In den verschiedenen Ländern begegnet man interessanten Spuren des Lampenfiebers. So zeugt das Schild mit der Aufschrift »salle du trac«, das neben der Tür zum Einspielraum im Conservatoire Supérieur de Paris (CNR) angebracht ist, von der Präsenz des Lampenfiebers im Leben der jungen Musiker (Abb. 1). Dieser »Lampenfieber-Raum« hat schon viele Menschen mit unterschiedlichen Instrumenten gesehen, die sich auf Prüfungen vorbereitet haben. Le trac – Lampenfieber – hatten sie alle. Denn im »salle du trac« spielt man sich ein, bevor die Jury zum Vorspiel in den Konzertsaal bittet.
Auch im englischen Sprachgebrauch gibt es einen solchen Raum, der auf das Phänomen Lampenfieber hinweist, nämlich den sogenannten green room, in dem sich die Künstler hinter der Bühne aufhalten, wenn sie auf den Auftritt warten. In Künstlerkreisen wird gemutmaßt, dass hinter diesem Begriff eine Anspielung auf die grünliche Gesichtsfarbe stehe, die an manchen Künstlern vor dem Auftritt zu beobachten ist. Etymologisch ist dies vermutlich jedoch nicht korrekt, da sich der Begriff wohl eher von der grünen Wandfarbe des hinter der Bühne befindlichen Aufenthaltsraumes eines Londoner Theaters zur Zeit Shakespeares ableitet.
Abb. 1: »salle du trac« im Conservatoire Supérieur de Paris (CNR)
Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Lampenfieber ist heute im deutschen Sprachgebrauch einer gewissen begrifflichen Unschärfe gewichen. Im Alltagsverständnis wird Lampenfieber – sowohl unter Künstlern als auch in anderen Berufen – unterschiedlich interpretiert: Die einen stellen sich etwas Positives darunter vor – im Sinne von »auf etwas hinfiebern« –, andere halten es für eine problematische Erscheinung – im Verständnis des Fiebers als Krankheitszeichen. Selbst in der wissenschaftlichen Literatur wird der Begriff Lampenfieber nicht eindeutig verwendet (Brodsky, 1996; Möller u. Castringius, 2005).
Was passiert bei Lampenfieber?
Die Erscheinungen des Lampenfiebers können bei jedem Menschen verschieden ausgeprägt sein oder wahrgenommen werden. Betrachten wir Lampenfieber in seiner Phänotypie systematisch, so lassen sich über die individuelle Ausprägung hinausgehende Gemeinsamkeiten beschreiben. Hierzu gehört, dass sich Lampenfieber auf verschiedenen Ebenen, nämlich auf der emotionalen und körperlichen Ebene sowie auf den Ebenen des Denkens und Verhaltens äußert. Einen Überblick über die häufigsten Anzeichen von Lampenfieber fasst Tabelle 1 auf der folgenden Seite zusammen.
Körper |
Gefühl |
Denken |
Verhalten |
schneller Herzschlag |
intensiviertes Gefühlserleben |
Konzentrationsstörungen |
unkontrollierte Körperhaltungen und -bewegungen |
schneller und flacher Atem |
Angst und Panik |
negative Gedanken und Erwarten von Katastrophen |
bereits in der Vorbereitung die Konfrontation mit dem Auftritt vermeiden |
kalte und schweißige Hände |
innere Aufregung |
ständiges Denken an den Auftritt schon Wochen vorher |
aggressives Verhalten gegenüber der Umwelt |
trockener Mund |
Hilflosigkeit |
über Publikum mit Angst nachdenken |
stereotype Verhaltensweisen |
Erröten oder Blässe |
Ausgeliefertsein |
sich selbst unangemessen kleinmachen |
Auftrittssituation vermeiden |
Zittern an Armen und Beinen |
Verzweiflung |
mit Experten im Publikum beschäftigt sein |
Überaktivität und Aufgedrehtsein |
Übelkeit |
sich bedroht fühlen |
an schwierige Passagen denken |
Flucht in äußere Umstände |
Kopfschmerzen und Schwindel |
Scham |
unbegründete negative Selbsteinschätzung |
sozialer Rückzug |
Harndrang oder Durchfall |
Unlust aufzutreten |
Blackout |
Blockaden |
Tabelle 1: Häufige Anzeichen von Lampenfieber, geordnet nach den vier Ebenen Körper – Gefühl – Denken – Verhalten; die Kombination der vier Ebenen muss nicht der Anordnung in den Zeilen folgen.
