Um das Jahr 40 v. Chr. schloss Sallust sein zweites historiographisches Werk ab, das Bellum Iugurthinum . Der Krieg Roms gegen Numiderkönig Iugurtha fand 111-105 v. Chr. statt, und Sallust muss für seine Darstellung einige Forschungen betrieben haben. Auf römischer Seite führten in erster Linie Sulla und Marius das militärische Kommando, was Sallust zum Anlass für allgemeine Ausführungen über die Machtbesessenheit, die Gewinnsucht und die Rücksichtslosigkeit der alteingesessenen Senatorenkaste in Rom nimmt. Der militärische Dilettantismus der Befehlshaber aus dieser Gruppe und die Bestechlichkeit der Senatoren führten einzig zu bitteren Niederlagen, und erst der zu den politischen Aufsteigern gehörende Marius war dazu in der Lage, den Krieg in den Jahren 107-105 v. Chr. zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. Dass Sallust dabei in seiner historischen Darstellung als Anhänger der populares für die eigene Gruppe Partei ergreift, versteht sich von selbst.
Bei dem dritten Werk handelt es sich um seine Historiae , eine allgemeine Geschichte, die er nach 39 v. Chr. begann und die die politischen Ereignisse ab dem Jahr 78 v. Chr. darstellen sollte. Davon liegen heute fünf Bücher in fragmentarischer Form vor, was Aussagen über die Gesamtkonzeption der Schrift unmöglich macht. Gleichwohl ist der Beginn nicht zufällig gewählt, da Sallust nach Exkursen über die Gracchen und den römischen Bundesgenossenkrieg (91-88 v. Chr.) mit dem Tod des Lucius Cornelius Sulla als letztem politisch bedeutendem Vertreter des altrömischen Adels einsetzt. Rebellionen und Aufstände gegen die römische Herrschaft sind dabei in seinen Augen die herausragenden Leistungen seiner politischen Gegner im Senat: Buch I berichtet über Marcus Aemilius Lepidus, der im Jahr 77 v. Chr. mit einem Heer gegen die Stadt Rom zog, Buch II über den Aufstand und die Usurpation des Quintus Sertorius in Spanien, während die Bücher III-V in erster Linie von den Kriegen handeln, die König Mithridates VI. von Pontos, der sich seinerseits auch mit Quintus Sertorius verbündet hatte, gegen die Römer führte. In diesen Abschnitten findet sich auch ein Bericht über den Sklavenaufstand des Spartacus.
Als unecht gelten hingegen seine Invektive gegen Cicero aus dem Jahr 54 v. Chr., eine förmliche Senatsrede gegen seinen prominenten Feind, sowie zwei Briefe, die er an Caesar geschrieben haben soll, in dem er einen Hoffungsträger für einen erfolgreichen Neubeginn des römischen Staatswesens sah.
Literarisches Vorbild für Sallust ist zweifelsohne Thukydides gewesen, den er in formaler Hinsicht nachahmt. Eine annalistische, also nach Jahren gegliederte Darstellung der Ereignisse ist für ihn unbrauchbar, da er anderenfalls seine eigene Meinung zu bestimmten Vorgängen oder seine politischen Wertungen kaum hätte einfließen lassen können. Die monographische Darstellung eines bestimmten Themas, bei dem er nach eigenem Ermessen das aufzeichnen konnte, was ihm wichtig und für ein Verständnis der Dinge in seinem Sinn notwendig erschien, bot sich dagegen an. Um solche Elemente zu unterstützen, fügte er – wie sein Vorbild – fiktive Reden und Briefe in seine Darstellung ein, die den Wendepunkt einer Handlung andeuten und es dem Autor damit rhetorisch gut verdeckt ermöglichen, seine eigene, von außen an die Geschehnisse herangetragene Meinung als die eines unmittelbar Beteiligten erscheinen zu lassen. Dennoch ist Sallusts Sprache keinesfalls weitschweifig, und seiner Betonung der alten römischen Werte, die er durch ihren politischen Missbrauch mehr und mehr bedroht sieht, entspricht sein Gebrauch alter Wörter bzw. Wortformen, aber auch der Vermeidung rhetorischer Füllsel und Floskeln, die der Kürze seines Stils entgegen gestanden hätten. Trotz sprachlicher und stilistischer Kritik zählten Sallusts Werke in der Zweiten Sophistik zu den Mustertexten, mit denen man sich im Rhetorikunterricht auseinander zu setzen hatte, und das war die Grundlage dafür, dass seine Schriften bis heute im Sprachunterricht eingesetzt werden.
