„Du wirst begreifen, Elisabeth, daß ich in dieser Not die Stunde meiner Errettung aus den Händen des Obersten Petitdenange vom 52. Kolonialregiment, die ich aus Liebe zu dir einst gesegnet hatte, verwünschte. Ich sah mich, wieder zu Bewußtsein kommend, inmitten meiner Kameraden, in jenem Rettungstrupp von Verwundeten, Kranken und Aerzten. Eine kurze Strecke hinter der letzten Linie stand der Oberst mit einer Schar seiner Grenadiere und hielt jeden seiner Soldaten an, der nicht den Mut gehabt hatte, uns arme Teufel, die wir um Schonung baten, zu ermorden. Sie wurden beschimpft und nach vorn geschickt. Die deutschen Gefangenen ließ der Oberst, wenn eine genügende Anzahl zusammen war, durch Handgranaten erledigen, nachdem er erst eine Zeitlang an ihrer Angst sich geweidet hatte. Wie durch ein Wunder bin ich diesem Massenmord damals entkommen. Meine Verwundung am Oberschenkel machte es mir unmöglich, zu stehen, ich legte mich lang, wurde für tot gehalten und von zwei Mann und einem Unteroffizier fortgeschleppt, um später mit den ermordeten Kameraden verscharrt zu werden. — Wäre ich es nur!“ rief er mit leidverzerrtem Gesicht! „Hätte ich damals gewußt, was mir in Abomey bevorstand, ich hätte mich lebendig begraben lassen und hätte für diese Gnade Gott gedankt!“
Elisabeth wimmerte wie ein Kind und umschlang seine Knie, als wollte sie ihn zurückhalten, als empfände sie, daß er mehr als nur im Geiste fern von ihr war. So kam ihr auch gar nicht der Gedanke, den Erschöpften auf irgendeine Art zu stärken, ihn zu trösten und zu ermutigen. Sie fühlte, daß er fern von ihr war, erst einmal zu sich und dann zu ihr zurückfinden mußte.
Wenn du erst bei mir bist!
wollte sie sagen, mühte sich, brachte aber kein Wort heraus.
Daß er unter dem Eindruck des Wiedersehens auf dem Bahnsteig für Augenblicke ganz nur bei ihr gewesen war und sich für sie hatte opfern wollen, um ihre Jugend nicht an seinen lebenden Leichnam zu ketten, wußte sie nicht.
Reinhart erzählte weiter. Sie hörte ihn kaum. Erst nach einer Weile, als sie den Kopf hochrichtete und ihn ansah, rief sie:
„Und das Haar! das weiße Haar?!“
„Aus dem Lazarett, in dem ich von den Qualen wenigstens körperlich erholt, kam ich in das Lager, von dem ich dir erzählte. Meinem ersten Fluchtversuch, für den ich verhältnismäßig milde bestraft wurde, erfolgte zusammen mit drei Kameraden ein zweiter, der abermals mißlang, da ich mit meinem zerschossenen Bein liegenblieb. Man warf mir vor, auf der Flucht einen Soldaten, der auf uns schoß, durch einen Steinwurf im Gesicht verletzt zu haben. Es war nicht wahr, vielmehr hatte sich der Kerl, da er uns hatte entfliehen lassen — er wußte warum — die, übrigens harmlose Verletzung selbst beigebracht, um seine Unschuld zu beweisen und um nicht bestraft zu werden. Kurz und gut: ich sollte erschossen werden. Erspar’ mir die Erzählung der letzten Nacht, die ich in einem dunklen Loch in Gedanken mit dir verbrachte. Am nächsten Morgen führte man mich auf einen engen Hof hinaus. An einer Querseite standen die Soldaten mit ihren Gewehren; ihnen gegenüber stellte man mich auf. Ich war — dich vor Augen, Elisabeth! — ganz ruhig. Man legte mir, trotz meiner heftigen Widerrede, eine Binde um die Augen — und ich erwartete seelenruhig das Kommando. — Es kam nicht. — Nach einer Weile nahm man mir die Binde ab; ein Offizier sagte: „Morgen!“ — Ich wurde abgeführt. Und nun kam das Furchtbare, was nur perverse Gehirne sich erdenken können. Zehn Tage lang wiederholten sie die Quälerei. Zehn Tage und zehn Nächte lang lief ich, dem Wahnsinn nahe, in meinem dunklen Loch gegen die Wand. Mein Kopf war angeschwollen und schließlich nur noch eine einzige Beule. Zehn Morgen hintereinander stand ich, die Binde vor den Augen, vor den Gewehrläufen der französischen Soldaten. Immer fand sich ein neuer, plausibel klingender Grund, aus dem sie die Exekution auf den nächsten Tag verlegten. Die Minuten, die ich so stand und wartete, wurden mir zu Stunden. Schließlich, am zehnten Tage, als sie wohl merkten, daß ich dem Wahnsinn nahe war, erklärten sie mir, nachdem sie mir die Binde abgenommen hatten: „So! nun dürfte Ihnen die Lust zum Fliehen fürs erste wohl vergangen sein!“ — Ich war nicht mehr zurechnungsfähig, litt monatelang an Verfolgungswahn— aber die weißen Haare bekam ich über Nacht. Denn als ich am sechsten Tage wieder auf den Hof geführt wurde, sah ich das erstaunte Gesicht des Offiziers und hörte aus ihrer Unterhaltung, was für eine äußerliche Veränderung über Nacht mit mir vorgegangen war.“
Elisabeth hatte sich erhoben, saß jetzt neben ihm und hielt seine Hand. Er wandte den Kopf und sah sie an.
