Als ich mich näher heranpirschte, entdeckte ich einen feuchten, handbreit großen Fleck mitten auf seinem schmuddeligen T-Shirt, der zweifellos vom Mittagessen stammte. Er lauschte völlig gebannt seinem ramponierten Radio. Sein Oberkörper lag quer über dem Tisch, sein Kopf war zur Seite gedreht und er bemühte sich, mit einem Ohr Radio zu hören, während er mit dem anderen die Gespräche an den Nachbartischen verfolgte. Sein Radio war so leise, dass die Kunden nicht gestört wurden, aber als ich näher kam, erkannte ich den rhythmischen Singsang eines Pfingstpredigers. Diese typischen Geräuschwellen aus den Untiefen irgendeines Kellerstudios in Tennessee zogen den empfindsamen Jungen ganz in ihren Bann. Er wiegte sich im völligen Einklang mit dem Auf und Ab der Stimme des Evangelisten und verinnerlichte jedes »Preist den Herrn!« und »Halleluja!«, das aus dem Lautsprecher drang.
In dieser einen Woche war sein Haar so sehr gewachsen, dass sein winziges Gesicht noch kleiner wirkte, als ich es ihn Erinnerung hatte. Er hätte leicht als Fünfjähriger durchgehen können, obwohl er mir beim letzten Besuch erzählt hatte, dass er im Juli neun geworden war. Er hörte mich kommen, aber bevor ich etwas sagen konnte, begann mein Kinn zu beben, während ich tapfer gegen meine inneren Gefühlsstürme ankämpfte. Er hob den Kopf und schien mir in die Augen zu blicken.
»Wie heißen Sie?«, fragte er mit seiner hohen, piepsigen Stimme.
»Ich bin Jim«, antwortete ich.
»Der Jim, mit dem ich letzten Samstag gesprochen habe?«
»Ja genau, der bin ich; du hast aber ein gutes Gedächtnis.«
»Wo wohnen Sie?«
»In Brentwood.«
»In welcher Straße wohnen Sie?«
»Im Harpeth River Drive.«
»Von welcher Straße zweigt die ab?«
»Vom Old Hickory Boulevard.« (Später wurde mir klar, dass er, wenn er eine Straße nicht kannte, so lange nach Abzweigungen fragte, bis er eine erkannte. Erst dann wandte er sich den nächsten Fragen zu.)
»Wann sind Sie heute Morgen aufgestanden?«
»Um sechs.«
»Was haben Sie danach gemacht?«
»Geduscht.«
»Und dann?«
»Mich angezogen.«
»Und dann?«
»Dann habe ich in meinem Garten Blätter zusammengeharkt.«
»Und dann?«
Mein Vorhaben, dass diesmal ich die Rolle des Fragenstellers übernehmen könnte, löste sich in Luft auf. Jedes Mal, wenn wir uns trafen, wiederholte er dieselben grundlegenden Fragen. Ich fühlte mich wie Phil Connors in Und täglich grüßt das Murmeltier, der immer und immer wieder dieselben 24 Stunden erlebt. Genau wie Phil wusste ich schon bald, dass diese monotone Übung kommen würde, und war fest entschlossen, sie zu ändern. Nach meinem zweiten oder dritten Besuch begann ich deshalb zu antworten: »Diese Frage habe ich schon letzte Woche beantwortet und mein Tagesablauf verändert sich nicht sonderlich, lass uns über etwas anderes reden.« Ich versuchte, mit ihm ein ganz normales Gespräch zu führen, an dem beide beteiligt waren, aber ich scheiterte jedes Mal.
Schließlich dämmerte es mir: HK hatte außer Pearl kaum soziale Kontakte und daher war seine Fähigkeit zur normalen Kommunikation stark unterentwickelt. In schlichten Worten: In sozialer Hinsicht war er völlig verkümmert und konnte nur über Themen reden, die Pearl in seinem Beisein besprochen oder über die er im Radio oder Fernsehen gehört hatte. Gott schien mir eine leere Leinwand zu geben und überließ es mir, ein Bild zu malen.
Wie beim ersten Mal nahm er auch bei diesem zweiten Besuch vorsichtig meine Hand, hielt sie sich nahe ans Gesicht, schnüffelte an jedem Finger, als wolle er sich meinen Duft einprägen. Mit seinem ausgeprägten Geruchssinn konnte er mich und andere Bekannte schon aus einiger Entfernung erkennen. Nervös erwartete ich schon eine ähnliche Untersuchung meines Gesichts, aber sie kam nie.
Nach kurzer Zeit erkannte er mich, sobald ich in die Nähe der Tische kam, und begrüßte mich mit: »Hi, Mr Bradford!«, bevor ich auch nur ein Wort sagen konnte. Mir fiel auf, dass er mich seit unserem ersten Treffen »Mr Bradford« nannte. Alle anderen nannte er beim Vornamen, mich nicht. Ich habe keine Ahnung, warum.
