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Die Häuserschluchten New Yorks waren nach den Angriffen zu Ansammlungen von nun überflüssigen Gegenständen geworden. Der Müll wurde bereits seit Jahren nicht mehr abgeholt und türmte sich in den Straßen. Auf den Gehwegen und auf Dächern von Autowracks lagen zerborstene Leuchtreklamen und abgerissene Ampelanlagen. Bis zum South Street Seaport war es nicht weit, aber River wusste, dass selbst diese paar Straßen zu einer tödlichen Herausforderung werden konnten. Besonders in der Dunkelheit, denn der Mond stand zwar in seiner vollen Pracht am Himmel, aber schwarze Wolken verdeckten ihn zeitweilig komplett. Für River selbst stellte diese Düsternis allerdings kein Problem dar, da er einfach seinen Sehkraftverstärker aktivieren konnte. Aber er wusste, dass die Menschen – und gerade jene, die nichts Gutes im Schilde führten – die Nacht nutzten, um ihren Aktivitäten nachzugehen. Die Stadt war schon immer für ihre hohe Verbrechensrate bekannt gewesen, doch nach der Invasion war alles noch um ein Vielfaches schlimmer geworden. Vom einstigen Glanz, den sie erlebt hatte – vom Broadway, den Finanzimperien, den Nachtclubs, Kunstgalerien und Fashionshows war nichts geblieben. River hatte ohnehin nichts davon mehr miterlebt. Aber Phil hatte ihm ab und an davon erzählt. Früher musste New York vor lauter Lichtern nur so gestrahlt haben. Sogar vom Weltall aus hatte man das Lichtermeer erkennen können. Ob die Silvers wohl genau das vor ihrem Angriff betrachtet und schließlich beschlossen hatten, dies mit einem verheerenden Angriff ein für alle Mal zu beenden? Natürlich, sie hatten weltweit alles vernichtet, aber River kannte nur New York und glaubte, die Stadt müsse den Silvers ein ganz besonderer Dorn im Auge gewesen sein, so wie sie deren Zerstörung anheimgefallen war. Nachts wurde die ehemalige Millionenstadt nun zu einem düsteren Ort, der allen möglichen Gestalten genug Rückzugsmöglichkeiten bot, um ihren unmenschlichen Machenschaften nachzugehen. Morde und Vergewaltigungen waren ganz alltägliche Verbrechen, denen niemand nachging und die nicht geahndet wurden. Die Männer kämpften sich durch, und es gab kaum noch Freundschaften, die oft nur deshalb gegründet wurden, weil es alleine um so vieles schwerer war, zu überleben. Vielleicht hätte River es schon deshalb wegen Jack besser wissen müssen, doch er weigerte sich standhaft, zu glauben, dass Jack ihn hatte verkaufen wollen. Diese Möglichkeit war einfach zu schmerzhaft, deshalb hielt er sich an dem Strohhalm fest, dass Jack von Anfang an alles geplant hatte, und es am Ende einfach nur fürchterlich schiefgegangen war. Umso mehr war er es ihm schuldig, nun das Beste aus der Situation zu machen.
River ging durch die Straßen, während er sich ständig in alle Richtungen umsah. Als er das Fish-House erreichte, drängte er sich zunächst dicht an die Hauswand, um zu lauschen, ob jemand in der Nähe war. Tatsächlich hörte er ein Husten, das seinen Puls beschleunigte. Ein Mann mit Hut eilte vorbei, ohne ihn zu bemerken. In der Ferne jaulte ein Hund, andere fielen in das Konzert ein. Nach ein paar Minuten schlich River an der Hauswand entlang zum Müllcontainer, der bestialisch stank. Der Deckel war geschlossen. River packte den Griff und schob ihn auf. Er hatte die Luft angehalten und blickte in den Behälter, in dessen Innerem nur eine dunkle Masse zu erkennen war. Zuletzt hatte wohl Mansfield selbst Abfall hineingeworfen, und das war inzwischen Monate her. Umso skurriler wirkte nun die weiße Plastiktüte, die obenauf thronte. River fischte sie heraus, klemmte sich die gut verklebte Tüte unter den Arm und ließ den Deckel des Containers so lautlos wie möglich wieder hinab. Da die gläserne Eingangstür zerstört war, schlich er kurzerhand ins Fish-House und sah sich um. Hier stank es immer noch so sehr nach Fisch, dass niemand in diesen Räumen Schutz gesucht hatte. River konnte es nur recht sein. Der Sehkraftverstärker tauchte den alten Laden beinahe schon schmerzhaft in Helligkeit. Die Theken waren