„O nein, Papa, das sind die elementarsten Sätze christlicher Ethik.“
Iwan Schiff versuchte, dem Streit, der drohte, den Boden zu entziehen, indem er das Ganze ins Lächerliche zog und mit Pathos sagte:
„Geh’ in ein Kloster, Elisabeth!“
Aber die erwiderte:
„Laß deine Scherze! dazu sind die Dinge zu ernst.“
„Ich habe mir nur erlaubt, Maria Stuart zu zitieren,“ erwiderte er.
„Iwan! was fehlt dir?“ rief Edith. „Du und die Klassiker! Und noch dazu Schiller! Wie ist das möglich neben all den Devisen und Effekten?“
Lotte, die Jüngste, legte den Arm um Edith und sagte:
„Beruhig’ dich, es fehlt ihm nichts. Schiller hat nie etwas auch nur Aehnliches gesagt.“
Iwan Schiff wurde nervös:
„Unseren Kenntnissen in Effekten und Devisen verdankt ihr Fuhrwerk, Auto, Villa, Reisen — ich weiß nicht, ob aus dem Studium Goethes oder Schillers Aehnliches herausspringt.“
„Es gibt Menschen, die ohne Auto und Villa glücklich sind,“ sagte Elisabeth.
„Also da haben wir’s!“ rief der Alte. „Dazu schickt man seine Kinder in die Kirche, damit sie revolutionär und gegen die Eltern aufgehetzt werden.“
„Du übertreibst, Leopold,“ vermittelte Frau Jenny. „Du bist es ja nicht, der die Kinder in die Kirche schickt, sondern sie gehen teils aus eignem Antrieb, teils mir zuliebe ...“
„Und mir zuliebe werden sie von nun ab nicht mehr gehen!“ unterbrach sie Grothe.
Frau Jenny überhörte es — oder sie tat doch so — und fuhr fort:
„Und was sie dort hören, ist weder revolutionär, noch Verhetzung. Was Pastor Anger predigt, ist die Quintessenz der christlichen Lehre. Steht das aber im Widerspruch mit unserer Ethik und Lebensführung, dann werden am Ende nicht unsere Kinder, sondern wir gut daran tun, uns zu prüfen, ob nicht wir uns auf falscher Bahn bewegen.“
„Ich sag’ es ja!“ rief der Alte. „Kommunismus in Reinkultur! Die Kinder lehren die Eltern, die sich auf falscher Bahn bewegen. Der Schülerrat verfügt über die Lehrer, der Kinderrat über die Eltern.“ — Er lachte laut auf und fragte seinen Sohn, der eben ins Zimmer trat: „Gestattest du, Erich, daß ich noch einen Schluck Tokayer trinke?“
„Lieber Leopold,“ sagte Frau Jenny, „du verstehst mich falsch.“
„Natürlich! Wir verstehen uns überhaupt nicht. Längst nicht mehr.“
„Wir haben uns aber früher glänzend verstanden, und es gab nichts, worüber wir nicht derselben Meinung waren.“
„Bis vor ein paar Jahren, wo ich ein anderer wurde.“
„Da hast du’s! Du wurdest ein andrer. Ich aber bin dieselbe geblieben.“
„Das ist es ja, daß du, während ich groß wurde und mich emporgewickelt habe, stehengeblieben bist,“ sagte der Alte.