Bei meinen folgenden Besuchen stellte ich fest, dass ich offenbar nicht der einzige Gast bei Mrs Winner’s war, den die Anwesenheit des kleinen blinden Jungen rührte. Hin und wieder entdeckte ich Geld, meist einen Zehn- oder Zwanzig-Dollar-Schein, den jemand sorgfältig gefaltet unter sein ramponiertes Radio geschoben hatte. Wenn ich ihn danach fragte, sagte er: »Davon weiß ich nichts. Dass da Geld auf meinem Tisch liegt, wusste ich nicht. Wie viel ist es?«
Offenbar hatten nette Menschen bemerkt, dass sich der kleine Junge hier vor aller Augen zu verstecken versuchte, und wollten ein wenig helfen. Ich fragte mich, wie viele ihn wohl sahen und weitergingen, ohne etwas zu tun. Ich gestehe sofort, dass ich selbst in dieser Hinsicht überhaupt nichts vorzuweisen hatte, bevor ich HK kennenlernte. Ich könnte die endlosen Male gar nicht zählen, die ich meinen Blick von den Obdachlosen, die in der Stadt um Geld für Essen baten, abgewandt hatte, oder an den ungepflegten Veteranen vorbeigefahren war, die mitten auf einer belebten Kreuzung in Nashville ein Schild hochhielten: »Arbeit gegen Essen«. Glauben Sie mir, ich weiß, wie es ist, die Armen zu ignorieren und meine Augen vor den Randgruppen zu verschließen, die unter uns im Verborgenen leben. Aber Gott hat mir eine zweite Chance eingeräumt und diesmal hatte ich etwas zu geben: Interesse, Unterstützung und sehr viel Zeit.
HKs trübselige Wochenenden in der Imbissstube und sein monotoner Alltag gingen mir nicht mehr aus dem Kopf und trübten die Gemütlichkeit unseres heimeligen Fleckchens Erde. Ich spürte, wie eine Hand mich behutsam anstupste, anschob und vorantrieb. Gott hatte mich genau da, wo er mich haben wollte.
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
4
»ICH WERDE SIE MEIN LEBEN LANG NIE MEHR VERGESSEN«
Meine Freundschaft mit dem behinderten blinden Jungen blühte trotz unseres Altersunterschieds von 47 Jahren schnell auf. Bei unseren regelmäßigen Treffen an dem mittlerweile vertrauten Fenstertisch wirkten wir wie zwei mürrische alte Farmer, die im Fast-Food-Restaurant ein Schwätzchen hielten.
Einmal ergriff HK mit der linken Hand vorsichtig meine rechte und sagte leise und ohne Vorwarnung: »Mr Bradford, ich habe Sie lieb. Sie sind mein bester Freund. Wenn Sie sterben, werde ich Sie mein Leben lang nie mehr vergessen.«
Ich wünschte, ich wüsste, wodurch diese plötzliche Bekundung ausgelöst worden war, aber sie traf mich völlig unvorbereitet. Ich war nur noch ein einziger Tränenstrom, und nachdem ich mich geräuspert hatte, antwortete ich: »Danke, HK. Ich habe dich auch lieb. Ich hoffe, dass ich noch lange lebe und wir noch viele, viele Jahre lang gute Freunde bleiben können.«
Er drehte sich und wandte mir sein Gesicht zu, auf dem sich das strahlendste, breiteste und herzerwärmendste Lächeln ausbreitete, das ich je gesehen hatte. Vielleicht spürte er, dass er zum ersten Mal in seinem Leben außer seiner Oma einen echten Freund gefunden hatte. Von da an nannte mich HK immer wieder seinen besten Freund und fügte manchmal hinzu: »Ich habe Sie lieb, Mr Bradford.«
Bald fuhr ich jeden Samstag und jeden Sonntag die vertraute Strecke und rollte auf den Parkplatz bei Mrs Winner’s. Wenn ich sein Gesicht nicht hinter der Scheibe sah, fuhr ich weiter, verzichtete auf meinen Kaffee und kehrte nach Hause zurück. Mir war klar, warum HK manchmal nicht da war: Pearl hatte nicht jedes Wochenende Dienst. Diese seltenen Tage hinterließen bei mir in mehrfacher Hinsicht ein Loch.
Wenn ich dagegen seine unverkennbare Silhouette sah, war ich beglückt. Ich freute mich immer auf unsere gemeinsame Zeit. Bei einer Tasse Seniorenkaffee für mich und süßem Eistee für ihn unterhielten wir uns über meinen Beruf, meine Reisen und meine Familie, während ich kleine persönliche Details über seine Schule, seine Freunde und Familie und seine Vorlieben erfuhr. Er erzählte beispielsweise, dass sein Lieblingsgericht bei Mrs Winner’s ein gut gebuttertes Brötchen mit Würstchen und Soße war. Normalerweise bekam man es nur während der Frühstückszeiten, aber dank seiner guten Beziehungen zur Küche konnte er sein Lieblingsgericht jederzeit bestellen. In der Folge unserer zunehmend beiderseitigen Gespräche sah ich ermutigende Zeichen in seiner Persönlichkeitsentwicklung. Je mehr wir miteinander redeten, desto mehr verbesserten sich seine kommunikativen Fähigkeiten.
Читать дальше