Werke:
Sallust. Werke. Lateinisch und Deutsch. Hrg. u. übers. von W. EISENHUT und J. LINDAUER. 2. Aufl. München und Zürich 1994 (Sammlung Tusculum).
Weiterführende Literatur:
St. SCHMAL, Sallust. Hildesheim 2001.
K. HELDMANN, Sallust über die römische Weltherrschaft. Ein Geschichtsmodell im Catilina und seine Tradition in der hellenistischen Historiographie. Stuttgart 1993 (Beitr. z. Altertumskunde, 34).
V. PÖSCHL (Hrg.), Sallust. Darmstadt 1970 (Wege d. Forschung 94).
W. SCHNUR, Sallust als Historiker. Stuttgart 1934.
Titus Livius lebte von ca. 59 v. Chr. bis etwa 17 n. Chr. Nach einem Bericht des Kirchenschriftstellers Hieronymus stammte er aus der Stadt Patavium (heute Padua), wo er auch starb, sein Leben verbrachte er jedoch überwiegend in Rom. Dort wird er auch seine rhetorische Ausbildung erlangt haben. Im erhaltenen Teil seines Werkes lässt er kennen, mit Augustus persönlich bekannt gewesen zu sein, doch kann man diese Angabe nur schwer verifizieren. Viel eher ist anzunehmen, dass er dem ersten römischen Kaiser oder dessen Umfeld im Lauf seiner Arbeit näherkommen konnte. Öffentliche Ämter oder Funktionen sind für ihn nicht belegt, und allem Anschein nach konnte er sich in Rom ausschließlich seinen literarischen Neigungen widmen. Dies setzt jedoch das Ende des römischen Bürgerkriegs voraus, das nach einer langen Phase großer politischer Wirren mit dem Prinzipat des Augustus ein geeignetes Klima für die Entwicklung von Kunst und Literatur entstehen ließ. Livius war keineswegs der einzige Literat, der von dieser neuen Situation profitieren konnte, wenngleich wir nicht wissen, ob er auf diese Weise einen hinreichenden Lebensunterhalt für seine Familie und sich erwirtschaften konnte. Gleichwohl sind als Beweis für eine solche Tätigkeit auch philosophische Dialoge belegt, die Livius geschrieben haben soll, die sich jedoch nicht erhalten haben.
Sein monumentales Geschichtswerk trägt den Titel Ab urbe condita , also [Geschichte des Römischen Reiches] von der Stadtgründung an, womit das legendäre Jahr 753 v. Chr. gemeint ist, in dem das Brüderpaar Romulus und Remus Rom gegründet haben soll. Während seiner Lebenszeit konnte er 142 Bücher Abschließen. Da der Text jedoch sehr unvermittelt mit dem Tod des Nero Claudius Drusus, des Feldherrn und Neffen des Augustus endet, ist wohl davon auszugehen, dass Livius noch weitere Bücher zu schreiben beabsichtigte. Die innere Gliederung des Stoffes legt dabei nahe, dass er womöglich an eine Gesamtzahl von 150 Büchern römischer Geschichte gedacht hatte. Erhalten sind jedoch nur 35 Bücher sowie eine Reihe von Auszügen und Zitaten in anderen Werken. Vollständig überliefert sind dabei die Bücher I-X mit der römischen Frühgeschichte sowie XXI-XLV (Buch XLI nur partiell) für die Jahre 218-167 v. Chr. Daneben liegen Fragmente der Bücher XCI und CXX vor. Über die verlorenen Textabschnitte gibt am besten die sog. Periochae Auskunft, eine im 4. Jh. n. Chr. entstandene Inhaltsgabe des gesamten Geschichtswerks, in der nur die Bücher CXXXVI und CXXXVII fehlen. Die Zuverlässigkeit der Periochae lässt sich dabei anhand von Inhaltsangaben zu insgesamt 14 Büchern überprüfen, die über andere Autoren erhalten blieben. Was die Überlieferungslage dieses schon in der römischen Kaiserzeit sehr beliebten Werkes angeht, das komplett von der Papyrusrolle in die Buchform übertragen wurde, dürften sich einzelne vollständige Texte bis zum Beginn des frühen Hochmittelalters hinein erhalten haben. Erst im 10. bzw. 11. Jahrhundert muss die Handschriftentradition für den gesamten Text abgebrochen sein: Die christlichen Kopisten waren offenbar nur noch an der römischen Frühgeschichte interessiert, für die allerdings Livius auf andere historiographische Quellen hatte zurückgreifen müssen.
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