Foelsche, am 30. März 1831 in dem Dorf Moorburg bei Hamburg als Sohn eines Seilmachers geboren, tritt mit achtzehn als einfacher Soldat in ein Husarenregiment ein. Er ist, wie Harry Maschke, 23 Jahre alt, als er sich entschließt, nach Australien auszuwandern. Sein Ziel ist Adelaide an der Südküste, wo sich während dieser Ära Tausende von Deutschen ansiedeln: Angehörige einer christlichen Gemeinschaft, die vor religiösen Repressionen in Preußen flohen, oder Intellektuelle, die ihrer Heimat aus Enttäuschung über die mageren Resultate der Revolution von 1848 den Rücken kehrten.
Der Auswanderer aus Moorburg macht, nachdem er als Goldsucher glücklos geblieben ist, Karriere bei der berittenen Polizei und steigt in kurzer Zeit zum Unteroffizier auf. 1869 wird er beauftragt, im fernen Norden des Landes, dem heutigen Northern Territory, eine Polizeistaffel aufzubauen. 44 Jahre verbringt er in Darwin. In diesen Dekaden entfaltet er Fähigkeiten, die ihm, weil sie vom Pioniergeist der Gründerjahre zeugen, einen Platz in den australischen Geschichtsbüchern sichern. Er agiert als Friedens- und Untersuchungsrichter, betätigt sich als Zahnarzt und Büchsenmacher, engagiert sich in der methodistischen Kirche, in der Kommunalpolitik und bei den Freimaurern.
Vor allem aber: Der Kommissar ist ein begnadeter Fotograf. Die Bilder, die er auf seinen Inspektionsreisen durch das weite, wilde Land macht, gehören heute zu den Schätzen der australischen Archive. Auch liebevolle Porträts von Aborigines, den australischen Ureinwohnern, sind darunter. Weil er auch ihre Sitten und Gesetze achtete und sogar ihre Sprache lernte, gehört der deutsche Polizeioffizier zu den wenigen weißen Einwanderern, die von den Aborigines verehrt werden.
Den Namen des Autodidakten, der sowohl vom britischen König als auch vom deutschen Kaiser einen Orden erhielt, tragen ein Berg, ein Fluss, ein Baum, eine Blume und eine Straße von Darwin. »Er war«, sagt der Fabrikant und Konsul Harry Maschke in einer Gedenkrede, »ein Mann, der Visionen hatte und der von einer grenzenlosen Energie und Leidenschaft beseelt war. Er glaubte fest an den Frieden und die menschliche Einsicht.«
Ein Porträt von Paul Heinrich Matthias Foelsche hängt im Chefzimmer der Firma »Action Sheetmetal« an der Wand.
2 »Es hat mich einfach gepackt«
Mit dem Fahrrad in ein neues Leben
An dem Morgen, als wir uns zum ersten Mal trafen, hatte uns der Frühaufsteher Harry Maschke mit seinem Anruf aus dem Tiefschlaf geholt. Am Abend, als wir uns mit einem Essen voneinander verabschiedeten, reichte er telefonisch einen »wichtigen Tipp« nach. Er kenne da noch jemanden in Darwin, der für uns interessant sein könnte. Wir sollten mit unserem Mietauto am nächsten Vormittag bei seiner Fabrik vorbeikommen, dann lotse er uns mit seinem Geländewagen zu »Helmut«, den im ganzen Northern Territory bekannten Gärtner.
Wir fahren von der Firma »Action Sheetmetal« keine drei, vier Kilometer in Richtung Süden, als das unwirtliche Industriegebiet abrupt von einer Landschaft abgelöst wird, die uns eine Ahnung von der wilden Schönheit des Buschs vermittelt. Von Eukalyptusbäumen flattern, durch den Lärm unserer Motoren verscheucht, kreischende Kakadus auf. An den Gestaden einer mit weißer Blütenpracht besprenkelten Lagune putzen sich Pulks von Reihern und Wildgänsen.
Doch dann herrscht plötzlich Ordnung im Outback. Namensschilder markieren die tropischen Pflanzen. Auf keinem der wie mit dem Lineal gezogenen Beete wuchert unnützes Grün. Die Brunnen und die Miniaturmühlen, die chinesischen Terrakottafiguren und die modernen Skulpturen, die das nach Hibiskus, Bougainvilleen und Rosen duftende Areal dekorieren, verstärken den Eindruck von einer domestizierten Natur. Aber wo ist Helmut, der Gärtner? »On the radio«, sagt Hardy, sein Sohn.
»On the Radio?”
Sein Vater, klärt uns der Sohn auf, habe eine feste Ratgebersendung im Regionalprogramm. Wir sollten warten, er käme gleich zurück.