leer und erstaunlich sauber. Aber in alten Kühltruhen, die längst keinen Strom mehr hatten, gammelte Pampe vor sich hin, die wohl einst frische Fische in Hülle und Fülle gewesen waren. Zwei der Türgummis mussten im Laufe der Zeit spröde geworden sein, denn nun standen die Türen offen. Der Gestank im Inneren hatte sich seinen Weg in den Ladenraum gebahnt. Beinahe wünschte sich River, er könne auch einen Riechkraftverstärker einfach abschalten, doch er besaß keinen, und so hoffte er, dass sein Magen der Herausforderung Stand hielt. River legte die Tüte auf eine der Theken. Mit seiner menschlichen Hand löste er vorsichtig die Klebebänder. Als er in die Tüte hineinsehen konnte, seufzte er erleichtert. Darin befanden sich weitere Beutel, durchsichtig und gefüllt mit weißem Pulver. Er hatte also tatsächlich die so heiß begehrten Drogen gefunden. River schloss die Tüte wieder so gut es ihm möglich war, und legte sie in eine Thermobox, die in Türmen an der Wand hinter der Kühltheke gestapelt waren. Dann schulterte er seine Tasche, griff sich die Box und verließ das Fish-House. Er lenkte seine Schritte nun schnell in Richtung Hafen, denn die Zeit drängte. Wenn er das Schiff verpasste, wäre alles umsonst. Die Straßen waren leer. River konnte das Meer immer deutlicher riechen. Er passierte die Water Street und sah zwei Männer, die es in einem verdreckten Hauseingang miteinander trieben. Sie bemerkten ihn und fragten, ob er mitmachen wolle. River vermutete, dass sie ihn in der Dunkelheit nicht als Cy erkannt hatten. Er verneinte kurz und eilte dann weiter, während die Männer ihre stoßenden Bewegungen wieder aufnahmen. River wurde klar, dass er es nicht mehr rechtzeitig schaffen würde, wenn er sich nicht beeilte. Also programmierte er sein rechtes Bein auf die höchste Geschwindigkeit, bei der sein linkes mithalten konnte. Die dunklen Gebäude mit ihren schwarzen Fensterquadraten rauschten nun schnell an ihm vorbei.
Während River lief, gaben die Wolken den Mond frei, der die Umgebung jetzt in sein helles Licht tauchte. River erreichte den Hafen und hielt abrupt an. Er war nur wenigen Menschen auf seinem Weg hierher begegnet, und sehr froh darüber gewesen. Doch mit einer Ansammlung am Hafen hatte er im Traum nicht gerechnet. Es mussten an die fünfzig sein. River überlegte fieberhaft, was das zu bedeuten hatte. Er wurde jedoch schnell darüber aufgeklärt, als ein Teil der Leute mit den Fingern auf ihn zeigte, und einige Männer brüllten:
»Da ist der Verräter! Cyborg-Abschaum, der sich vor seinen Pflichten drücken will. Los, wir zeigen ihm, was wir von ihm halten!«
Als die ersten Menschen ihn mit Gegenständen unterschiedlichster Art bewarfen, war River zunächst wie gelähmt. Faulige Abfälle, leere Konservendosen und Glasflaschen wurden nach ihm geschmissen. Nur wenige trafen ihn tatsächlich, doch River spürte den Zorn dieser Leute deutlich. Es war ein bunt zusammengewürfelter Haufen, der mit Sicherheit keinen organisierten Verband darstellte. Vermutlich handelten sie aus purer Verzweiflung und machten in ihrer Verblendung die Cys statt die Silvers für ihre Misere verantwortlich. Im Grunde waren sie für River harmlos. Doch einige von ihnen hatten auch eindeutig aggressivere Tendenzen und trugen Waffen bei sich.
Als ein Mann mit einer Pistole auf ihn zielte, reagierte River instinktiv. Seine beschleunigten Bewegungen ermöglichten es ihm, dem Mann die Waffe aus der Hand zu reißen, noch bevor der imstande war, auch nur einen einzigen Schuss abzufeuern. River setzte den Angreifer durch einen gezielten Schlag auf dessen Solarplexus außer Gefecht. Ein zweiter Bewaffneter hatte die Zeit genutzt, um ebenfalls auf River zu zielen. Er feuerte im selben Moment, als Rivers System die Flugbahn der Kugel bereits berechnet hatte. Während er dem Geschoss auswich, zielte River auf den Mann. Er streckte ihn mit einem gezielten Kopfschuss nieder. Als der Getroffene zu Boden fiel, stoben die Menschen auseinander. Die meisten von ihnen flüchteten in Panik.
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