Herr Seidel riss ihn unsanft aus seinen trüben Was-wärewenn-Gedanken. „Ben, was ist mit deiner Schularbeit? Hättest du wohl die Güte, sie mir zu zeigen? Oder hast du sie nicht gemacht?“, zischte er ihn an.
Ben zuckte zusammen. Herrn Seidels Stimme klang sowieso immer scharf. Aber wenn er das Gefühl hatte, einer seiner Schüler war nicht bei der Sache, wechselte er locker auf rasierklingenscharf.
Ben kramte hektisch das Matheheft aus seiner Schultasche hervor. Mit nervösen Fingern schlug er die entsprechende Seite auf, reichte es dem Lehrer und sagte gedämpft: „Hier sind meine Hausaufgaben.“
Herr Seidel überflog stirnrunzelnd die Aufgaben. Dann gab er Ben das Heft zurück.
„In Ordnung“, murmelte er schon im Weggehen.
Ben atmete erleichtert auf. Er riskierte einen schnellen Blick zur Seite. Direkt in Susannas aufmunternd lächelndes Gesicht. Für einen kurzen Moment überlegte er, ihr Lächeln zu erwidern, doch dann verließ ihn abermals der Mut und er wandte sich rasch ab.
Den Rest der Stunde war Ben nur körperlich anwesend. Seine Gedanken waren ganz woanders. Sie kreisten um den Tag, an dem Marcel ihm das erste Mal aus der Patsche geholfen hatte.
Der Vorfall lag schon eine ganze Weile zurück. Aber Ben hatte die Szene noch genau vor Augen.
An der Ecke neben dem Eiscafé war er Johannes, Atze und Colin direkt in die Arme – oder vielmehr in die Reifen – gelaufen. Sie fuhren ihm mit ihren Fahrrädern so vor die Füße, dass er sich nur durch einen schnellen Sprung zur Seite retten konnte.
„Na, du Vollidiot! Haste von deiner Mami ‘nen Euro für ‘ne Kugel Eis bekommen?“, ätzte Johannes ihn an.
„Lasst mich gefälligst in Ruhe“, sagte Ben so bestimmt wie möglich.
„Hey, sei mal nicht so unfreundlich“, antwortete Colin und grinste dabei hämisch. Sie waren zu dritt. Wesentlich größer und stärker.
Ben musste an die Worte seiner Mutter denken. Sie hatte sie ausgesprochen, als er und seine Familie hierher gezogen waren. „Eine idyllische Kleinstadt. Hier ist das Leben noch in Ordnung und die Menschen sind nett und höflich.“
Echt super nett! Und so freundlich ...
„Hey, Schwachkopf, wir reden mit dir“, legte Johannes noch mal nach und stieß unsanft gegen Bens Oberarm.
Der versuchte cool zu bleiben. Dennoch hörte sich seine Stimme zittrig an, als er fragte: „Was wollt ihr von mir?“
„Alter“, johlte Atze, „dem geht der Arsch sauber auf Grundeis. Was fürn jämmerliches Weichei.“ Er tat so, als ob er jeden Moment in Tränen ausbrechen wollte. Sein lächerlicher Auftritt war glatt bühnenreif. Die anderen beiden quittierten das mit höhnischem Gelächter.
Ben wollte weggehen. Sich umdrehen. Sie stehen lassen und sich in das Eiscafé retten. Da würden sie ihn garantiert in Ruhe lassen. Aber so weit kam er nicht. Johannes rammte ihm mit voller Wucht sein Vorderrad in die linke Wade, sodass Ben stöhnend in die Knie ging.
Er kniete noch immer auf dem Boden, als zwei ältere Damen vorbeigingen. Eine wollte stehen bleiben und etwas sagen, doch die andere zog sie am Ärmel weiter und zischte ihr leise zu: „Misch dich da nicht ein!“ Dann waren sie auch schon um die Ecke verschwunden.
Ben wollte sich hochrappeln. Johannes’ Fuß auf seinem Rücken hinderte ihn daran.
„Da unten bist du schon richtig. Dreck zu Dreck“, sagte er und verstärkte noch den Druck seines Fußes.
Ben dachte an den Fünf-Euro-Schein in seiner Hosentasche. Vielleicht sollte er ihnen das Geld anbieten. Aber er bezweifelte, dass sie sich damit zufrieden geben würden.
Als ob Johannes seine Gedanken erraten hätte, forderte er tatsächlich etwas von Ben. „Zieh deine Schuhe aus und gib sie mir gefälligst“, schnauzte er und nahm seinen Fuß von Bens Rücken. „Und zwar etwas zügig, Arschloch! Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“
Ben war mit einem Satz auf den Beinen und drehte sich zu Johannes um. Seine beiden Freunde standen einen Schritt hinter ihm.