Und dann steht er plötzlich vor uns, der Experte für Blumenerde, Zimmerpalmen, Blattläuse, Kakteen. Er trägt, zum Schutz gegen die von Tag zu Tag stärker werdende Frühlingssonne, einen breitkrempigen Hut, die für australische Männer typische dreiviertellange Hose und jene ledernen Stiefel, die als Bollwerk gegen die auch in dieser Region weit verbreiteten Giftschlangen dienen. Die Souveränität, die ihm den Job beim Hörfunk einbrachte, steht ihm im kantigen Gesicht geschrieben. Im Gegensatz zu Harry Maschke, der seine Pointen mit temperamentvoller Gestik untermalt, bevorzugt er einen eher ruhigen, fast stoischen Erzählstil. Der Humor, mit dem er manche Sätze würzt und der in seinen Augen immer mal wieder den Schalk aufblitzen lässt, wirkt durch dieses Understatement umso intensiver.
Wenn ich den Leuten hier in Australien von meiner Heimat erzähle, dann sage ich immer: Ich komme aus einem Dorf, das damals wohl das rückständigste in ganz Deutschland war. Tatsächlich gehörten wir zu den Letzten, die Elektrizität, fließendes Wasser und gepflasterte Straßen bekamen, und bei uns wurde auch einer der letzten Wilderer auf deutschem Boden erschossen. Das Dorf heißt Schnellbach, und es liegt mitten im Hunsrück. Zu meiner Zeit waren die Leute dort sehr arm. Es gab nur wenige Bauern, die mehr als zwei Kühe hatten und von der Landwirtschaft leben konnten. Die meisten verdienten ihren Lebensunterhalt, indem sie Musik machten. Sie zogen von einer Kirmes zur nächsten und machten Musik.
Meine Mutter war Kriegerwitwe, sie hatte es nicht leicht damals mit drei kleinen Kindern. Wir waren Flüchtlinge, ursprünglich stammt meine Familie aus Schlesien. Ich wurde 1939 in Hermannsdorf bei Breslau geboren. Meine Mutter hat uns durchgebracht, indem sie für die Bauern im Hunsrück arbeitete. Sie hat auf den Feldern gearbeitet oder die Wäsche gemacht, es war harte Arbeit, sehr hart. Aber das weiß man natürlich erst zu schätzen, wenn man älter ist.
1989 war ich zum letzten Mal in Deutschland und habe auch meine alte Heimat besucht. Schnellbach nennt sich jetzt Höhenluftkurort. Viele neue Häuser wurden gebaut, aber die meisten stehen leer, weil die Bewohner nur die Ferien dort verbringen. Alles hat sich total verändert, und wenn du aus Australien kommst, dann fällt dir besonders die Beengtheit auf. Ein Dorf am anderen, und so vieles ist verboten. Ich weiß noch, dass ich mit einem meiner alten Schulfreunde angeln gehen wollte. Ich hab’ zu ihm gesagt: Los, komm, lass uns fischen gehen. Forellen aus dem Bach, so wie früher. Der Mann hat fast einen Herzinfarkt bekommen und mir klargemacht, dass man dafür ins Gefängnis kommen kann.
Aus dem Hunsrück ins Northern Territory: Helmut Schimmel, Gärtnereibesitzer und Farmer
Nein, ich könnte heute nicht mehr in Deutschland leben, ich würde da nicht mehr hinpassen. Hier ist vieles viel einfacher, man findet leichter Zugang. Ich kann hier einen Minister anrufen, und ich weiß, dass ich einen Termin bekomme. Unseren Ministerpräsidenten habe ich mehrfach getroffen, so etwas ist kein Problem in Australien. In Deutschland würde man nicht mal auf die Idee kommen, oder?
Ob ich mich als richtiger Aussie fühle? Schwer zu sagen. Ich weiß nur: Ich träume in Englisch. Und ich denke, ich werde hier sterben. Australien war gut zu mir. Ich sage immer: Um das zu erreichen, was ich hier erreicht habe, hätte ich in Deutschland viel mehr investieren müssen, in jeder Beziehung.
Dabei wollte ich eigentlich gar nicht nach Australien, ich bin eher per Zufall hier gelandet. Nachdem ich in Bad Kreuznach am Max-Planck-Institut Gartenbau studiert hatte, wollte ich die Welt sehen. Und ich wollte dabei auch Japan besuchen. Ich dachte, in meinem Beruf könnte ich davon profitieren. Also habe ich mich auf den Weg gemacht, per Fahrrad. Soweit es irgend ging, habe ich mich über Land vorwärtsbewegt. Italien, Türkei, über den Bosporus, Iran, Irak, Pakistan, Indien, Ceylon, schließlich per Schiff nach Indonesien. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich insgesamt zwei Jahre gebraucht, um nach Japan zu gelangen. Ich habe dort weiterstudiert, bis ich erfuhr, dass in Melbourne und in den USA große internationale Pfadfindertreffen stattfinden würden. Ich war damals begeisterter Pfadfinder, bin es heute noch, und natürlich musste ich da unbedingt hin.
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