»Der Tatort ist so verdammt sauber, als hätte man dir einen Strauß Blumen vor die Tür gelegt.«
»Blumen wären mir lieber gewesen.«
»Mir auch.«
»Aber, Nick. Es wurden keine Schutzzauber durchbrochen, es gibt keine Anzeichen für fremde Magie und die Botschaft war in der alten Sprache der Engel formuliert.« Ich setzte mich aufrechter hin und fing den Blick meines Bruders auf. »Wie viele Beweise brauchst du noch? Laurenti hielt Jace gefangen, um Informationen über mich zu sammeln. Er hat keinen Hehl daraus gemacht, dass er mich nicht mag und mich auch nicht auf dem Thron haben will und jetzt das. Er steckt definitiv dahinter!«
Mein Bruder nickte. »Mag sein. Aber warum Minister Meyer?«
»Wie meinst du das?«
Nick fluchte und lehnte sich erneut zurück. »Ich sage das nicht gerne, Schwesterherz, aber in deinem Umfeld hätte es weitaus wertvollere Opfer gegeben als den Minister. Alina, Cora, Olli, einen der Assassinen und auch mich.« Nicks grüne Augen sprühten Funken und ich sah die unterdrückte Wut in ihnen. Eine Wut, die ich ebenfalls empfand.
Aber auch dazu hatte ich meine eigene Theorie. Immerhin saß ich seit Stunden hier und hatte viel Zeit zum Grübeln gehabt. Sehr viel Zeit.
»Die Hand des Ministers fehlte. Du weißt ganz genau, dass Malik, Lucan und ich den Minister in Verdacht hatten, hinter den Anschlägen in Arcadia zu stecken. Ihn und Laurenti.«
»Du glaubst also, Laurenti ließ ihn hinrichten, um Beweise zu vernichten?«
»Das ist ein netter Nebeneffekt, ja. Aber ich denke, dass der Minister sehr sorgfältig für diesen Zauber ausgewählt worden ist. Laurenti hätte jeden angreifen können, das stimmt, auch einen von uns – von euch –, indem er sich aber für den Minister entschied, hat er nicht nur Beweise vernichtet, sondern auch deutlich gemacht, dass er vor niemandem Halt macht, auch nicht vor einem Mitglied des heiligen Rates.«
Nick atmete hörbar aus. »Eine weitere Botschaft also?«
»Laurenti denkt, dass er über dem Gesetz steht. Schlimmer noch, er denkt, er ist das Gesetz. Jahrhundertelang ist er an der Seite unseres Vaters gewesen und seit Jahrzehnten regiert er Alliandoan, Anak und Permata, als wäre er der König, nicht unser Vater oder eines Tages du oder ich.« Mein Blick wurde ernst und ich flehte ihn stumm an, mich zu verstehen. »Ich weiß, dass weder du noch unser Vater es in den letzten Jahrzehnten einfach hattet, aber Laurenti ist außer Kontrolle, Nick. Was er Laura und Jace angetan hat, sein Verhalten bei der Ratssitzung und jetzt die Hinrichtung eines Ministers am See der Balance …« Wenn man mich fragte, dann hatten wir es hier mit einem absoluten Soziopathen zu tun.
Laurenti war ein Narzisst und Lügner, er war manipulativ und er zeigte keinerlei Reue. Hinzukam, dass er jahrhundertealt und wahrscheinlich extrem gut vernetzt war. Das jedenfalls hätte erklärt, warum wir keinerlei Spuren finden konnten.
»Habt ihr den Rat über den Tod des Ministers informiert?«
Mein Bruder nickte. »Malik hat Wachen abgestellt, um die Adelsfamilien sowie die anderen Minister über das … Ableben des Ministers zu informieren«
Zu gern hätte ich Laurentis Reaktion live verfolgt. Eine Idee kam mir. »Sollten wir nicht so etwas wie eine Trauerfeier abhalten?«
»Willst du das denn?«
Ich nahm mir einen Moment, um darüber nachzudenken. »Nein«, antwortete ich ehrlich. Wenn es nach mir ging, dann konnten die meisten der Minister in den Dämonenfeuern Abbadons schmoren und verrotten. »Aber vielleicht können wir etwas herausfinden, wenn wir den Rat zusammenrufen. Hat man ihnen gesagt, wie der Minister gestorben ist?«
Nick schüttelte den Kopf. »Maliks Männer sind sehr vage geblieben.«
Das war gut. Vielleicht konnten wir das zu unserem Vorteil nutzen. »Wir können die anderen Minister beobachten. Sie mit Informationen füttern, eventuell sogar ein wenig schockieren und so herausfinden, wer von ihnen wirklich betroffen ist und wer nur so tut.«
Ich hatte mit Widerrede gerechnet, aber Nick stimmte mir zu.