Ben nahm seinen ganzen Mut zusammen und schleuderte ihm ein lautes „Nein!“ entgegen.
Johannes lehnte sein Rad an die Hauswand und kam tänzelnd auf ihn zu, die Fäuste rhythmisch vor seinem Oberkörper bewegend.
„Jetzt bist du fällig, du kleine Drecksau.“
Ben zog den Kopf ein, versuchte mit den Armen sein Gesicht zu schützen. Er kniff seine Augen fest zusammen und erwartete den Schlag. Aber der kam nicht. Dafür hörte er Marcels Stimme rufen: „Verpisst euch oder es setzt was!“
Ben öffnete vorsichtig die Augen und sah gerade noch, wie Johannes herumfuhr.
„Verpiss dich doch selber, du Arsch“, sagte Johannes, während sich seine eben noch geballten Fäuste langsam wieder öffneten.
„Halt dein Maul“, zischte Marcel ihm zu. Sein Tonfall klang so kalt, dass Ben eine Gänsehaut bekam.
Er schnipste mit Daumen und Zeigefinger, sah kurz zu Ben und sagte: „Komm her“, und wendete sich dann wieder Johannes und seinen beiden Kumpels zu.
„Ich sag’s dir jetzt zum letzten Mal: Zieh ab und nimm die zwei Hirnis gleich mit ... oder, na ja, du weißt ja, was sonst passiert. Verstanden?!“
Ben traute seinen Augen kaum. Johannes wich wahrhaftig einen Schritt zurück, nahm sein Rad von der Hauswand, schwang sich drauf und trat in die Pedale. Die beiden anderen machten es ihm nach.
„W-wie“, stammelte er, „hast du das gemacht?“ Ben starrte Marcel völlig entgeistert an.
„Ich habe da so meine Methoden, aber davon verstehst du nichts“, antwortete Marcel. Dabei warf er Ben einen Blick zu, der klar zum Ausdruck brachte, dass keine weiteren Erklärungen folgen würden.
Du weißt ja wohl, was sonst passiert, hatte er zu Johannes gesagt. Seitdem fragte sich Ben, was zwischen den beiden eigentlich abging.
Ben hatte Glück. Den Rest des Vormittags bekam er Johannes und seine Clique nicht mehr zu Gesicht. Was aber offensichtlich daran lag, dass er die folgende Pause eingeschlossen in einer Kabine des Jungenklos verbrachte und nach der nächsten Stunde frei hatte.
Auch draußen vor der Schule war weit und breit nichts von ihnen zu sehen und so schaffte Ben es, ohne erneute Zwischenfälle nach Hause zu kommen.
Seine Mutter war noch nicht da. Sie arbeitete als Arzthelferin bei einer Zahnärztin und war selten vor 14 Uhr zu Hause. Ben war froh, dass er sein mit Ketchup und Mayo beschmiertes T-Shirt in die Waschmaschine werfen konnte, bevor sie es an ihm entdeckte. Sie würde gleich wieder denken, es hätte Ärger in der Schule gegeben. Was ja auch der Wahrheit entsprach. Doch eigentlich wollte sie nichts darüber hören. Davon war Ben überzeugt. Seine Mutter glaubte an die heile Kleinstadt-Welt. Deswegen waren sie extra aus der Großstadt hierher gezogen. Für die Schule interessierte sie sich nicht wirklich. Höchstens für Bens Noten. Und die waren völlig okay. Was tatsächlich so ablief, darüber hätte sie wohl gestaunt. Aber Ben hatte beschlossen, weder ihr noch seinem Vater etwas davon zu erzählen.
Kurz vor ihrem Umzug vor neun Monaten war ein sechzehnjähriger Mitschüler von der Schule geflogen. Er hatte seine Lehrerin mit dem Messer bedroht. Bens Eltern hatten total fassungslos reagiert. „Zum Glück wird so etwas in einer Kleinstadt nicht passieren. Da ticken die Uhren anders“, war sich seine Mutter sicher.
Ben war davon nicht so überzeugt und ließ es auf einen Versuch ankommen, seine Meinung zu äußern.
„Stress mit Lehrern oder Schülern kann man garantiert auch in einer Kleinstadt haben. Wer weiß, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass ...“
„Willst du etwa das Verhalten dieses Jungen auch noch verteidigen?“, unterbrach ihn seine Mutter schrill.
Ben zuckte die Achseln und bemühte sich, ruhig und vernünftig zu klingen. „Man weiß nicht, was ihn dazu gebracht hat. Und in die Köpfe der anderen kann man schließlich nicht hineingucken.“
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