„Wenn du erst bei mir bist!“
sagte sie leise und schmiegte sich an ihn
Mit dem nächsten Morgen begann für das Haus Grothe ein kritischer Tag erster Ordnung.
Reinhart v. Loos war für die Nacht von Frau Jenny in dem Fremdenzimmer untergebracht worden.
„Es ist zwar nicht ganz korrekt,“ hatte sie zu Elisabeth gesagt. „Aber es gibt Fälle, in denen man nach seinem Gefühl handelt. Ich bekomme es nicht übers Herz, ihm zu sagen, er soll sich irgendwo ein Unterkommen suchen. Die erste Nacht wenigstens bleibt er hier.“
Reinhart v. Loos folgte wie ein Kind, dem man ein Märchen erzählt. Was hier geschah und mit ihm vorging, erschien so unwahrscheinlich, daß er es nicht für wirklich nahm und es für einen jener Fieberträume hielt, die er oft in Afrika gehabt hatte. Die Erinnerung daran und die Hoffnung auf Wiederkehr war es gewesen, die ihn immer wieder vor dem letzten Zusammenbruch bewahrt hatte. So fürchtete er auch heute, als Elisabeth ihm gute Nacht sagte und Frau Jenny ihn auf sein Zimmer brachte, daß diesem Traum am nächsten Morgen ein verzweifeltes Erwachen folgen werde.
Frau Jenny war von dem Zusammenbruch Reinharts so erschüttert, daß sie für Elisabeth zunächst kein Wort des Trostes fand. Erst gegen Mitternacht ging sie zu ihrem Kinde, das, wie sie es erwartet hatte, noch auf war und vor dem Bilde Reinharts saß. Es war die letzte Photographie, bevor er ins Feld ging. Ein Bild blühender Kraft und Jugend.
„Du mußt das nicht tun,“ sagte Frau Jenny und legte den Arm um ihr Kind. „Wenn du ihn lieb hast ...“
„Mutter!“ fiel sie ihr ins Wort und wandte den Kopf.
„Ich weiß! ich weiß!“ erwiderte die. „Und eben darum, Kind, mußt du vergessen, wie er aussah. Nur wenn du es überwindest, kann er überwinden.“
Elisabeth begriff.
„Es ist ja nicht meinetwegen, Mutter!“ sagte sie. „Ich werde ihn, wenn das möglich ist, nun noch lieber haben. Aber, wie er so weiterleben soll, das weiß ich nicht. — Wenn ich doch von heut auf morgen zwanzig Jahre älter werden könnte!“
„Du brächtest es fertig und tätest es!“
„Ich würde Gott auf Knien dafür danken.“
„Nein, mein Kind, das entgegengesetzte Verfahren ist das natürliche. Reinhart wird wieder jung werden.“
„Mutter! wenn das wäre!“
„Es wird sein! — Aus einem Fünfzigjährigen kann man keinen Jüngling machen. Man kann ihm die Haare färben und ihn in die Kleider eines jungen Mannes stecken — er wird darum nicht um einen Tag jünger. Aber ein Mensch von sechsundzwanzig, der überwindet, erholt sich und vergißt — zumal, wenn die Liebe seinen Willen stärkt.“
„Das glaubst du wirklich?“ fragte Elisabeth.
„Ich bin davon überzeugt. — Und was für Reinhart gilt, das gilt für alle, denen es geht wie ihm. Es sind Tausende, Hunderttausende! Es ist das ganze deutsche Volk, das krank ist an Körper und Seele. So nur darfst du beurteilen, was dich so bedrückt und was du siehst — nicht nur hier im Hause — überall ist’s so und noch schlimmer. Ein kranker Körper, der gesunden wird, wenn nur ein paar Hundert Menschen den Willen und die Kraft haben, zu heilen und zu helfen. Jeder muß mitwirken für sein Teil! Jeder muß, was er tut, für’s Ganze tun! Reinhart ist, wie jeder andere, nur ein Teil des Ganzen. Der Eine hat, wie er, mehr seelisch und körperlich gelitten; andere wieder, wie Ediths Mann, moralisch. Pflicht derer, die gesund geblieben sind, wie du und ich, ist es, zu heilen.“
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