Er räumte ein, dass sein Elfmeter schlecht geschossen war. „Aber als der Zeitpunkt kam – wie soll ich das sagen ... Ich war überrascht, als unser Coach mich nahm. Ich hatte Elfmeterschießen nie geübt, nur einmal zuvor in meinem Leben einen geschossen – und auch da schon nicht getroffen. Ich kann das nicht gut.“ Southgate konnte sich an das meiste dessen, was unmittelbar nach dem Elfmeter passiert war, nicht erinnern. „Ich bin in der Nacht ins Bett gegangen, den Kopf voller Müll. Du liegst wach und denkst: Was werden die Leute mit dir machen, haben sie schon dein Haus abgebrannt? Es war beängstigend. Mein Kollege Stuart Pearce sagte: ‚Gareth, morgen werde ich wieder zu Hause sein und auf die Weide gehen, um meine Pferde zu füttern. Ich werde sie anschauen und zu ihnen sagen: ‚Wir haben es wieder nicht geschafft. Wir haben gegen Deutschland im Elfmeterschießen verloren.‘ Und die Pferde werden mir antworten: ‚Was kümmerst du dich darum? Gib uns endlich die Karotten.‘“
Southgate bekannte später, bereits ein schlechtes Gefühl gehabt zu haben, als Ziege den vierten Elfmeter für Deutschland verwandelte. Er hatte schon entschieden, wohin er den Ball schießen wollte, „aber als es 4:4 stand und noch keiner verschossen hatte, kamen mir negative Gedanken. ‚Was ist, wenn ich verschieße?‘ Dieser einfache Gedanke, den man bei besserem mentalem Verständnis hätte ausblenden können, schlich sich in mein Unterbewusstsein, und im Nachhinein weiß ich, dass ich in dem Moment schon so gut wie verloren hatte.“ Auch Stefan Kuntz wurde zunehmend nervös. Im Verein schoss er regelmäßig Elfmeter – mit 30 verwandelten Strafstößen belegt er in der ewigen Rangliste der Bundesliga den achten Platz. Er hatte Vogts aber in der Hoffnung, die Sache wäre bis dahin gelaufen, gebeten, ihn als fünften Schützen zu nominieren.
Vogts war ein Mann, der zu seinem Wort stand. Vier Monate vor Beginn des Turniers hatte er Kuntz versprochen, ihn im ersten Gruppenspiel für den gesperrten Jürgen Klinsmann aufzustellen – und so kam es auch. Der damals 33-jährige Kuntz hatte bei seinem Klub Beşiktaş Istanbul Sonderschichten eingelegt und besonders hart trainiert. „Ich habe mein erstes Länderspiel mit 31 gemacht, und wenn man älter ist, weiß man solche Momente eher zu schätzen“, sagte er. „Mir war klar, dass dies mein letztes Turnier für Deutschland sein würde, und ich wollte, dass es etwas Besonderes wird.“
Kuntz, der erneut von Beginn an spielte, weil Klinsmann sich im bissig geführten Viertelfinale gegen Kroatien verletzt hatte, erzielte den Ausgleich und in der Verlängerung ein Kopfballtor, das wegen eines Foulspiels aberkannt wurde. „Das war niemals foul“, beteuerte er mir gegenüber.
Er sah zu, wie die Engländer einen Elfmeter nach dem anderen verwandelten. „Es war furchtbar. Ich war als Fünfter dran, weil ich eigentlich gar nicht schießen wollte, und als es dann so weit war, war mein Elfer der wichtigste von allen. Wenn man zum Punkt geht, ist man so allein, so ängstlich. Ich musste irgendwie meine Nerven in den Griff kriegen. Also versetzte ich mich in Wut. So vergaß ich meine Aufregung.“ Kuntz dachte an seine Kinder, die damals fünf und sieben Jahre alt waren, und wie sie in der Schule gehänselt würden, sollte er jetzt verschießen. „Ich wurde so sauer bei dem Gedanken daran, wie diese Blödmänner meine Kinder ärgerten. Ich dachte: ‚Das kannst du deiner Familie nicht antun.‘“ Kuntz, ein Linksfüßer, schoss Deutschlands besten Elfmeter: hart und platziert auf seine natürliche Seite. Er hatte sich so aufgepeitscht, dass er danach nicht einmal lächelte, sondern nur einmal tief durchatmete auf dem Weg zurück in den Mittelkreis.