Körperliche Ebene
Die bekannten körperlichen Anzeichen des Lampenfiebers, wie schnelle Atmung und beschleunigter Herzschlag, Mundtrockenheit, Zittern, kalte und schweißige Hände etc., sind Ausdruck eines durch Angst ausgelösten physiologischen Programms. Im Körper kommt es dabei zu einer Aktivierung des sympathischen Teils des autonomen Nervensystems. Angst – fright – als Warnsignal stößt Körperreaktionen an, die zum Ziel haben, die maximale Konzentration und Muskelkraft für Kampf – fight – oder Flucht – flight – bereitzustellen. Man spricht in diesem Zusammenhang von den »drei großen F«. Dieses Programm ist phylogenetisch, d.h. bezogen auf die Entwicklungsgeschichte der Menschheit, bereits sehr alt und trägt der Tatsache Rechnung, dass der Mensch – als ein hinsichtlich seiner Köperkräfte eher bescheiden ausgestattetes Wesen – in Gefahrensituationen schnell und mit höchster Konzentration entscheiden können musste, ob es klüger sei zu fliehen (häufig die bessere Option) oder zu kämpfen (bei fraglichen Erfolgsaussichten nicht selten die ungünstigere Variante). Im Vergleich zum Menschen zeigen z.B. Nashörner keine sichtbaren Anzeichen von Angst, die sie auf eine Flucht vorbereiten, da sie den allermeisten anderen Tieren kräftemäßig überlegen sind. Im Kampf mit dem Menschen gereicht ihnen dies heute zum Nachteil, denn sie laufen auch nicht weg, wenn sich ihnen ein Jäger mit Gewehr nähert.
Das autonome (vegetative) Nervensystem steuert die inneren Vorgänge unseres Körpers wie z.B. Kreislauf, Atmung, Verdauung, Muskeltonus, die nicht direkt oder nur zum Teil unserer Kontrolle unterliegen und nicht ohne Weiteres willentlich beeinflussbar sind. Es besteht aus zwei antagonistisch wirkenden Schenkeln, dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Der Parasympathikus ist stärker aktiv in der sogenannten »Hängemattensituation«: Wir haben gegessen, wir verdauen, sind müde, können uns ausruhen und müssen unsere Aufmerksamkeit nicht auf eine Aufgabe richten. Der Sympathikus überwiegt in Situationen, in denen wir wach, konzentriert und auf körperliche und geistige Aufgaben ausgerichtet, also handlungsbereit sind. Man könnte auch sagen, dass wir bei überwiegend parasympathischer Aktivität mehr nach innen, auf uns selbst und bei überwiegend sympathischer Aktivität mehr nach außen orientiert sind.
Beim Auftritt ist der Sympathikus stark aktiviert und wir finden daher alle Symptome, die uns in die Lage versetzen, »fit« für die auf uns zukommende Aufgabe zu sein (Abb. 2). Ausgehend von der ursprünglichen Kampf-Flucht-Situation wird Energie im Körper bereitgestellt, welche die großen Muskeln der Oberarme, der Beine und des Rumpfes mit Sauerstoff und Nährstoffen aus dem Blut versorgt. Um genügend Sauerstoff aufnehmen zu können und die Atmungsfunktion zu optimieren, werden die Bronchien in der Lunge erweitert und die Atmung wird beschleunigt. Der Mund wird trocken. Um das Blut schneller durch den Körper zu pumpen, nimmt der Herzschlag zu. Das Blut zentriert sich in den großen Muskeln. Gleichzeitig verengen sich die Blutgefäße in der Peripherie des Körpers, besonders an den Händen, sodass wir kalte Hände bekommen. Der gesamte Muskeltonus erhöht sich, durch Zittern wird zusätzliche Körperwärme erzeugt. Die inneren Augenmuskeln sind stärker angespannt, sodass unsere Pupillen sich weiten. Die sympathische Aktivierung bewirkt eine direkte Verstärkung der Schweißsekretion und führt damit u.a. zu schweißigen Händen. Die Blasenfunktion wird angeregt und wir verspüren Harndrang. Die Verdauung wird angehalten, d.h. Nahrung entleert sich entweder überstürzt (Durchfall) oder bleibt im Magen liegen (Übelkeit, Erbrechen).
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