An diesem Tag, als ich nichtsahnend auf der Bank saß, gesellte sich Jim zu mir. Der war umgeknickt und verlor den Anschluss zur Jogginggruppe. Stöhnend zog er den rechten Militärstiefel aus, am Knöchel konnte man eine Schwellung deutlich erkennen. Jim fluchte leise und wollte pflichtbewusst weitergehen. Ging aber nicht. In genau diesem Moment richteten sich unsere Blicke gleichzeitig auf den Bollerwagen. Und ich sah meine Felle (also mein Trikot) nun endgültig davonschwimmen. Denn wenn der sich da jetzt reinsetzt und ich seinetwegen meine Schicht nicht ordnungsgemäß zu Ende brachte, wäre das Kapitel „Angeben im Originaltrikot“ bis auf Weiteres geschlossen.
Aber ich war ja gut erzogen, und die Freunde aus Übersee mochte ich gut leiden. So schob ich Jim also in meinem Bollerwagen zur Kaserne. Der studierte dabei interessiert meine Flyer und fand die Hähnchenkeule „amazing“. Es war der Anfang einer langen Freundschaft, und als Dank für den Fahrdienst lud er mich spontan zu einer Pizza ein. Diese gab es in zwei Buden, die vor dem Kasernengelände auf Kundschaft warteten. Die linke davon war die bessere. Wir Kinder durften nie hin, weil dort ja die Zupfer herumlungerten. Aber endlich war ich an der Reihe. Und wie! Pizza Americana. Mit Hackfleisch und viel Käse. Was Besseres hatte ich im Leben nicht gegessen. Sollte ich einmal wissen, dass ich nur noch einen Tag zu leben hätte, schnell würde ich noch mal hierher fahren und diese Leckerei ein letztes Mal verspeisen.
Ich jedenfalls habe Jim aus Oregon viel zu verdanken: einen freien, weiten Blick. Die Neugier, Dinge zu probieren und Zweifel abzuschütteln. Scheitern und weitermachen. Und einen passablen Musikgeschmack, der bis heute anhält. Doch das Wichtigste war: Ich bekam mein erstes „echtes“ Clubtrikot. Er spendierte es mir. Obwohl er mit Fußball nichts anzufangen wusste, war er vermutlich der erste Zupfer im Fanshop, der für den Club in harten Dollars bezahlte. Dazu fällt mir nur noch eins ein: amazing.
KURZER THRILLER IM
TRIKOT (TEIL 1)
Ich hatte es! Es war vollbracht. Fiat Lux. Ich strahlte wie sämtliche fränkische Weihnachtsmärkte zusammen. An meinem Körper klebte endlich ein offizielles Trikot des 1. FC Nürnberg. Zuhause hörte ich bei der Präsentation meines edlen Gewandes: „Für des Geld häst a was anderes kaufen könna.“
Trotz der verweigerten La-Ola-Welle meiner Eltern musste dieses Ereignis natürlich gebührend gefeiert werden. Denn das Emblem auf meinem Herzen fühlte sich gigantisch an – ungefähr so, als ob ein fünftklassiger Amateurverein, den Meister im Pokal zugelost bekam. Meine vereinsinterne Party stieg an einem Sonntagnachmittag im Xenon, einer Nürnberger Diskothek, die für Minderjährige eine Art „Teeparty“, nur mit flotteren Weisen, veranstaltete. Ich also mit meinem Trikot mitten rein ins pubertäre Treiben. Auf der einen Seite wir Dampfbacken, auf der anderen Seite die lokalen Mauerblümchen. Und auf der Tanzfläche tanzte der Club! Also ich! Es war mir so was von egal, dass Trikotträger außerhalb des Stadions in damaligen Zeiten eher in die Kategorien Problemkind, Schulabbrecher, Alkoholiker, Sträfling und letztendlich Zwangseinweisung in die Klapsmühle, rutschten.
Michael Jackson brüllte gerade „Thriller“ aus den Boxen in mein rechtes Ohr. Die Zeit war reif. Mein Trikot sollte Schweiß zu spüren bekommen, also zappelte ich los. Gegen meinen Moonwalk war ein Sturmlauf von „Eckes Eckstein“ ein laues Lüftchen. Das Clubleibchen verlieh mir Flügel, und das alles ohne diese Brause, vor der wir damals glücklicherweise noch nichts ahnten. Doch bei „Billie Jean is not my lover“ geschah es. Ich verstolperte den Ball, der doch bis dato so locker leicht an meiner linken Klebe hing. Denn ich sah grün. Da flatterte doch tatsächlich ein Fürther Trikot zwischen den wogenden Reihen.
