch Blätter auf dem Rasen und trotzten mir, aber ich fror, war müde und hatte genug. Ich stellte den Rechen weg, zog mich um, tauschte die Mütze gegen meine blaue Baseballkappe der Auburn-Uni und sagte Brenda Bescheid, dass ich noch einen Kaffee trinken ging. Ich glaube nicht, dass ich Mrs Winner’s erwähnte.
Die Fahrt dorthin dauerte nur zehn Minuten. Als ich auf den Parkplatz fuhr, sah ich HK schon allein am Fenster sitzen, genau da, wo ich mich letzte Woche von ihm verabschiedet hatte. Allein nur seinen kleinen Kopf wiederzusehen, berührte mich schon innerlich. Ich war erleichtert, dass er da war, und seltsam aufgeregt bei dem Gedanken, ihn wiederzusehen. Was erwartete ich von diesem Besuch? Was war meine Absicht? Ich hatte keine wirkliche Ahnung. Ich wusste nur, dass es mich innerlich drängte, zu diesem Jungen zu fahren und ihn wiederzusehen. Aber ich beschloss, dass diesmal ich die Fragen stellen würde.
Ich eilte hinein, um einem weiteren kalten Windstoß zu entfliehen, bestellte meinen Seniorenkaffee und schlenderte zu den Tischen. Als ich HK näher kam, schien mir, dass er dieselbe Kleidung trug wie in der letzten Woche: ein ausgeleiertes weißes Baumwollshirt und ausgewaschene Cargo-Shorts, die eine Nummer zu klein waren. Vervollständigt wurde seine Garderobe von den weißen Plastikschienen und komischen schwarzen Schuhen, die aussahen, als stammten sie direkt aus dem Kleiderschrank meiner Großmutter.
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