River betrachtete den Toten. Es war nun das zweite Mal, dass er auf einen Menschen geschossen hatte, statt ihn zu verteidigen. Bis vor kurzem hatte er nur Silvers vom Leben zum Tode befördert. Nun jedoch war es anders. Er tötete jene, die er eigentlich beschützen sollte. River wartete auf ein Gefühl der Reue, doch es blieb aus. Die Männer hatten ihn angegriffen, und er hatte sich lediglich verteidigt. Dadurch waren auch diejenigen in Angst versetzt worden, die ihn noch vor ein paar Sekunden für seine Entscheidung bestrafen wollten. Aber welches Recht hatten sie dazu? Nur noch wenige beschimpften River, während sie flüchteten, die meisten waren jedoch bereits verschwunden.
Erst jetzt entdeckte River den Ozeandampfer, der auf Pier 15 zusteuerte. Es war ein großes Schiff, jedoch nicht so gigantisch wie die neueren Kreuzfahrtschiffe es gewesen waren. Einige Fenster waren hell erleuchtet. River verspürte den drängenden Wunsch, hinter einem davon zu sitzen, und das Festland bald schon in der Ferne verschwinden zu sehen. Als ihn jemand an die Schulter fasste, schlossen sich Rivers mechanische Finger blitzschnell um dessen Hand. Er ergriff jedoch Stahl und blickte seinem Gegenüber in zwei Okular-Implantate.
»Du hältst dich wohl für ein Glücksschwein, weil das Schiff hier heute für dich anlegt. Träumst von einem tollen Leben und lässt alle anderen Cys mit der undankbaren Menschenmeute zurück.«
»So ist es nicht …«, erwiderte River, aber er wusste, dass es im Grunde eben doch genau so war. Auch der andere wusste es, und er lachte rau.
»Ich kann nichts dran ändern, dass die Menschen undankbar sind. Ich schulde ihnen nichts und verstehe nicht, warum du dich mit denen verbündet hast.«
»Das habe ich nicht. Die Menschen, die dich hier mit all ihrer Abscheu empfangen haben, interessieren mich einen Scheiß. Ich bin aus anderen Gründen hier.«
»Und welche sind das?«, fragte River, obwohl es ihn eigentlich nicht wirklich interessierte.
»Ich will dich warnen. Weißt du eigentlich, was dich auf dem Schiff erwartet? Denkst du wirklich, es wäre die heile Welt, die sie dir versprochen haben?«
»Ist es nicht so?«, fragte River.
»Es ist genauso ein Haifischbecken wie hier an Land. Vielleicht sogar schlimmer, weil du dich nicht irgendwo verkriechen kannst.« Er wies mit der Hand in Richtung des Schiffs. »Auf dem Kahn dort regiert Slaughter. Er ist der Kapitän. Ein Cy, der praktisch nur aus technischen Elementen und Metall besteht. Man sagt, sogar sein Herz sei durch ein künstliches Implantat ersetzt worden. Ich denke, die Behauptungen stimmen, so wie er sich benimmt.«
»Ich kann dir dazu nichts sagen. Ich war noch nicht auf dem Schiff, sondern checke jetzt zum ersten Mal dort ein«, erinnerte River und wollte an dem Mann vorbeigehen.
Der hielt ihn jedoch an der Schulter fest und sagte mit beharrlicher Stimme: »Du wirst Slaughter schnell erkennen. Sein gesamter Kopf – und damit auch sein Gesicht – bestehen aus Metall. Da ist keine menschliche Haut mehr. Nicht mal künstliche, weil er kein bisschen mehr wie ein schwacher Mensch aussehen will. Vermutlich hat er sich die restliche intakte Haut nach seiner Verwandlung sogar absichtlich wegätzen lassen. Der Kapitän ist optisch ein Silver. Und wenn du mich fragst, ist das kein Zufall. Diejenigen, die an Bord was zu sagen haben, stecken doch mit den Invasoren unter einer Decke. Die sollen sogar deren Sprache erlernen. Ich wette, die wollen ein Bündnis mit diesen Killern eingehen. Bist du dir immer noch sicher, dass du zu denen willst?«
»Bist du dir sicher, dass du nicht nur neidisch bist?«, konterte River. Das Gerede des anderen Cy hatte ihn beunruhigt, aber er wollte sich nichts anmerken lassen. Mochte ja sein, dass auf dem Schiff nicht das reine Paradies herrschte, aber der Mann redete von Sachen, die er nicht beweisen konnte. River wollte sich nicht von einem Kerl mit zu viel Fantasie sein zukünftiges Leben madig machen lassen. Immerhin war er an Bord vor allem unter seinesgleichen. Und er würde nicht mehr töten müssen, was River enorm erleichterte. Alles andere waren nur Geschichten, denen er nicht leichtfertig Beachtung schenken wollte.
