Diese Symptome werden in dem ICD-10, der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, unter F90.X als hyperkinetische Störungen gesammelt. Der ICD-10 definiert hyperkinetische Störungen als solche, die charakterisiert sind
„durch einen frühen Beginn, meist in den ersten fünf Lebensjahren, einen Mangel an Ausdauer bei Beschäftigungen, die kognitiven Einsatz verlangen, und einer Tendenz, von einer Tätigkeit zu einer anderen zu wechseln, ohne etwas zu Ende zu bringen; hinzu kommt eine desorganisierte, mangelhaft regulierte und überschießende Aktivität. Verschiedene andere Auffälligkeiten können zusätzlich vorliegen. Hyperkinetische Kinder sind oft achtlos und impulsiv, neigen zu Unfällen und werden oft bestraft, weil sie eher aus Unachtsamkeit als vorsätzlich Regeln verletzen. Ihre Beziehung zu Erwachsenen ist oft von einer Distanzstörung und einem Mangel an normaler Vorsicht und Zurückhaltung geprägt. Bei anderen Kindern sind sie unbeliebt und können isoliert sein. Eine Beeinträchtigung kognitiver Funktionen ist häufig, spezifische Verzögerungen der motorischen und sprachlichen Entwicklung kommen überproportional oft vor. Sekundäre Komplikationen sind dissoziales Verhalten und niedriges Selbstwertgefühl“ 6.
Der ICD-10, der auch in Deutschland zur Diagnostik seine Anwendung findet, unterscheidet zwischen
Einfacher Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung F90.0 und
Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität (ADS) F98.8. und
Hyperkinetische Störung verbunden mit Störung des Sozialverhaltens F90.1 und
Sonstige bzw. nicht näher bezeichnete hyperkinetische Störungen F90.8 und F90.9.
Ausgeschlossen werden dabei andere Störungen, bei denen eine teilweise 60-80-prozentige Komorbidität der Symptome besteht. Komorbidität meint das Auftreten von weiteren, abgrenzbaren Krankheitsbildern oder auch einzelnen Syndromen zusätzlich zur eigentlichen Erkrankung. Dazu gehören diverse affektive Störungen, Angststörungen, Schizophrenie, Depressionen und tiefgreifende Entwicklungsstörungen 7. Auch das Risiko später eine Substanzkonsumstörung zu entwickeln ist bei Menschen mit ADHS deutlich erhöht 8.
Damit ein Kind oder Jugendlicher die Diagnose ADHS bekommt, muss eine bestimmte Anzahl von Aufmerksamkeitsschwierigkeiten zu Hause, als auch in der Schule oder im Kindergarten auftreten. Die Diagnose wird in der Regel über standardisierte Fragebögen gestellt. In Deutschland wird dafür der Fremdbeurteilungsbogen für Hyperkinetische Störungen (FBB-HKS) verwendet. Ab einem Alter von elf Jahren kann der Selbstbeurteilungsbogen für Hyperkinetische Störungen eingesetzt werden (SBB-HKS) 9. Die Fragebögen werden unabhängig voneinander von Lehrern und Lehrerinnen oder Erziehern und Eltern ausgefüllt. Dadurch sollen die verschiedenen Lebensbereiche der Klienten beleuchtet und ein unbeeinflusstes Bild erzeugt werden. Die Fragebögen helfen vor allem den Ärzten, die in der Behandlungszeit häufig nicht alle Symptome erfassen können. Ist eine bestimmte Anzahl von Symptomen in einer gewissen Stärke aufzufinden, ist eine Diagnose mit ADHS wahrscheinlich. Die Skalen bestehen aus Verhaltensweisen, die mit einer Ratingskala ausgestattet sind. Hierzu gehören Verhaltensmuster, wie ständige motorische Unruhe, mangelnde Ausdauer beim Spielen, kurze Dauer von spielerischen Beschäftigungen und eine ausgeprägte Aktivität in Situationen, die relative Ruhe verlangen. Weitere Kriterien sind „Abnormitäten von Aufmerksamkeit oder Aktivität“, die in Anbetracht des Alters und des Entwicklungsstandes des Kindes sehr ausgeprägt sind 10.Außerdem müssen andere, tiefgreifende Entwicklungsstörungen ausgeschlossen werden können. Die Symptomatik muss mindestens 6 Monate anhalten und bereits vor dem sechsten Lebensjahr aufgetreten sein. Weiterhin muss der Intelligenzquotient über 50 liegen und die Kriterien für Manie, Depression oder Angststörung dürfen nicht erfüllt sein. Neben den Fragebögen und Checklisten kann eine Diagnose außerdem mit psychologischen Tests oder durch neurobiologische Verfahren durchgeführt werden. Etwa ein Drittel aller Jugendlichen mit ADHS zeigt auch noch im Erwachsenenalter einzelne ADHS-Symptome 11.
