„Du hast recht, Mutter! Und gerade wir Frauen können da helfen.“
„Vielleicht! — vielleicht auch nicht!“ fügte sie resigniert hinzu. „Bei deinem Vater ist es mir bisher nicht gelungen.“
Draußen ging die Tür.
„Sie kommen!“ sagte Elisabeth.
Frau Jenny schüttelte ungläubig den Kopf, sah nach der Uhr und sagte:
„Um zwei Uhr? Das wäre seit Monaten das erstemal, daß Papa so früh nach Hause kommt.“
Es war Erich, der mit Mantel und Hut erregt ins Zimmer stürzte. Noch in der Tür rief er:
„Gut, daß du noch auf bist, Elisabeth! Ich muß dich sprechen.“
„Mitten in der Nacht?“ fragte Frau Jenny. „Wo sind die andern?“ Und besorgt fügte sie hinzu: „Es ist doch nichts passiert?“
„Die baden in Sekt,“ erwiderte Erich. „Als ich fortging, stieg eine Filmdiva in dem soeben errungenen Schönheitspreis, einem Seal im Werte von hunderttausend Mark, auf den Tisch und hielt eine Rede: ‚Kinder!‘ sagte sie, ‚ihr habt, indem ihr mir den Schönheitspreis — übrigens mein elfter Pelz! — gabt, entschieden Geschmack entwickelt. Mein Freund‘ — und neben ihr stand ein dickbäuchiger Börsianer mit taubeneigroßen Perlen im Frackhemd — ‚ehrt euern Geschmack, indem er für jeden Tisch eine Flasche Sekt spendet.‘ — Beifallsbrüllen und Getrampel war die Antwort. — ‚Deutschen oder französischen?‘ schrie grell die Stimme eines Mannes, die mir bekannt schien. Unter Pusten ließ sich der dicke Börsianer auf den Tisch heben, legte den Arm um die Diva und sagte: ‚Sieht die Frau nach deutschem Sekt aus?‘ — Dabei wies er auf die Stelle, wo die Diva zufälligerweise etwas anhatte, wies auf den Kopfschmuck, die Schuhe und Strümpfe, hob den kurzen Rock, so daß man ihr spitzenbesätes Seidenhöschen sah, und sagte: ‚Vom Kopf bis zum Zeh, alles, was Sie sehen und was Sie nicht sehen, stammt aus Paris!‘ — ‚Eine Schande!‘ rief irgendwer, wurde einem Sipo übergeben und flog an die Luft. Der dicke Börsianer aber lachte laut, hielt sich den dicken Bauch und rief: ‚Vergebt ihm, denn er weiß nicht, was er tut — er spekuliert vermutlich in Mark!‘ — Ein höllisches, höhnisches Gelächter war die Antwort. Auf dem Nebentisch stand plötzlich ein breiter Amerikaner, der wie eine Bulldogge aussah, griente und die Zähne zeigte. ‚Ruhe!‘ schrie man, und der Amerikaner brüllte: ‚Meine lieben Germans. Ich will wechseln eine Pfund und noch eine Pfund und will davon bezahlen alles, was ihr tut trinken bisher und was ihr trinken hinterher.‘ — Man jubelte ihm zu. Und tausend Stimmen schrien: ‚Es lebe der Dollar!‘ Vater ließ den Amerikaner hochleben.“
„Schändlich!“ schalt Elisabeth, und Frau Jenny schloß die Augen und sagte:
„Schamlos!“
Erich aber, der einen roten Kopf hatte und noch immer im Mantel stand, fuhr fort:
„Die Kapelle spielte irgendeinen blöden Niggersong, die blöde Gesellschaft hielt es für die amerikanische Nationalhymne, sprang auf und sang mit Hingabe und Begeisterung die Melodie mit.“
„Und der Amerikaner?“ fragte Frau Jenny.
„Der tanzte plötzlich auf dem Tisch den Niggertanz, wurde auf die Schultern gehoben und unter Jubel durch den Saal getragen.“
„Dem Volk ist nicht zu helfen,“ sagte Elisabeth. Frau Jenny widersprach:
„Es ist nicht das Volk! Es ist minderwertiges Gesindel von Schiebern und Spekulanten, die auf solche Feste gehen und sich so aufführen.“
„Es ist die neue Gesellschaft!“ erwiderte Elisabeth, „die nach Zehntausenden zählt.“
„Aber es gibt auch Tausende, die das anekelt, wie es uns anekelt, die wie wir fühlen, daß Deutschland ein Trauerhaus ist, in dem man nicht tanzt, solange noch ein belgischer oder französischer Soldat als Polizist im Lande steht.“
Erich zuckte die Achseln und sagte:
„Als wenn es das wäre!“
„Was ist es denn?“ fragte Frau Jenny.