»Ich merke schon, du glaubst mir nicht«, sagte der Cy enttäuscht und fuhr eindringlich fort: »Aber ich weiß, wovon ich rede. Mein Bruder war auf diesem Schiff. Nun ist er tot. Angeblich über Bord gegangen. Aber das glaube ich nie und nimmer.«
»War dein Bruder Mensch oder Cy?«
»Er war ein Cy, der für die Vorräte verantwortlich war. Er hieß Cedric Youngfield. Wie Dreck haben sie ihn behandelt. Vor etwa vier Jahren haben wir zuletzt miteinander gesprochen. Wir trafen uns am Hafen, aber Cedric bestand darauf, einige Straßen ins Stadtinnere zu gehen, bevor er mit der Sprache rausrückte. Er fühlte sich an Bord beobachtet. Und er sagte, er werde ernsthaft bedroht. Slaughter selbst soll ihn zu diesem Zeitpunkt bereits mehrfach übel verprügelt, und in eine Zelle gesperrt haben. Das muss man sich mal vorstellen, ein Cy prügelt auf einen anderen Cy ein, obwohl wir doch eigentlich alle zusammenhalten sollten. Und niemand an Bord unternimmt etwas dagegen, weil dieses brutale Arschloch Slaughter nun mal das Sagen hat.«
River zuckte mit den Schultern. Er hatte selbst schon viel Gewalt und Grausamkeiten miterlebt, und war bislang nur deshalb nicht verzweifelt, weil er sie nicht zum Mittelpunkt seines Lebens machte. Das hatte er erst recht nicht vor, wenn ihm nur davon erzählt wurde, ohne dass er überhaupt wusste, ob es sich um die Wahrheit handelte, darum erwiderte er: »Ist ja eine bewegende Geschichte. Wenn sie stimmt, tut es mir um deinen Bruder natürlich leid. Aber ich weiß echt nicht, was das mit mir zu tun haben soll. Ich suche keinen Job an Bord. Und ich habe nicht vor, mit diesem Slaughter Kontakt zu haben. Der wird wohl auch kaum mit einem Passagier wie mir welchen haben wollen. Also ist das alles für mich nicht relevant. Hör zu, Kumpel, ich will nur von hier weg. Das Leben in dieser toten Stadt kotzt mich an, und ich werde es auf keinen Fall fortführen. Warum sollte ich den Menschen weiter dienen, wenn sie mich mit Müll bewerfen und mich nur als ein emotionsloses Werkzeug ansehen?«
»Weil es dein Schicksal ist, Mann! Deines genauso wie meins.«
»Falsch«, erwiderte River mit harter Stimme. »Ich bestimme mein Schicksal selbst. Und jedem, der sich mir in den Weg stellt, werde ich zeigen, dass ich für mein Glück kämpfe. Willst du einen Kampf?« River war auf alles vorbereitet. Seine Systeme liefen auf Hochtouren. Er hörte den Herzschlag des anderen, der sich bei seinen Worten beschleunigt hatte. Doch dann trat der Cy zur Seite und machte eine Geste zur Pier. »Dann geh und ändere dein Schicksal. Ich glaube nicht, dass es dir gelingen wird. Und niemand wird dir nur eine Träne nachweinen.«
»Das habe ich auch noch nie in meinem Leben erwartet.« River presste den Arm mit der Tüte fest an seinen Körper, als er an dem anderen Cy vorbeiging. Sollte der Kerl versuchen, sie ihm wegzureißen, musste er schnell reagieren, denn nun wurde es wirklich höchste Zeit, zum Schiff zu gelangen. Es war bereits dabei, anzulegen, und River war sich sicher, dass man nicht lange auf zusteigende Passagiere warten würde. Am Rumpf prangte der Name des Schiffes, er war jedoch augenscheinlich nachträglich über den vorherigen gepinselt worden: „Cyborg Horizon“. Als River die Pier entlang eilte, erkannte er an Deck bewaffnete Cys, die die Mündungen ihrer Gewehre auf das Hafengelände gerichtet hatten. Zweifellos würden sie sofort schießen, falls Menschen auf die Idee kamen, das Schiff entern zu wollen. Und River war sich sicher, dass ihre Waffen mit ausreichend Munition bestückt waren, um ein Blutbad anzurichten. Umso erleichterter war er, dass die Männer am Hafen sich bereits zurückgezogen hatten. Er hastete die Gangway hinauf und war erstaunt, dass er in New York der einzige war, der aufgenommen wurde. River eilte seinem neuen Zuhause entgegen, und mit jedem Schritt machte er sich klar, dass er das Festland möglicherweise niemals wieder betreten würde.
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