Verhalten
Auch auf der Ebene des Verhaltens sind auf der Bühne häufig Phänomene zu beobachten, welche die Präsentation maßgeblich mitgestalten. Insbesondere sind hier die Köperhaltung und die Bewegungen zu nennen. Hochgezogene Schultern, ständiges Räuspern und Hüsteln beim Redner, verkrampft angewinkelte Arme oder auch unwillkürliche nicht zur Musik passende Handbewegungen beim Sänger können als Zeichen der Unstimmigkeit vom Publikum wahrgenommen werden. Dies trifft besonders auch auf die Anteile des Verhaltens zu, die durch die eigentliche Bühnenaktion oder Inszenierung nicht festgelegt sind. Die individuellen Verhaltensweisen im Umgang mit dem Auftritt, wie z.B. Rituale, sind in Zusammenhang mit der Persönlichkeit im Kapitel »Analyse« ab S. 38näher beschrieben. Bevorstehende Auftritte führen normalerweise dazu, dass wir motiviert sind, uns vorzubereiten und all unsere Ressourcen zu aktivieren. Wird die Angst vor dem Auftritt zu stark, so setzt als typische Reaktion Vermeidung ein. Sie kann sich als Lern- oder Spielblockade in der Vorbereitung auf Auftritte äußern oder in dem Versuch, die Auftrittssituation selbst zu umgehen. So wird von der Pianistin Martha Argerich berichtet, dass es sie als Kind furchtbar nervös machte, vor Publikum zu spielen und dass sie dies gerne vermeiden wollte. Ihr Biograf Olivier Bellamy berichtet: »Zwei Tage vor einem Konzert legte sie einmal ihre Schuhe mit nassem Papier aus, um sich eine Erkältung zu holen und auf diese Weise dem grausamen Frondienst zu entgehen.« (Bellamy, 2011, S. 41) Körperlich kann sich Vermeidung als Müdigkeit oder Erschöpfung zeigen oder auch dazu führen, dass wir uns von anderen zurückziehen. Die gegensätzliche Reaktion besteht darin, dass wir in übermäßige Aktivität verfallen, um der Aufregung keinen Raum zu geben. Auch hierdurch kann jedoch die Aufnahme- und Konzentrationsfähigkeit in der Vorbereitung des Auftritts verringert sein.
Zusammenwirken der Ebenen
Die verschiedenen Ebenen, auf denen sich Lampenfieber äußert, beeinflussen sich gegenseitig. Dieselben körperlichen Werte beim Lampenfieber wie z.B. Pulsschlag und Blutdruck können individuell mit unterschiedlichen Gefühlen verbunden sein (Craske u. Craig, 1984; Abel u. Larkin, 1990; Fredrikson u. Gunnarsson, 1992). So kann eine Person mit starken körperlichen Anzeichen des Lampenfiebers sich sehr gut fühlen, während eine andere Person bei geringeren Anzeichen unangenehme Angst empfindet (Spahn, 2010; auf S. 31f. ausführlicher beschrieben). Es wird deshalb vermutet, dass das Gesamterleben des Lampenfiebers davon abhängt, wie die körperlichen Anzeichen individuell gedeutet werden. So verstärkt eine ängstliche Wahrnehmung des körperlichen Befindens die Symptome eher, während eine ruhige Haltung zur Minderung der Symptome beiträgt. Hieraus können sich selbst verstärkende Kreisläufe in beide Richtungen entwickeln. Die Möglichkeit positiver »Neueinordnung« der körperlichen Symptome kann man auch zur Optimierung des Lampenfiebers nutzbar machen, wie im Kapitel »Maßnahmen« auf S. 94f. ausführlich dargestellt wird.
Warum tritt Lampenfieber auf?
Wie oben erläutert, entsteht Lampenfieber durch ein evolutionsbiologisch sehr altes Programm. Die Ausstattung, Gefahrensituationen zu erkennen und diese erfolgreich zu meistern, sicherte dem Homo sapiens das Überleben. Angst als zentrales Gefühl spielte hierbei eine wichtige Rolle, denn sie lieferte das entscheidende Signal dafür, dass im Körper optimale Bedingungen für Kampf oder Flucht hergestellt wurden. In der frühen Menschheitsgeschichte stellten hauptsächlich wilde Tiere, wie z.B. ein Furcht einflößender Tiger, die lebensbedrohlichen Feinde dar (Abb. 4).