Und das böseste Wesen aller tanzte mich sogar an. Doch je näher ich seinen Klauen geriet, musste ich erkennen, in diesem Fetzen Stoff steckte ein ganz hinreißendes weibliches Geschöpf. Meine Gefühlswelt geriet in Wallung und komplett durcheinander. Als der ambitionierte DJ zudem noch Kunsteis auf uns sprühte und Michael „The girl is mine“ zwitscherte, fiel mir eine Stelle in der Bibel ein, die hatte ich mir im Religionsunterricht genau gemerkt. Da rannten irgendwelche weg und wenn sie sich umdrehten, was sie partout nicht durften, erstarrten sie zu Stein. (Man möge mir meine christliche Ungenauigkeit an dieser Stelle bitte verzeihen.)
Nun lag es an mir, den Ball zu versenken oder doch noch an einen besser platzierten Mitspieler abzugeben. Ich stand unter der rotierenden Diskokugel und eines war klar. Wenn ich dieses Kleeblatt pflückte, würde ich zu Stein erstarren. Doch ihr umwerfendes Lachen umspielte meine Abwehr locker und drang in meinen Strafraum ein, denke ich noch, als ich den ersten richtigen Kuss meines Lebens von einem Mädchen bekam. Wir reden hier nicht von Händchen halten in den Lochgefängnissen! Kathrin aus Mögeldorf hatte gerade einen Mann, wenigstens einen halben, aus mir gemacht.
Ich bin dabei damals ganz bibelfest erstarrt, sie seltsamerweise nicht. „Beat it“, schrie mich Herr Jackson an. Ich musste die Anweisung des King of Pop leider ignorieren. Denn eines wurde mir schon bald vor Augen geführt. Deinen ersten Trikotwechsel vergisst du nie!
KURZER THRILLER IM
TRIKOT (TEIL 2)
Eingefleischte Clubfans besitzen irgendeinen Spleen, so eine Art persönliche Visitenkarte. Heutzutage tätowiert sich der schmerzlose Supporter schon mal die gesamte Mannschaft auf den Rücken. Da diese Art der Körperverschönerung damals nur während lebenslanger Haft unter brutalen Banden in der JVA Mannertstraße vorkam, bevorzugte ich ein anderes Ritual. Ich zog mein neues Trikot einfach nicht mehr aus. Es mutierte zu meiner zweiten Haut.
Die elterlichen Reaktionen erspare ich dem geneigten Leser, nur so viel: Ich ertappte meine Mutter immer öfters dabei, dass sie mich mit ihrem FA Deodorant heimlich besprühte. Nach Veilchen duftend war ich wieder mal unterwegs nach Gostenhof, um beim Fabrikverkauf vom Brezen Kolb ordentliches Laugengebäck zu bunkern. In der U-Bahn-Station Aufseßplatz kam es zu einem folgenschweren Zusammentreffen mit zwei Jugendlichen in Bayerntrikots. Wohlgemerkt Nürnberger Jungs in Bayern Trikots. Und Bayern spielte überhaupt nicht gegen Nürnberg, weil es ein Dienstag war und meine Ruhmreichen gerade in der zweiten Liga drauf und dran waren, den festgeklemmten Fahrstuhl nach oben zu bugsieren.
Also trugen diese (ziemlich großen und kräftigen) Typen ihre Bayerntrikots freiwillig zum Spaß. Und das mitten in der Frankenmetropole. Für mich weder denkbar oder aussprechbar noch irgendwie verständlich. Wer besucht den Vatikan unbekleidet, wer grillt beim Jahrestreffen des Tierschutzvereins? Keiner! Wer rennt in Nürnberg mit Bayerntrikots herum? Auch keiner. Aber die taten es. Sogar freiwillig. Frank & frei! Es musste also zum Showdown kommen. Frühes Pressing meinerseits war angesagt. Folgender Dialog soll sich fast genau so und ungefähr zugetragen haben.
Die Ehrlosen: „Eeeeh, du Clubberer!“
Schweigen.
Die Ehrlosen: „Wo spielt der Club zur Zeit? Dritte oder zweite Liga?“ (Höhnisches Gelächter)
Schweigen.
Die Ehrlosen: „Ist der Fetzen euer neues Trikot!? Da ist ein Wischlappen aus dem NKD noch schöner!“
Schweigen.
Die Ehrlosen näherten sich dem stolzen, zitternden Clubfan und entkleideten diesen oberhalb der Gürtellinie. Obwohl er kämpfte, konnte er gegen diese bajuwarische Übermacht nichts ausrichten. Nur noch im Unterhemd mit ALF als Konterfei verließ er geschlagen das Feld. Er hat alles gegeben, doch in diesem unfairen Spiel sollte es einfach nicht sein. Wenn mein erster Boxhieb vielleicht nicht knapp ins Leere gegangen wäre, hätte das garantiert einen anderen Verlauf genommen. Was aus meinem Trikot geworden ist, weiß ich bis heute nicht. Die Ehrlosen werden ihr übles Spiel mit ihm getrieben haben. So verlor ich an diesem Tag mein erstes Duell gegen die Bayern. Mir schwante, es würde nicht das letzte sein.
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