Die deutsche Ärztekammer (2005) empfiehlt eine multiaxiale Diagnostik, die die Störung auf sechs Ebenen abbildet. Diese Ebenen bestehen aus
klinisch-psychiatrischen Syndromen,
umschriebenen Entwicklungsstörungen,
Intelligenzniveau,
körperlicher Symptomatik,
assoziierte aktuelle abnorme psychosoziale Umstände
und der globalen Beurteilung des psychosozialen Funktionsniveaus.
Eine Diagnostik nur auf Grundlage von Fragebögen oder testpsychologischen Untersuchungen sei nicht möglich 12. Döpfner und Lehmkuhl (2007) zeigen im folgenden Entscheidungsbaum (Abbildung 1) zur Diagnose von ADHS, welche anderen Erkrankungen ausgeschlossen werden müssen, damit eine sichere Diagnose ADHS gestellt werden kann.

Abbildung 1 – Entscheidungsbaum für die Diagnose hyperkinetischer Störungen
Quelle: In Anlehnung an Döpfner, Lehmkuhl, Schepker, Frölich, (2007) 13
Eine ADHS-Diagnose hat nicht nur eine Therapie bzw. Behandlung zur Folge, sondern auch psychologische Konsequenzen für die betroffenen Kinder und Jugendlichen: Das Selbstwertgefühl kann beeinträchtigt werden, da Kinder im Bewusstsein einer hirnfunktionell bedingten Störung heranwachsen. Sie werden außerdem mit dem Gedanken konfrontiert, dass etwas mit ihnen nicht stimmt, dass sie verrückt seien 14.
Die Prävalenz, also die Häufigkeit einer Krankheit in der Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt, von ADHS variiert weltweit sehr stark und reicht von angeblich 0,09% in England bis zu 28% in Israel 15. Die Werte hängen davon ab, wie man ADHS jeweils definiert, welche Bevölkerungsgruppe untersucht wird und inwieweit Eltern, Lehrer*innen und Fachleute mit der Diagnose übereinstimmen.
Auch in Deutschland sind verschiedene Werte zur Prävalenz von ADHS zu verzeichnen, die meisten seriösen Studien stellen allerdings eine Prävalenz von 4,2-5,0 % fest. Aktuelle Daten liefern die Querschnittergebnisse aus der KIGGS („Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“) Welle 2 (2014 – 2017) – der zweiten Folgeerhebung der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland im Alter von drei bis siebzehn Jahren. In der KIGGS Welle geben 4,4% der Eltern an, dass ihr Kind jemals eine ADHS-Diagnose durch einen Arzt oder Psychologen erhalten hat. Dabei ist zu beobachten, dass mehr als doppelt so viele Jungen (6,5%) als Mädchen (2,3%) betroffen sind. In anderen Umfragen sind Jungen sogar viermal so häufig betroffen wie Mädchen. Während im Kindesalter noch eine niedrige Prävalenz herrscht (0,2%), steigt diese mit dem Schuleintritt, wohl aufgrund der größeren benötigten Konzentration (2,1% ab sechs Jahren) und erreicht ihren Höhepunkt in der Jugend mit einer Prävalenz von 6,9%. Weiterhin ist zu beobachten, dass Kinder und Jugendliche, die in Familien mit einem niedrigen sozioökonomischen Status aufwachsen, signifikant häufiger von ADHS betroffen sind als Gleichaltrige aus sozial bessergestellten Familien. Vergleicht man KIGGS Welle 1 und 2 miteinander ist allerdings ein leichter Rückgang der ADHS-Diagnosehäufigkeit festzustellen. Als Quelle dafür dienen Abrechnungsdaten der Krankenkassen 16.
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