Abb. 4: Tippoo’s Tiger, mechanische Orgel, hergestellt um 1793 für Tipu Sultan, Herrscher des Königreichs Mysore in Indien (Victoria und Albert Museum, London)
Heute müssen wir mit solchen Gefahren im Alltag zwar nicht mehr rechnen. Die Situation der Bedrohung durch ein wildes Tier hat sich jedoch in der kulturellen Praxis des Stierkampfs erhalten, über den Hemingway in seinem Roman »Tod am Nachmittag« (1932) so treffend schrieb: »Der Stierkampf ist die einzige Kunstform, in der sich der Künstler in Todesgefahr befindet.« Der Torero durchlebt dabei eine Form des Lampenfiebers, die durch existentielle Angst geprägt ist, wie eindrucksvoll in Günter Schwaigers Dokumentarfilm »Arena« (2010) oder auch von dem berühmten Stierkämpfer José María Manzanares in einem Zeit-Interview dargestellt wurde (Düker, 2011). Zumeist gelingt es den Toreros, diese Angst zu beherrschen und den Kampf anzunehmen. Nur vereinzelt gibt es Berichte, dass ein Stierkämpfer – wie der mexikanische Matador Christian Hernández – dem Kampf nicht standhielt und flüchtete (Spiegel, 2010).
Auch bei manchen zirzensischen und artistischen Vorführungen ist für den Künstler die Angst, körperlich Schaden zu erleiden, als Kern geblieben. Über seine Erfahrungen berichtet der 45-jährige Falko Traber, Hochseilartist aus der berühmten Traber-Familie, in einem Interview mit Gerd Kempf (2005):
»Höhenangst kenne er [Traber] nur vom Hörensagen, doch der Respekt vor der Tiefe ist dem Hochseilartisten trotz aller Routine geblieben. ›Routine macht es gefährlich‹, weiß Falko Traber, der im zarten Alter von fünf Jahren erstmals die Balance auf dem Hochseil gehalten hat und bis heute als Artist noch jedes Mal vom Lampenfieber gepackt wird, bevor er seinen waghalsigen Beruf ausübt. ›Lampenfieber‹, sagt er, ›ist ein gutes Zeichen, dass die Sinne funktionierend.‹ Wie ein Torero, wenn er die Arena betritt, so verwandelt sich der im Privatleben eher nervöse Falko, sobald er im Kostüm auf das Seil steigt und das Lampenfieber ablegt: ›Da ist man dann ein ganz anderer Mensch.‹ 1996 erlebte er in Baden-Baden aber auch das Gegenteil eines Höhenflugs, als er sich auf dem Seil nicht umdrehen konnte, aber gespürt hat, wie sein ihm mit einer Helmkamera folgender Partner Lutz Schreyer aus 29 Metern vom Seil fiel und diesen Sturz nicht überlebte. Falko selbst stand unter Schock und hat es ›wie ein verletztes Tier gerade noch geschafft herunterzukommen‹. Die Füße vom riskanten Beruf lassen, käme für ihn nicht in Frage, dazu ist er zu fest in die Familientradition eingebunden.«
Wir entnehmen diesem Bericht, dass hier Lampenfieber verbunden ist mit der Realangst vor einer lebensgefährlichen Situation. Gleichzeitig wird die Nähe von Höhenrausch und Absturz – beim Hochseilartisten im ganz wörtlichen Sinne – deutlich. Gerade die Verknüpfung von Hochgefühl und Angst übt eine große Anziehungskraft aus. Diese Mischung – alltagssprachlich auch als »Kick« oder »Thrill« bezeichnet – scheinen zunehmend mehr Menschen gerade in den Ländern zu suchen, die durch Zivilisation eine hohe Lebenssicherheit bieten. Viele setzen sich potentiell bedrohlichen Situationen aus oder nehmen passiv daran teil. Besonders bei Auto- oder Skirennen ist die ungeheure Anziehungskraft solcher Veranstaltungen wesentlich dadurch zu erklären, dass für den Zuschauer ein Nervenkitzel besteht, ob die Rennläufer und -fahrer schadlos durch das Rennen kommen oder ob spektakuläre Unfälle zu beobachten sind, die nicht selten für die Sportler eine akute Gefahr für Leib und Leben bedeuten. Auch Sportarten wie Fallschirmspringen oder Gleitschirmfliegen bergen konkrete Risiken, die im schlimmsten Fall für den ausübenden Sportler tödlich enden können. Der Psychoanalytiker Michael Balint hat schon 1959 in seiner Schrift »Angstlust und Regression« analysiert und anschaulich beschrieben, was an diesen Situationen für viele Menschen so spannend ist:
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