1 ...8 9 10 12 13 14 ...17 Ergibt ja auch Sinn: Stellen Sie sich einen Neunjährigen vor, nennen wir ihn Ashley, der England zum ersten Mal bei einem großen Turnier sieht, wo es dann im Elfmeterschießen scheitert. Das hinterlässt Spuren. Ashley wächst heran und wird seinerseits Fußballer, England verliert zwei weitere Male im Elfmeterschießen. In der Jugend spielt er selbst für sein Land, das zwei weitere Elfmeterschießen auf großer Bühne verliert. Schließlich wird Ashley Profi, im Verein schießt er regelmäßig Elfmeter, aber die Vorstellung, dass es eigentlich unmöglich ist, mit England ein Elfmeterschießen zu gewinnen, ist längst in ihm verwurzelt. Er ist 31 und ein alter Hase, als er selber für England vom Punkt antreten muss. Er verschießt.
Das bestätigt wiederum sozialpsychologische Studien, die zeigen, dass sich schlechte Erfahrungen weitaus dramatischer auswirken als gute. 2Beim Elfmeterschießen verdichtet sich dieser Effekt: Nicht die gute Leistung der einen, sondern das Versagen der anderen Mannschaft macht bei den meisten Elfmeterschießen den Unterschied. Englands Scheitern führt zu weiterem Scheitern. Aber warum scheitern sie überhaupt?
Als Psychologe hat Jordet zwei Strategien ausgemacht, auf die Elfmeterschützen sich verlegen, wenn sie besonders nervös sind – Vermeidungsstrategien. Bei Spielern, die regelmäßig Elfmeter schießen, sind sie weniger bedeutsam, weil sie möglicherweise Teil einer einstudierten Routine sind, aber bei Spielern, die es nicht gewohnt sind, vom Punkt anzutreten – „die für mich interessanteren, denn bei ihnen geht es um reine Psychologie“, so Jordet –, korrelieren sie mit der Leistung. 3
Die eine Strategie ist, sich vom Tor abzuwenden und den Blickkontakt mit dem Torhüter zu meiden, nachdem man sich den Ball zurechtgelegt hat. „Man kann sich nicht ewig abwenden, irgendwann muss man sich umdrehen und sich dem Druck stellen“, sagte Jordet. Er klickte durch unzählige Bilder von Spielern, die im Mittelkreis stehen und sich von dem Strafraum, in dem die Elfmeter geschossen werden, abwenden: Paul Ince bei der EM 1996, zwei Jahre vor seinem Fehlversuch bei der WM 1998; Ricardo Carvalho bei Chelseas Niederlage im Champions-League-Finale 2008 in Moskau (bei der übrigens auch Teameigner Roman Abramowitsch, die Hände hinterm Kopf verschränkt, auf seine Füße starrte); Oleg Blochin schaute sich als Trainer der Ukraine den Sieg seiner Mannschaft im Elfmeterschießen gegen die Schweiz bei der WM 2006 von der Kabine aus an, weil er es nicht ertragen konnte.
Dann rief Jordet die Statistik der Spieler auf, die sich nach dem Zurechtlegen des Balls vom Tor abwenden:
Abbildung 5
Wie Abbildung 5 zeigt, kehrten satte 57 % der englischen Spieler dem gegnerischen Torwart den Rücken zu, gegenüber 17 % der Holländer und nur 5 % der Spanier. Diese Zahlen sind nicht deswegen so interessant, weil England an der Spitze steht, sondern weil keine andere Nation sich auch nur annähernd so häufig auf diese Vermeidungsstrategie verlegt. Für sich genommen ist das kein klarer Hinweis auf die Leistung, aber im Verbund mit der anderen Vermeidungsstrategie – der überhasteten Ausführung – ergibt sich ein deutlicher Zusammenhang. Abbildung 6 zeigt die Reaktionszeiten der Schützen nach dem Pfiff des Schiedsrichters, mit dem der Schuss freigegeben wird.