„Für deine Art Geschäfte und deine Lebensführung werde ich nie Verständnis aufbringen.“
„Jenny! was fällt dir ein?“
„Wie du dein Geld verdienst, geht mich vielleicht nichts an — obschon ich wünschte, es wäre weniger und auf andre Art. Aber das Leben, das du führst, empört mich. Nicht meinetwegen — ich verlange längst keine Rücksicht mehr — aber der Kinder wegen, für die ich einstehe und von denen ich Achtung auch dem Vater gegenüber fordere. Darum, Leopold, bringe mich nicht in Konflikt mit meinem Gewissen!“
„Was fällt dir ein, die Kinder gegen mich aufzuhetzen!“
„Ich will sie im Gegenteil zu dir zurückführen.“
„Eine sonderbare Methode, das muß ich sagen.“
„Du siehst ja nicht einmal, daß du sie verloren hast.“
„Kein Wunder, wenn die Mutter eine solche Sprache führt.“
„Es ist das erstemal, Leopold, daß ich in ihrer Gegenwart so spreche — nachdem ich es hundertmal ohne sie versucht habe.“
„Das ist ja die reine Verschwörung!“
„Im Gegenteil, Leopold, es ist der ehrliche Versuch, dich uns zurückzugewinnen. Wir alle sehnen uns nach einem Familienleben, wie wir es vor dem Kriege führten.“
„Die Welt hat sich umgestellt,“ erwiderte der Alte. „Nur ihr seid stehengeblieben.“
„Ich bin Mutter geblieben! Und mein Verantwortungsgefühl und meine Pflichten gegenüber meinen Kindern haben sich nicht geändert! sind die gleichen, die sie vor dem Kriege waren. Und wenn ich dir zuliebe statt der schlichten Einsegnungskette jetzt auch Perlen trage und in einem Fuhrwerk mit den Kindern zur Kirche fahre — ich bin darum innerlich doch die geblieben, die ich war!“
„Glaubst du, mir ist gleichgültig, was aus meinen Kindern wird?“
„Möglich, daß du dich darin auf mich verläßt.“
„Leider habe ich das getan! Nun sehe ich, wie falsch das war!“
„Danke mir auf Knien dafür! Hätte ich dein Leben mitgeführt, wäre ich dem Vergnügen nachgejagt, wie andere Frauen, alle Nachmittage und Abende aus dem Hause gewesen, statt mich um die Kinder zu kümmern — möglich, daß sie dann so geworden wären, wie du sie wünschst.“
„Pastoren- und Oberlehrerstöchter sind freilich nicht nach meinem Geschmack. Meine Töchter können sich den Luxus gestatten, als Damen von Welt in der großen Gesellschaft eine Rolle zu spielen.“
„Ich habe sie weder zu dem einen noch zu dem andern erzogen — vielmehr zu aufrechten, gottesfürchtigen Menschen mit Verantwortungsgefühl. Sie werden daher neben einem Oberlehrer oder Pastor genau so bestehen wie in der großen Welt an der Seite eines Prinzen.“
„Na also, wozu erregst du dich dann?“
„Weil ich euch fürchte!“
„Wen?“
„Dich und deinen Schwiegersohn.“
„Na da hört’s auf!“ rief Iwan Schiff.
„Er ist dein Schwiegersohn so gut wie meiner!
„Das denke ich doch auch, Mama!“ sagte Edith. Aber Frau Jenny widersprach:
„Du bist ein Jahr lang von mir fortgewesen, mein Kind. Es war das wichtigste Jahr in deiner Entwicklung!“ Sie legte den Arm um Edith. „Ich will dir nicht wehtun, Kind, aber du fühlst es ja selbst, daß du anders bist als deine Schwestern.“
Sie wandte sich wieder an ihren Mann, wies auf Elisabeth und Lotte und sagte: „An die aber kommt ihr mir nicht heran! Die schütze ich! Darum dieser Auftritt! Weil ich sehe, daß ihr versucht, sie zu euch hinüberzuziehen.“
„Schätzt du uns so ein, Mama?“ fragte Elisabeth.
„Na, da wollen wir doch gleich mal die Probe aufs Exempel machen,“ erwiderte der alte Grothe, griff in die Tasche und zog eine handvoll Theaterkarten hervor: „Hier habe ich für heute abend die beste Loge für den Filmball im Marmorhaus. Kostenpunkt fünftausend Mark.“
„Dafür kann man fünfzehn unterernährte Kinder sechs Wochen lang aufs Land schicken,“ sagte Elisabeth.
„Oder fünfundzwanzig Flaschen französischen Champagner trinken,“ erwiderte Iwan Schiff.
„Diese beiden Antworten beleuchten mit einem Schlage die beiden heut’ herrschenden Weltanschauungen“, sagte Frau Jenny, „und zeigen, daß es zwischen euch“ — dabei wies sie auf Iwan Schiff und ihren Mann — „und uns“ — dabei stellte sie sich wie zum Schutz vor Elisabeth und Lotte — „keine Verständigung gibt.“
„Es gibt eine Verständigung zwischen Menschen, die zusammengehören,“ widersprach Elisabeth ihrer Mutter, — „gleichviel ob es sich um Mann und Frau, um eine ganze Familie oder gar um eine Nation handelt.“
„Glaubst du wirklich?“ fragte Frau Jenny, und Elisabeth erwiderte:
„Ich habe den festen Glauben!“
„Wenn du den Glauben hast,“ sagte die Mutter — „ich habe ihn längst nicht mehr — dann versuche du es!“
„Ich will es tun, Mama!“
Der alte Grothe und Iwan Schiff sahen sich an, Iwan schüttelte den Kopf, aber der Alte, der noch immer die Billette in der Hand hielt, trat an Elisabeth heran und sagte:
„Dann gehen wir also?“
„Wohin?“ fragte Elisabeth.
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