„Das Kapital!“ erwiderte der.
„Was hat denn das damit zu tun?“
„Es ist schuld an allem!“
„Seit wann sprichst du so?“ fragte Elisabeth.
Erich erschrak und verbesserte schnell:
„Das war nur so dahingesagt.“
„Aber, wenn du das Gefühl dafür nicht hast,“ erwiderte Elisabeth, „warum bist du dann so erregt davongelaufen?“
Erich sah seine Mutter an und sagte:
„Nimmst du es übel, Mama, wenn ich mit Elisabeth allein ...“
Frau Jenny lächelte und sagte:
„Durchaus nicht! Du bist bei ihr genau so gut aufgehoben wie bei mir. Und ich wäre sehr froh, wenn du dich ihr in allem anvertrautest.“ Sie sagte ihren Kindern gute Nacht und ging.
Erich, knapp zwanzig, aber wichtig, als habe er ein Ministerportefeuille zu verwalten, stellte sich vor Elisabeth, deren Gedanken während des ganzen Gespräches bei Reinhart gewesen waren, hin und sagte:
„Du wirst staunen.“
„Nanu?“ erwiderte die.
„Ich bin nicht der, für den du mich hältst.“
„Was bedeutet das?“
„Also, für was hältst du mich?“ fragte er bedeutungsvoll.
„Für den verzogenen Sohn eines sehr reichen Vaters, der nichts anderes gelernt hat, als gut tanzen, Geld ausgeben und sich wichtig zu machen.“
„Danke!“
„Verzeih meine Offenheit, aber du weißt, ich kann nicht heucheln.“
„Ich aber habe es bisher getan.“
„Inwiefern?“
„Ich bin Kommunist!“
Elisabeth mußte lächeln.
„Du weißt, scheint’s, nicht, was das ist.“
Erich entwickelte mit Pathos das kommunistische Programm. Elisabeth hatte die Augen halb geschlossen und dachte an Reinhart. — Als Erich zu Ende war, sagte sie:
„Und die Nutzanwendung?“
„Die durfte ich im Interesse der guten Sache nicht ziehen.“
„Durftest es nicht? Wer hat es dir verboten?“
„Wilhelm Fürst.“
„Dacht’ ich’s mir doch.“
„Er ist unser geistiger Führer.“
„Der streng nach dem Programm lebt?“ fragte Elisabeth. —
Erich schwieg.
„Oder tut er es etwa nicht?“
„Wie kommst du zu der Frage?“ rief Erich erregt. „Du weißt etwas!“
„Er gefällt mir nicht.“
Da widersprach Erich und setzte sich lebhaft für Fürst ein.
„Er opfert sich,“ beteuerte er. „Du hättest ihn sehen sollen.“
„War er etwa auch auf dem Filmball?“
„Allerdings — das heißt beruflich.“
„Dann hat er wohl auch beruflich Champagner getrunken und Foxtrott getanzt?“ fragte Elisabeth, die für Augenblicke Reinhart vergaß.
„Allerdings!“
„Das lasse ich mir gefallen. Auf die Methode möchte manch einer Kommunist sein.“
„Du hast keinen Grund, ihn zu verhöhnen.“
„Im Gegenteil! Ich bewundre ihn.“
„Ich sah ihn mit ein paar Damen in einer Loge und suchte ihn auf.“
„Er war wohl sehr überrascht, dich auf dem Ball zu sehen?“
„Offen gesagt, ich genierte mich.“
„Und er?“
„Er sagte leise zu mir, damit die Damen es nicht hörten: ‚Was glaubst du, wie mich das hier anekelt? Aber ich muß die Bourgeoisie da aufsuchen, wo sie am aufdringlichsten und frechsten ist.“
„Warum muß er?“ fragte Elisabeth.
„Weißt du es wirklich nicht? Ich hätte dich für klüger gehalten! Um Studien zu machen — wozu wohl sonst? Man muß doch kennen, was man bekämpft.“
„Ich finde, man sollte mit gutem Beispiel vorangehen, wenn man sich als Menschenbefreier und Weltbeglücker aufspielt.“
„Aber Elisabeth, dadurch, daß er in die Volksküche geht, bekehrt er doch diese Menschen nicht.“
„Gewiß nicht! Aber wenn er auf die Rede des Dollarkönigs erwidert hätte: Wir haben der Entente so viel Opfer zu bringen, daß wir uns nichts vergeben, wenn wir das Angebot des Amerikaners annehmen. Dafür aber soll jeder die Hälfte seiner Zeche, die der Amerikaner übernimmt, für notleidende deutsche Kinder opfern — so hätte er damit ein gutes Werk getan.“
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