Die fußballerische Rivalität nahm bei der WM 1966 ihren Anfang, als der Argentinier Antonio Rattín sich nach seinem Platzverweis im Viertelfinale gegen England zehn Minuten lang weigerte, den Rasen von Wembley zu verlassen. Englands Trainer Alf Ramsey hinderte George Cohen daran, mit Roberto Perfumo das Trikot zu tauschen, und bezeichnete die Südamerikaner als „Tiere“. 1977 schlug der argentinische Stürmer Daniel Bertoni seinem Gegner Trevor Cherry zwei Schneidezähne aus (seine Knöchel zeugen noch heute von der Begegnung), und bei der WM 1986 warf Argentinien schließlich die Engländer dank Maradonas „Hand Gottes“ im Viertelfinale aus dem Turnier. „Die WM zu gewinnen, war damals zweitrangig für uns“, sagte Perfumo. „England zu schlagen, war unser eigentliches Ziel. Das ist vergleichbar mit Schülern, die ihre Lehrer schlagen.“
Nationaltrainer Glenn Hoddle schloss sich Shearers Sichtweise an, dass die Realität eines Elfmeterschießens nicht nachstellbar sei, und verzichtete 1998 darauf, Elfmeter trainieren zu lassen. Der einzige Spieler, der es dennoch tat, war ironischerweise Shearer. Vor jedem Länderspiel schoss er fünf Elfmeter in die eine Ecke, im Spiel selbst schoss er dann in die andere. Er war überzeugt davon, dass der Gegner selbst beim Geheimtraining seine Spione hatte, um ihn zu beobachten.
Gegen Argentinien ging die Rechnung auf: Drei Minuten, nachdem Gabriel Batistuta das 1:0 erzielt hatte, wurde Michael Owen im Strafraum von Roberto Ayala zu Fall gebracht. Der Schiedsrichter entschied auf Strafstoß, was ziemlich großzügig war, und Shearer traf zum Ausgleich. Nur wenig später startete Owen ein Solo vom Mittelkreis aus und drang in den Strafraum vor. Er ließ Ayala aussteigen und bezwang Torwart Carlos Roa mit einem platzierten Schuss ins lange Eck. Javier Zanetti glich kurz vor der Pause aus, und nach dem Platzverweis gegen David Beckham hatten die Engländer ihre liebe Not, das 2:2 über die Zeit zu retten.
Ayala, der zum Zeitpunkt unseres Treffens gerade Racing Club Buenos Aires trainierte, erinnerte sich gerne an das Spiel zurück. „Zunächst mal war da Owen“, sagte er. „Der Elfmeter, den er rausholte, und dann das tolle Tor, das er erzielte. Ich muss aber sagen, dass [José] Chamot und ich eine Menge Fehler dabei machten. Wir waren zu weit auseinander, ich stand falsch, außerdem wussten wir nichts über den Burschen. Über Shearer wussten wir alles, aber über Owen: nichts.“
Im Elfmeterschießen war England kurzzeitig im Vorteil, als David Seaman gegen den zweiten argentinischen Schützen, Hernán Crespo, hielt. Aber Paul Ince konnte diesen Vorteil nicht nutzen und vergab seinerseits. Anschließend trafen Juan Verón und Paul Merson, ebenso Marcelo Gallardo und Owen. Dann war Ayala an der Reihe. „Ich war kein Elfmeterspezialist, und wir hatten im Training nicht geübt“, sagte er. „Unsere ersten vier Schützen schossen regelmäßig Elfer, aber ich nicht. Ich hätte mich nie geweigert, habe den Trainer [Daniel Passarella] aber auch nicht gefragt, warum er ausgerechnet mich für den fünften Versuch ausgewählt hatte. Ich wusste sofort, wohin ich schießen wollte. Ich ging davon aus, dass Seaman mich für einen ungelenken Verteidiger hielt und erwartete, dass ich auf meine natürliche Seite schießen würde, also visierte ich die andere Ecke an.“
Ayala empfand nichts von der Furcht, über die Shearer sprach. „Ich verspürte keinen Druck, als ich zum Punkt ging. Ich empfand es vielmehr als aufregend. Mit einer Mannschaft verbinden sich so viele Träume, und ich dachte an all die Menschen, die uns und mir die Daumen drückten. Der Gedanke an ein Scheitern kam gar nicht erst auf. Ich wusste, dass ich treffen würde. Ich schaute Seaman nicht einmal an. Ich legte mir einfach den Ball zurecht und schoss. Und ich traf. Das war’s.“
Roa erkundigte sich nach dem Elfmeter bei Ayala: „Hey, was ist, wenn ich den hier halte?“
„Dann haben wir gewonnen!“, antwortete Ayala.
Roa neigte dazu, die Namen seiner Kollegen zu vergessen. Ayala glaubt, dass ihm diese Vergesslichkeit beim Elfmeterschießen geholfen hat.