Die Unterschiede zwischen diesen Werten – nur Bruchteile von Sekunden – erscheinen nicht besonders groß, aber sie sind nicht von der Hand zu weisen (zum Vergleich: Usain Bolts durchschnittliche Reaktionszeit am Start liegt bei 0,17 Sekunden). Keine Nation beeilt sich beim Elfmeterschießen so sehr wie die Engländer, die eine durchschnittliche Reaktionszeit von 0,28 Sekunden aufweisen. Jamie Carragher musste gegen Portugal einen Versuch wiederholen, weil er sich beim ersten zu sehr beeilt hatte (was er im Übrigen auch beim zweiten tat). 1996 schien Gareth Southgate noch auf dem Weg zu seinem Startpunkt zu sein, als der Schiedsrichter pfiff, woraufhin Southgate abrupt innehielt und den Anlauf begann. In seinem Buch Woody and Nord schrieb er: „Ich wollte nur den Ball, ihn auf den Punkt legen und es hinter mich bringen.“ Chris Waddle äußerte sich über seinen Fehlversuch von 1990 ähnlich: „Ich wollte nur, dass es vorbei ist.“
Abbildung 6
Steven Gerrard war vor seinem Elfmeter gegen Ricardo bei der WM 2006 sogar noch ungeduldiger. In Gerrard: My Autobiography schrieb er: „Ich war bereit. Elizondo war es nicht. Pfeif endlich! Komm aus dem Quark, Schiri! Worauf wartest du? Der Ball lag auf dem Punkt, Ricardo stand auf der Linie. Warum ließ der blöde Pfiff auf sich warten? Die paar Sekunden kamen mir wie eine Ewigkeit vor und haben mich definitiv aus dem Konzept gebracht. Weiß er nicht, dass ich nervös bin? Herr im Himmel! Innerlich schrie ich. Im Training war alles so einfach: Ball hinlegen, ein paar Schritte zurück, Anlauf, Tor. Kein Warten, keine Anspannung. Jetzt war es anders. Weil Elizondo alles hinauszögerte. Endlich pfiff er, aber meine Konzentration war dahin. Im Moment des Ballkontakts wusste ich schon, dass er nicht dorthin ginge, wo ich ihn haben wollte. Ich lag fast einen halben Meter daneben, was Ricardo die Sache leichter machte. Gehalten. Albtraum.“
Jordet erzählte mir, dass die Spieler einen Elfmeter doppelt so schnell ausführen, wenn sie unter großem Druck stehen, und dass ein relativ großer Anteil der Spieler, die ihren Versuch schnell ausführen – wozu auch gehört, den Ball schnell zu nehmen und zurechtzulegen –, scheitern. Er zeigte mir ein Video von Marco van Basten, der in seiner Karriere mehr als 100 Elfmeter schoss. Er galt als bester Spieler der Welt, als er im EM-Halbfinale 1992 gegen Dänemark im Elfmeterschießen antrat. Van Basten legte sich den Ball viel schneller zurecht als sonst und scheiterte am dänischen Schlussmann Peter Schmeichel.
Eine Mannschaft, die kürzlich ein norwegisches Pokalfinale erreichte, wurde auf diesen Umstand aufmerksam gemacht. Das Spiel ging ins Elfmeterschießen. Zwei Spieler wurden fast verwarnt, weil sie sich so viel Zeit ließen – elf Sekunden –, bis sie schossen. Beide trafen. Jordet warnt davor, aus diesen Ergebnissen die falschen Schlüsse zu ziehen. Die Zahlen besagen, dass viele Spieler verschießen, weil sie einen Elfmeter überhastet ausführen. Umgekehrt heißt das aber nicht, dass sie umso wahrscheinlicher treffen, desto mehr Zeit sie sich lassen. „Fünf bis zehn Sekunden zu warten, kann wieder andere psychische Herausforderungen heraufbeschwören, mit denen der Spieler umzugehen hat, beispielsweise, sich zu viele Gedanken über den Bewegungsablauf zu machen. Mein Rat wäre, eine überhastete Ausführung zu vermeiden, indem man den Spielern einfach nahelegt, vor dem Schuss noch einmal tief durchzuatmen, für eine Sekunde oder eine halbe, nicht unbedingt mehr.“
Da die durchschnittliche Trefferquote vom Punkt etwa 78 % beträgt, ist bei jedem Elfmeterschießen mit einem Fehlschuss zu rechnen. Dieser Wert sinkt auf 71 % bei Weltmeisterschaften, was nach Jordets Auffassung ein Hinweis darauf ist, wie sich der erhöhte Druck auf die Spieler auswirkt. Für Mannschaften, die auf England treffen, steigt der Wert allerdings. Schauen wir uns noch einmal die Abbildungen 1 und 2 an. In den sieben Elfmeterschießen, die England bei Welt- und Europameisterschaften bestritten hat, trafen die Gegner 83 % (29 von 35) ihrer Schüsse. Die Engländer selbst verwandelten nur 66 % (23 von 35), und Jordet glaubt zu wissen, warum sie so weit unter dem Durchschnitt liegen.
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