Und dann war Southgate an der Reihe. „Natürlich hat Southgate mein Mitgefühl“, sagte Kuntz. „Es ist ein Albtraum, derjenige zu sein, der verschießt. Aber immerhin hatte er den Mumm, überhaupt anzutreten, im Gegensatz zur halben Mannschaft.“ Warum also hat England verloren? „Es gab zusätzlichen Druck, weil es ein wichtiges Spiel war, und dann auch noch gegen Deutschland. Und wenn man zu Hause spielt, spürt man manchmal den Zweifel der eigenen Fans. Vielleicht dachte Southgate: ‚Selbst die Fans glauben nicht, dass ich treffe.‘ Oft passiert genau das, was einem durch den Kopf geht. Es ist ein wichtiger Aspekt des Spiels, die eigenen Gedanken zu kontrollieren.“
Kuntz sagte, das Spiel sei das Highlight seiner Karriere gewesen, noch vor dem Finale gegen Tschechien, in dem er von Anfang an spielte und das Deutschland 2:1 gewann. „Es war mein erstes Spiel in Wembley, es war gegen England, ich erzielte ein Tor und dann das Elfmeterschießen ... Es war einfach alles drin.“ Heute konzentriert er sich auf seinen Job als Vorsitzender des 1. FC Kaiserslautern, für den er sechs Jahre lang spielte. Über die alten Zeiten redet er nicht so gern. Er versucht das Thema zu umgehen, seitdem er seiner Großmutter kurz vor dem Ende seiner Profikarriere den Text auf seiner offiziellen Sticker-Karte vorlas. „Da stand: ‚Pokalsieger 1990, Deutscher Meister 1991, Europameister 1996‘ und dazu meine ganzen Torstatistiken. Und meine Oma fragte: ‚Sehr hübsch, aber kannst du damit im Supermarkt bezahlen?‘ Da wurde mir klar, dass man sein Leben einfach weiterleben muss. Nicht zurückschauen. Vielleicht sollte es England mit Elfmeterschießen genauso halten.“
Als Kuntz verwandelte, hatten sich die Deutschen immer noch nicht auf ihren sechsten Schützen geeinigt. Bis Southgate vergab. Daraufhin löste sich Andreas Möller aus der Gruppe und machte sich auf den Weg zum Elfmeterpunkt. „Er trat vor und meinte: ‚Ich bin dran, okay?‘“, erinnerte sich Thomas Helmer. Es war zu spät, um Einwände zu erheben, und Möller traf. Game over.
Shearer hatte England nach drei Minuten in Führung gebracht und im Elfmeterschießen den ersten Schuss verwandelt, so wie schon vier Tage vorher gegen Spanien. „Üben ist ja schön und gut, aber man kann die Situation einfach nicht simulieren“, erzählte er mir. Trotz seiner persönlichen Bilanz – er traf auch 1998 gegen Argentinien, womit er mit drei Treffern bei drei Versuchen Englands erfolgreichster Schütze in Elfmeterschießen ist – waren seine Ausführungen von negativen Schlagwörtern durchsetzt. „Einem solchen Druck ausgesetzt zu sein, wünsche ich meinem schlimmsten Feind nicht“, fuhr er fort. „Der Gang zum Punkt kommt einem vor, als wäre er 40 Meilen lang. Und es sind gar nicht so sehr die 80.000 Menschen im Stadion oder die 30 Millionen am Fernseher, die einen nervös machen. Es sind die zehn Teamkollegen hinter einem. Der Druck, es auch für sie tun zu müssen, ist größer als alles andere.“
Herrschten diese negativen Gedanken auch zwei Jahre später noch vor, als England im WM-Achtelfinale in Saint-Étienne auf Argentinien traf? Gewiss war die Niederlage von 1996 ein größeres Trauma als die von 1990. England war der Gastgeber, Deutschland der Gegner, und es war wieder ein Elfmeterschießen gewesen. Die Regenbogenpresse hatte vor dem Spiel mit militärischen Metaphern Stimmung gemacht – der Daily Mirror trieb es mit der Schlagzeile „Achtung Surrender!“ ein bisschen zu weit, und Teamsponsor Vauxhall zog sämtliche Anzeigen aus dem Blatt zurück. England aber enttäuschte erneut.
„Uns war klar, dass die Medien das Spiel zu einem Krieg stilisiert hatten, aber für uns war es das keinesfalls“, meinte Kuntz dazu. „Schauen Sie, selbst unsere Eltern hatten mit dem Krieg nichts mehr zu tun, er lag zwei Generationen zurück, deswegen verstanden wir die Schlagzeilen nicht. Für die englische Mannschaft wäre es wohl hilfreicher gewesen, es wäre weniger von Krieg und Geschichte die Rede gewesen und man hätte sich ganz auf den Fußball konzentriert. Ich glaube, dass die Medien das Spiel zu sehr aufgebauscht und dadurch den Druck auf die Spieler noch erhöht haben.“ Das war der Moment, in dem die Angst vor Elfmeterschießen in der englischen Psyche zu keimen begann. Die Engländer hatten das Pech, nur kurze Zeit später in das nächste verwickelt zu werden, wiederum gegen eine Nation, mit der sie sportlich und politisch eine schwierige Beziehung verbindet: Argentinien.
Читать дальше