David Batty trat für England an. Er war für Darren Anderton ins Spiel gekommen, um die Defensive nach Beckhams Platzverweis zu verstärken. Er hatte noch nie einen Elfmeter geschossen und sich vor seinem Versuch bei Shearer erkundigt, wohin er schießen solle. „Ich riet ihm, in die Mitte zu schießen, aber auf dem Weg zum Punkt entschied er sich um“, sagte Shearer. Batty schoss halbhoch nach links, Roa ahnte die richtige Ecke und entschied das Elfmeterschießen für seine Mannschaft.
„Roa war klasse“, sagte Ayala, „aber ich könnte trotzdem nicht sagen, warum England das Elfmeterschießen verloren hat. Wir waren enttäuscht, das Spiel nicht in der regulären Spielzeit gewonnen zu haben, aber wir hatten ebenfalls keine Elfmeter trainiert. Ich glaube, Roa bewegte sich schneller als Seaman, und wir schossen ein bisschen besser vom Punkt. Manchmal ist das eben so.“
Für Gianluigi Buffon werden Elfmeter ein ewiges Rätsel bleiben. Der italienische Torwart gewann das WM-Finale 2006 gegen Frankreich im Elfmeterschießen und stand auch im Viertelfinale der EM 2012 im Tor, als die Engländer im Duell vom Punkt einmal mehr den Kürzeren zogen. „Ich verliere lieber in der regulären Spielzeit als im Elfmeterschießen“, sagte er. „Meiner Meinung nach ist entscheidend, welche Spieler weniger erschöpft sind und sich noch etwas besser konzentrieren können.“ Buffon ist ein intuitiver Torhüter. Während der englische Torwart Joe Hart am Tag vor dem Spiel darüber sprach, die Gewohnheiten der italienischen Spieler zu analysieren, scherzte Buffon, stattdessen lieber Pornos gucken zu wollen.
Beim Elfmeterschießen 2012 hielt Hart keinen einzigen Elfmeter, Buffon hingegen einen, den von Ashley Cole. „Ich sah, dass er darauf wartete, dass ich auf eine Seite sprang, aber ich blieb so lange stehen, wie es ging. Als ich dann die richtige Ecke ahnte, konnte ich den Ball halten.“ Italien war bereits im Vorteil, nachdem Andrea Pirlo beim Stand von 1:2 mit einem perfekten Panenka-Heber für den Ausgleich gesorgt hatte. „Das gab uns den Glauben, es zu packen“, bestätigte Buffon. „Pirlo drehte das Elfmeterschießen zu unseren Gunsten. Nach seinem Tor wirkten die englischen Spieler frustriert, als hätten sie etwas von ihrer Entschlossenheit verloren.“
Trotz des Triumphs bei der WM 2006 glaubt Buffon nicht, dass es so etwas wie ein Erfolgsrezept für Elfmeterschießen gibt. „Ich glaube nicht, dass man da jemandem Ratschläge erteilen kann“, sagte er. „Empfiehlt man dem Torwart, möglichst lange stehen zu bleiben, kommt er bei einem platzierten Schuss selbst dann zu spät, wenn er die richtige Ecke ahnt. Manche Spieler bevorzugen eine bestimmte Seite, aber das weiß jeder. Beim Elfmeterschießen ist eine Menge Glück dabei, aber auch die Geschichte spielt eine Rolle, weil sie sich auf das Selbstvertrauen auswirkt. Italien hat sein Trauma überwunden: Wir haben in den 1990er Jahren so viele Elfmeterschießen verloren [vier: 1990, 1994, 1996, 1998], aber 2006 haben wir dann die WM gewonnen. Letzten Endes kann man also nie wissen, was passiert.“
Pirlo wusste selbst beim Anlauf noch nicht, dass er einen so unverschämten Schuss wagen würde. Erst in letzter Sekunde entschied er sich, denn Joe Hart machte, wie Pirlo sagte, „allerlei Sperenzchen auf der Linie“. Sobald Hart sich bewegte, fasste Pirlo seinen Entschluss. „Ich musste die beste Lösung finden, um das Risiko des Scheiterns auf ein Minimum zu reduzieren“, sagte er. „Es war improvisiert, ich hatte das nicht vorher festgelegt. Ich glaubte, nur so meine Erfolgsaussichten maximieren zu können. Ich wollte keine Show abziehen. Das ist einfach nicht meine Art. Wegen der ganzen Reisen zwischen Polen und der Ukraine hatten wir vor dem Spiel kaum Zeit gehabt, überhaupt zu trainieren, wie hätte ich den Trick also einstudieren können? Ich tat es aus reiner Berechnung – in dem Moment war es die am wenigsten riskante Variante. Es war die sicherste und effektivste Option. Nach dem Spiel meinten meine Kollegen: ‚Andrea, bist du verrückt?‘ Sie waren fassungslos. Aber ich war nicht verrückt. Ich wusste genau, was ich tat.“
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