»Keine schlechte Idee. Wir müssen sie so oder so irgendwann über die Umstände informieren, und mit Maliks Männern und den Assassinen, die in den Schatten lauern, bist du dort ebenso sicher, wie hier.«
Überrascht erwiderte ich Nicks wissenden Blick.
»Denkst du wirklich, ich habe nicht mitbekommen, dass Lucan sich in den Ratssaal geschlichen hat?«
Das hatte ich tatsächlich gedacht, ja. Nick grunzte leise, aber er lächelte. »Ich mag dein Verhältnis zu Lucan Vale nicht verstehen, Lilly, aber im Moment bin ich dankbar für den zusätzlichen Schutz, den er und seine Männer dir bieten.«
»Ich weiß von Elisa.« Die Worte waren raus, bevor ich sie stoppen konnte.
Nicks Augenbrauen zogen sich zusammen und sein Lächeln verschwand. »Dann weißt du auch, dass der Umgang mit der Vale Familie gefährlich ist.«
»Dir ist bewusst, dass die Nachricht da draußen mir galt, nicht wahr? Ich habe seit Tag Eins eine Zielscheibe auf meinem Rücken, Nick, und das ist nicht Lucans Schuld.«
Mein Bruder ignorierte meinen Kommentar. Offenbar war die Zeit der Zugeständnisse vorbei. »Für wann willst du die Ratssitzung einberufen?«
»Morgen früh, neun Uhr«, ahmte ich seinen geschäftigen Ton nach. Ich wollte mich nicht schon wieder streiten, immerhin hatten wir uns gerade erst vertragen, aber da war er wieder, Nick, der Snob.
»Ich werde mich darum kümmern.« Damit stand er auf, und verließ die Bibliothek. Auf der Suche nach Essen und sozialen Kontakten vertrieb ich die Wachen – etwas, das mir erst beim dritten Anlauf gelang – und suchte den Palast nach meinen Freunden ab. Alina und Cora hatten mich den Rest des Tages in Ruhe gelassen und auch Duncan hatte sich nicht blicken lassen. Ob sie nun gespürt hatten, dass ich ein wenig Zeit für mich brauchte oder nicht, es hatte mir gut getan, mich nur mit mir selbst und den Büchern in meiner Bibliothek auseinanderzusetzen. Jetzt aber hatte ich genug gegrübelt. Der erste Schock war überwunden, meine Magie hatte sich beruhigt und ich konnte wieder klar denken. Und ein weiterer Punkt war auf meiner mentalen Liste ganz nach oben gewandert: Minister Laurenti stürzen. Der Minister musste abgesetzt werden, ohne Frage, und mit ihm all die anderen engstirnigen Idioten, die ihn so sehr verehrten. Auf dem Weg in die Palastküche hörte ich Stimmen und blieb ruckartig stehen.
»… ich habe jetzt keine Zeit, mit dir darüber zu streiten, Duncan.«
Das war Maliks Stimme hinter der nächsten Kurve und mein General klang ganz und gar nicht erfreut.
»Findest du nicht, dass wir darüber reden sollten, was gestern Abend passiert ist?«
Oh Mann. Ich wollte nicht lauschen, wirklich nicht, aber sprach Duncan von der Tatsache, dass Malik uns betrunken in einer Bar aufgegabelt hatte, oder war zwischen den beiden Männern noch mehr vorgefallen?
»Was ich finde«, hörte ich Malik schimpfen, »ist, dass du endlich einmal Verantwortung übernehmen solltest. Jemand ist in diesen Palast eingedrungen und hat meine Königin bedroht, ich …«
»Sie ist auch meine Königin!«
Malik schnaubte. »Das scheint deinen König aber herzlich wenig zu interessieren.«
Oh. Autsch.
Das tat weh, auch wenn Malik die Wahrheit sprach.
»Wie kannst du so etwas sagen? Lucan würde niemals zulassen, dass Lilly irgendetwas passiert.«
Ich hörte ein leises Rascheln und stellte mir vor, wie Malik in seiner adretten Uniform mit den Schultern zuckte. »Mag sein. Aber für mich ist Lilly meine erste und meine oberste Priorität. Wieso willst du das nicht verstehen?«
»Weil du selbst auch noch ein Leben hast!«
»Das hier ist mein Leben. Ich bin General der königlichen Garde seit über sechshundert Jahren. Alliandoan, Arcadia, dieser Palast und die Königsfamilie sind mein Leben. Was willst du von mir, Duncan? Was? «
Читать дальше